FeuilletonGesellschaft & Soziales

Volksspeisehallen in Berlin

Daheim • 12.3.1892

Wie segensreich die unter dem Protektorat und der lebhaftesten persönlichen Teilnahme der verewigten Kaiserin Augusta errichteten Volksküchen in Berlin gewirkt haben und noch wirken, ist bekannt. Aber trotzdem in ihnen eine dem nicht verwöhnten Magen vollkommen ausreichende Nahrung zu dem denkbar billigsten Preise verabreicht wird, machte sich doch – und zwar um so fühlbarer, je mehr die Reichshauptstadt zu einer Weltstadt angewachsen ist – ein Bedürfnis geltend, dem die Volksküchen nicht genügen konnten, wenn sie nicht aus den Gesichtspunkten, denen sie ihre Entstehung verdankten, herauswachsen sollten. Sie waren gegründet, um der Not abzuhelfen, sie waren nicht darauf angewiesen, sich selbst zu unterhalten, sondern rechneten und rechnen noch heute auf Zuschüsse, die ihnen reichlich zufließen. Das gibt ihnen durchaus den Charakter von Wohltätigkeitsanstalten, wenn sie auch bei der Austeilung ihrer Speisen nicht nach der Bedürftigkeit des Empfängers fragen, sondern sie einfach gegen Erlegung des bestimmten Preises verabfolgen. Nun ist es aber ein gewiss lobenswerter Charakterzug des anständigen Menschen, dass er sich sträubt, Wohltaten anzunehmen, solange ihn nicht die Not dazu zwingt. Dieser anständige Mensch, der sich in dem für Wochenlohn Arbeitenden ebenso regt wie in demjenigen, der vierteljährlich seine Coupons schneidet, sträubte sich häufig genug dagegen, mit der Inanspruchnahme der Volksküchen sich zu einem Almosenempfänger zu degradieren. Und doch konnte er sich leicht, trotzdem er Arbeit hatte, wenn auch nicht in Not, so doch in Verlegenheit befinden. Volksspeisehalle in BerlinEine neu eröffnete Volksspeisehalle in Berlin. Originalzeichnung von Werner Zehme. Die Zahl der Arbeiter, welche heute noch in Berlin ihrer Wohnung so nahe beschäftigt sind, dass sie in der Mittagspause den Weg nach Hause machen können, ist eine geringe. Meist wohnen sie sogar so entfernt, dass auch die Frauen darauf verzichten müssen, ihnen das Mittagessen, wie es früher fast allgemein üblich war, nach der Arbeitsstelle zu bringen. Dazu kommt die immer mehr anwachsende Zahl jugendlicher Arbeiter, die ohne Familie sind. Sie alle sind häufig darauf angewiesen, auf ein regelrechtes Mittagessen zu verzichten und sich mit dem auf den Arbeitsplatz mitgenommenen Brot und dem Stückchen Wurst zu begnügen, die ein Schluck aus der Schnapsflasche genießbarer macht. Denn die meisten Destillationen sind auf warme Küche gar nicht eingerichtet, in den geringeren Restaurants verteuert der obligatorische Biergenuss die ohnehin meist nicht dem Gebotenen entsprechenden Preise, und die besseren Lokale kommen für den Arbeiter, auch wenn er gut verdient, zum täglichen Besuch erst recht nicht in Frage. Ein Bedürfnis, diesem Teil der Bevölkerung, der eine Wohltätigkeitsanstalt weder in Anspruch zu nehmen nötig hat, noch sie in Anspruch nehmen will, eine Stätte zu schaffen, wo er seinen Bedürfnissen entsprechend, aber mit dem Bewusstsein nichts geschenkt zu erhalten, Mittag speisen kann, lag seit Jahren vor; eines jener Bedürfnisse, bei deren Befriedigung das Großkapital sich segensreich erweisen konnte, ohne dass ihm ein anderes Opfer zugemutet wurde, als auf weittragende Spekulationen zu verzichten und sich mit dem bescheidensten Gewinn zu begnügen. Denn nur das Großkapital war imstande, dem Bedürfnis entsprechende Anlagen zu schaffen und durch Großbetrieb bei richtiger Organisation ein Unternehmen ins Leben zu rufen, das allen Grundsätzen der Billigkeit Rechnung tragen und trotzdem bestehen konnte. In den Volksspeisehallen, deren bisher zwei in den Stadtgegenden, wo das Bedürfnis nach ihnen am meisten empfunden wurde, in der Wallstraße und der Neuen Schönhauserstraße, eröffnet sind, scheint diese Frage einer befriedigenden Lösung entgegenzugehen. Die Einrichtung derselben ist so ausgezeichnet organisiert, der Besuch ein so lebhafter, dass an ihrem Bestand nicht mehr gezweifelt werden kann. Für zwanzig oder dreißig Pfennig, je nachdem er einer halben oder ganzen Portion zu bedürfen glaubt, erhält der Besucher ein Mittagessen, das aus einer Suppe und Braten mit Kartoffeln oder Fleisch und Gemüse besteht. Es ist jeden Mittag nur ein Gericht zu haben, aber der Wochenzettel weist eine genügende Abwechselung auf. Für fünf Pfennig schon bekommt man ein Glas Bier, aber der Biergenuss ist nicht obligatorisch. Spirituosen werden gar nicht verabreicht, dagegen wird Milch und Kaffee ausgeschenkt und die Abendspeisekarte weist täglich eine Auswahl von vier bis fünf einfachen aber nahrhaften Gerichten auf. Männer und Frauen speisen in besonderen Sälen, ein dritter Raum ist für Familien bestimmt. Dass das im besten Sinne gemeinnützige Unternehmen des lebhaften Interesses unserer Kaiserin sicher ist, bewies die hohe Frau, indem sie der Eröffnung des Volksspeisehauses in der Neuen Schönhauserstraße, das eigens für seinen Zweck erbaut ist, persönlich beiwohnte.

