Verkehr – Fernmeldewesen

Neue Erfindungen und Kulturfortschritte

Das Telefon in der Praxis

Von Max Wirth

Über Land und Meer • September 1879

Voraussichtliche Lesezeit rund 5 Minuten.

Seit unseren  letzten Mitteilungen über das neue Wunderinstrument sind so bedeutende Verbesserungen in der Konstruktion des Fernsprechers gemacht worden, dass selbst die kühnsten Träume, welche bei dem ersten Auftauchen des Instruments gehegt wurden, ihrer Verwirklichung entgegenzugehen scheinen. Nachdem das erste Erstaunen über die neue Erfindung sich gelegt hatte, welche gewissermaßen den Schleier vor einer unbekannten Landschaft zerrissen hatte, machte sich eine gewisse Enttäuschung geltend, weil das Telefon des Professors Graham Bell in seinen ersten Leistungen nicht ganz den hochgeschraubten Erwartungen entsprach, welche man nach den tönenden Zeitungsnachrichten davon gefasst hatte. Überdies war Graham Bells Instrument, weil derselbe versäumt hatte, Patente zu nehmen, gleich von Anfang an von allen möglichen berufenen und Mechanikern nachgemacht worden, so dass sogar Exemplare in den Handel kamen, welche gar keinen Ton von sich gaben, was zur Erheiterung mancher lustigen Gesellschaft beitrug. - R E K L A M E - Neue Bahnen denken - Alternative Schienenverkehrskonzepte im 19. Jahrhundert Die Folge davon war, dass man anfing, das Telefon für einen ganz interessanten physikalischen Apparat, vom Standpunkt des praktischen Gebrauchs aber für eine Spielerei zu halten. Alle die kühnen Hoffnungen, welche man an die neue Erfindung geknüpft hatte, als ob sie das große Sprachrohr der Zentralverwaltung werden könnte, durch welches dieselbe ihre Befehle den Beamten an den äußersten Grenzen des Reichs unmittelbar erteilen und direkte Auskunft erhalten könnte, schienen in das Reich der Fantasie verwiesen werden zu müssen.

Mittlerweile sind indessen die Elektrotechniker nicht müßig gewesen, und es haben sowohl der erste Erfinder, Professor Graham Bell, als mehrere andere Physiker seitdem wirksamere Instrumente konstruierten. Vor allem ist es aber dem viel­genann­ten New Yorker Erfinder Edison gelungen, mittels einer wesentlichen Änderung ein so starkes Telefon herzustellen, dass es nun nicht mehr nötig ist, an der Empfangsstation das Ohr an das Hörrohr des Telefons zu legen, sondern dass der versandte Schall in dem ganzen Raum jedem Anwesenden deutlich vernehmbar wird. Diese Eigenschaft schließt nicht aus, auch zwischen zwei Stationen, in deren Zimmern sich mehrere Personen befinden, vertrauliche Mitteilungen zu machen, denn man braucht in solchem Fall, wie im gewöhnlichen Leben, die Stimme nur zum Flüsterton zu ermäßigen.

Hand in Hand mit dieser Verbesserung des Instruments hat in aller Stille auch die praktische Einführung desselben im Leben Fortschritte gemacht, welche doch die ersten Hoffnungen vollständig zu verwirklichen scheinen. Während gleich anfangs in Deutschland das Reichstelegrafen- und Generalpostamt mit der Einrichtung von ein paar Dutzend telefonischen Stationen vorging, ist dieser Dienst in einigen Städten Amerikas, wie New York, Philadelphia und Chicago, ins praktische Geschäftsleben eingeführt worden. Auch in London ist noch gegen Ende des Jahres 1878, gleich nach dem Eintreffen des neuen Edison­schen Instruments, ein telefonischer Verkehr mit dem vollständigsten Erfolg zwischen einem Geschäftshaus in Cannon-Street in London und dessen 180 km weit im Land befindlicher Fabrik eingerichtet worden. Gegenwärtig ist man aber am Werk, zwischen den Geschäftshäusern der City von London ein förmliches telefonisches Netz nach einem neuen System herzustellen, wie es bereits in den Vereinigten Staaten, wo gegenwärtig über 28 000 Telefone im Gebrauch sind, in sinnreicher Weise eingerichtet ist.

