Feuilleton – Leben & Werk
Englische Ingenieure 1750 – 1850
Thomas Telford
Von Theodor Beck
Zeitschrift für Architektur und Ingenieurwesen • Mai 1901
Thomas Telford wurde am 9. August 1757 in einer einsamen Hütte der schottischen Grafschaft Dumfries geboren. Sein Vater John war Hirte der Schäferei Glendinning im Meggattal, das oberhalb des Weilers Westerkirk in das Esktal mündet, während einige Meilen abwärts das Städtchen Langholm liegt. Wenige Monate nach der Geburt seines Sohnes starb John und wurde auf dem Kirchhof von Westerkirk begraben, wo ihm sein Kind, sobald es den Meißel zu führen gelernt hatte, einen Grabstein setzte.
Abb. 1. Der schottischer Bauingenieur Thomas Telford (1757 – 1834) entwarf zahlreiche Infrastrukturprojekte, darunter Straßen, Brücken und Kanäle. Als Mitbegründer und erster Präsident der Institution of Civil Engineers trug er zur Etablierung des Berufsstandes bei. Er entwickelte zudem neue Methoden für den Straßenbau. Seine Witwe musste für ihren und ihres Kindes Unterhalt bei den umwohnenden Pächtern arbeiten, die sie anfangs abwechselnd bei sich aufnahmen. Auf Pfingsten nach dem Tod ihres Mannes aber bezog sie die Hälfte einer Hütte, die etwa in der Mitte zwischen Glendinning und Westerkirk an einem Platz namens ›The Crooks‹ lag. Trotz aller Armut wuchs ihr Kind zu einem so gesunden und munteren Knaben heran, dass ihn die Nachbarn den ›lachenden Thom‹ nannten. Als er alt genug dazu war, hütete er, wie sein Vater, Schafe und suchte, sich nach Kräften bei den Pächtern nützlich zu machen, wofür er jährlich ein Paar Strümpfe und fünf Schillinge für Holzschuhe erhielt. So kam allmählich die Zeit heran, dass er die Gemeindeschule von Westerkirk besuchen musste. Man nimmt an, dass sein Vetter Jackson den größten Teil der Kosten dieses Unterrichts trug.
Als die Schulzeit vorüber war, gab man den Jungen einem Maurer in Lochmaben, einem jenseits der westlichen Hügel gelegenen Städtchen, in die Lehre; doch behandelte ihn dieser schlecht, und nach wenigen Monaten lief Thom weg und kehrte zu seiner Mutter zurück, die darüber unglücklich war. Durch die Bemühungen des Vetters Jackson, des Verwalters in Wester Hall, dem Herrenhaus von Westerkirk, gelang es, den Jungen für den Rest seiner Lehrzeit bei dem Maurer und Steinmetzen Thomson in Langholm unterzubringen; doch war auch dessen Geschäft sehr bescheidener Art, denn die Häuser der Pächter in dem Bezirk bestanden nur aus Lehmwänden oder in Lehm gebetteten Bruchsteinen mit Strohdächern. Herzog Heinrich von Buccleugh, der im Jahr 1767 in jener Gegend zur Herrschaft gekommen war, ließ indes die Gebäude für seine Pächter und die Wege im Esktal verbessern, und aus den sich hieraus ergebenden Arbeiten zog Telford großen Nutzen, obgleich es nur rohe Gebäude und Brücken waren, die er zu mauern bekam.
Auch Langholm bestand größtenteils aus Lehmhütten, doch gab es auch einige bessere Häuser darunter, und in einem derselben wohnte eine ältliche Dame aus der angesehenen Familie der Pasleys of Craig. Thom, der muntere Maurerjunge wurde im ganzen Städtchen bekannt, und als Miss Pasley hörte, dass er der Sohn einer armen, hart arbeitenden Witwe sei, nahm sie sich seiner an und lud ihn in ihr Haus ein. Nicht weniger als über Miss Pasleys Güte war Thom über ihre kleine Büchersammlung erfreut, die er benutzen durfte, und trug von da an stets ein Buch bei sich, um in jeder freien Minute darin zu lesen. So erwarb er sich die ersten Kenntnisse in der englischen Literatur, woran er so große Freude hatte, dass er in seinem 22. Jahr anfing, selbst Verse zu machen.
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