• Otto Preuß.

Zu dem Aufsatz

»Volksspeisehallen in Berlin«

Daheim • 7.5.1892

Die Irrtümer, welche der geehrte Verfasser über den Verein der Berliner Volksküchen von 1866 ausspricht, sind geeignet, den Lesern dieser geschätzten Zeitschrift falsche Begriffe von diesen Anstalten beizubringen, indem er gerade das Gegenteil von dem behauptet, was ihr Wesen und ihre Bedeutung für die öffentliche Wohlfahrt ausmacht. Herr Preuß sagt: »Sie waren nicht darauf angewiesen, sich selbst zu erhalten, sondern rechneten und rechnen noch heute auf Zuschüsse, die ihnen reichlich zufließen. Das gibt ihnen durchaus den Charakter der Wohltätigkeitsanstalten, wenn sie auch bei der Austeilung ihrer Speisen nicht nach der Bedürftigkeit des Empfängers fragen, sondern sie einfach gegen Erlegung des bestimmten Preises verabfolgen.«

Ganz entgegengesetzt diesen Behauptungen hat es von Beginn ab in der Absicht der Begründerin gelegen und ist als erster Grundsatz in das Statut aufgenommen worden: die Volksküchen nur auf Selbsterhaltung einzurichten, um ihnen jeden Schein des Almosens zu nehmen, damit kein Bedürftiger zurückschrecke, den Bedarf aus ihnen zu entnehmen. § 1 des Statuts lautet: »Der Verein der Berliner Volksküchen von 1866 lässt in den von ihm eingerichteten, auf dem Grundsatze der Selbsthilfe beruhenden Küchen billige und gesunde Speisen bereiten, welche er an jedermann ohne Unterschied verkauft.«

Außer dem Anlagekapital im Jahr 1866, welches durch Sammlung 4359 Taler, 14 Sgr. und 3 Pf. betrug, ist in den 26 Jahren ihres Bestehens niemals ein Pfennig Zuschuss von irgend einer Seite zum Betrieb der Volksküchen angenommen worden. Die einzige Hilfe, welche geleistet wird, ist die persönliche Tätigkeit der Vorstandsmitglieder, der Vorsteherinnen und Ehrendamen zur Aufsicht, Leitung und Kontrolle der Küchen.

Der Verein befindet sich auch in der glücklichen Lage, keiner Zuschüsse zum Betrieb zu bedürfen, da er das Ziel der Selbsterhaltung seit 1868 erreicht und bei einem Konsum von jährlich 2 750 000 Portionen bereits einen Reservefonds von 100 000 Mark besitzt, der ihm gestattet, auch in den Zeiten der Teuerung keine höheren Preise zu nehmen, obgleich die Generalunkosten um das Vierfache gestiegen sind; allein die Mieten für die sechzehn Lokale betragen mit Steuern 30 000 Mark. Da die Volksküchen keine Speisen verschenken dürfen, begründeten die teilnehmenden Damen eine Unterstützungskasse zur Erteilung von Gratisspeisen an Bedürftige, in welche alle Geschenke von Wohltätern und Behörden fließen und welche allein im verflossenen Winter über 3000 notleidende Familien unterstützte.

Was die Volksküchen von den Volksspeisehallen unterscheidet, die sehr gut organisiert und gewiss auch segensvoll für wenig Bemittelte sind, ist der Umstand, dass diese letzteren auf Aktien begründet sind und den Aktionären Dividende zahlen, der Volksküchenverein jedoch seine kleinen Überschüsse nur dem Reservefonds zuweist.

• Lina Morgenstern,
Begründerin und seit 26 Jahren Vorsitzende des Vereins der Berliner Volksküchen von 1866.

• Auf epilog.de am 12. Dezember 2021 veröffentlicht