Um unseren Lesern einen deutlichen Begriff dieser Einrichtung zu geben, halten wir uns an die Organisation, welche seit Anfang dieses Jahres in Chicago hergestellt worden ist. Man hat die Organisation des Tele­grafen­dienstes in geschickter Weise auf die neue Anstalt adaptiert. Die Einrichtung besteht aus einer Zentralstation mit einer Anzahl von Nebenbüros als Knotenpunkte, von denen die Leitungen in die einzelnen Häuser gehen. Von jedem der Knotenpunkte, welche in den verschiedenen Teilen der Stadt sich befinden, gehen hundert Leitungen oder mehr in die einzelnen Häuser, deren Bewohner auf den Gebrauch des Telefons sub­skribiert haben. Die ganze Einrichtung ist nämlich das Unternehmen einer Privatgesellschaft, welche sowohl die Stationen einrichtet, als die Drähte legt und den Abonnenten die Instrumente leihweise gegen einen Jahresbeitrag überlässt. Die Knotenpunkte stehen sowohl mit den einzelnen Abonnenten, als wieder unter sich und mit der Zentralstation in Verbindung. Der Dienst geschieht in folgender Weise: Ein Abonnent, welcher mit einem Geschäftsfreund zu sprechen wünscht, gibt der Station an seinem Knotenpunkt das Signal, welches in der Regel in dem Rühren einer Glocke besteht, dass er zu sprechen wünscht. Der Beamte auf der Station stellt die gewünschte Verbindung mit dem anderen Abonnenten her, das Zwiegespräch geht vonstatten, und sobald es vollendet ist, gibt der Abonnent der Station wieder ein Zeichen, dass die Verbindung abgestellt werden kann. Befindet sich der Abonnent, an welchen eine Ansprache gerichtet werden soll, in einer anderen Station, so gibt der Beamte der Zentralstation das Zeichen, welches die Verbindung mit der betreffenden Nebenstation herstellt. Ähnlich ist das Verfahren, wenn die Station mit der betreffenden anderen Nebenstation in direkter Verbindung steht. Durch diese Einrichtung wird der Verkehr in großen Handels- und Fabrikstädten in ganz unglaublicher Weise erleichtert. Man braucht sich nur die schon längst in vielen Geschäftshäusern und Fabriken bestehende Einrichtung der Sprachrohre und die große Erleichterung des Verkehrs zwischen dem Chef eines Geschäfts mit seinen Beamten, welche dadurch bewirkt wird, zu vergegenwärtigen, um sich einen Begriff davon zu machen, in welch höherer Potenz die Kommunikation zwischen Tausenden von Geschäftsleuten einer ganzen Stadt dadurch beflügelt werden wird. - R E K L A M E - Zeitreisen mit Luftschiffen und nach Paris Die Sache hat auch solchen Anklang gefunden, dass in Chicago sofort mehrere Tausend Abonnenten sich fanden und die Bezirks-Telefongesellschaft Ende Februar 1879 mit dem Legen der Drähte für fünfhundert Abonnenten im Rückstand war. Der telefonische Verkehr bringt auch eine wesentliche Förderung des Sicherheitsdienstes mit sich, da die Polizeibüros und die Feuerwehrstationen in wenigen Minuten die erforderlichen Warnungen und Befehle mitgeteilt erhalten können. Es kann dadurch viel Schaden an Leben und Gut verhütet werden.

Wie der telefonische Dienst in einer und derselben Stadt, so kann derselbe auch über ein ganzes Land hin organisiert werden, und es wird vielleicht bald dahin kommen, dass Geschäftsleute in der City von London mit den Kommissionären und Fabrikanten in den übrigen großen Handels- und Industriestädten Großbritanniens in telefonischer Verbindung stehen, so dass der große Geschäftsverkehr des ganzen Reichs mit einer großen Börse zu vergleichen ist. Auch in Deutschland werden wir nicht zurückbleiben, und es werden sowohl die Staats- wie die städtischen Verwaltungen sich bald des neuen Instruments in ausgedehnterer Weise bedienen. Im Geschäftsleben werden wohl die großen Fabriken mit gutem Beispiel vorangehen, zuerst ihre verschiedenen Abteilungen unter sich, dann aber das Etablissement selbst mit seinen Niederlassungen in der Stadt in telefonische Verbindung zu setzen. Vielleicht ist auch der deutsche Buchhandel mit seiner sinnreichen, umfassenden Organisation einer der ersten Geschäftszweige, welcher die neue Einrichtung bei sich einführt. So wird die Erfindung ein neues Mittel zur Hebung der Erwerbstätigkeit und des Nationalwohlstandes.

• Auf epilog.de am 15. Oktober 2026 veröffentlicht

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