Verkehr – Fernmeldewesen
Neue Erfindungen und Kulturfortschritte
Der Sonnentelegraf
Von Max Wirth
Über Land und Meer • Juli 1879
Seit geraumer Zeit hat man die Neuerungen in der Telegrafie nur auf dem Wege des Elektromagnetismus gesucht, und im Telefon ist nach den Verbesserungen, welche Edison und Andere neuerdings an diesem sinnreichen Instrument angebracht, so dass der Schall in seiner vollen Stärke an der Endstation anlangt und im ganzen Zimmer gehört werden kann, ohne dass man das Instrument an das Ohr zu halten braucht, der echte Bruder des elektrischen Telegrafen erstanden.
Es war daher eine große Überraschung, als durch die Kriegskorrespondenten in Indien die Nachricht zu uns drang, dass die Expeditionsarmee in Afghanistan mit einem neugearteten Zeichenapparat ausgerüstet sei, durch welchen sie im Stande wäre, bei hellem Wetter Botschaften in direkter Linie und ohne Zwischenstation bis auf die Entfernung von 150 km zu versenden. Da bei einer solchen Entfernung die Rundung der Erde schon als ein wesentlicher Faktor in Betracht zu ziehen ist, so kann diese Telegrafie natürlich nur von erhöhten Punkten bzw. von Bergen aus geschehen. Diese Entfernung ist weit beträchtlicher als diejenige, welche bei dem Zeichentelegrafen eingehalten werden konnte, der vor der Einführung der elektrischen Telegrafie namentlich in Preußen und in Frankreich gebraucht wurde und bei dem von Kirchturm zu Kirchturm gesprochen wurde, in ähnlicher Weise, wie es heute noch bei den Kriegsschiffen geschieht. Der Leser erinnert sich wahrscheinlich aus der Jugendzeit, ein oder das andere Mal seinen Nachbar damit gefoppt zu haben, dass er, sei es mit der Scheibe des hin und her bewegten Fensters oder mit einem kleinen Spiegel, Sonnenstrahlen auffing und mit deren Reflex den Arglosen zu blenden versuchte. Dieser Unfug in System gebracht, ist der Gedanke, welcher der neuen Spiegeltelegrafie zu Grunde liegt. Zu dessen Ausführung genügen zwei kleine Spiegel von je 15 cm Durchmesser, wovon der eine den Reflex der Sonnenstrahlen in angemessene Bewegung versetzt, in gewisse Entfernung versendet und der andere sie auffängt. Der Gedanke ist auch für praktische Zwecke kein neuer mehr, denn schon Alexander der Große soll seiner Flotte den Weg durch den persischen Meerbusen mittelst Spiegeln haben zeigen lassen. Die Indianer Nordamerikas gebrauchen schon seit Jahrhunderten Sonnenblitze zum Signalisieren und die Russen bedienten sich einer ähnlichen Methode bei der Belagerung von Sebastopol. Wahrscheinlich ist unser regnerisches Klima und der Umstand, dass die erfinderischen Nationen hauptsächlich im Norden wohnen, daran schuld, dass dieses Telegrafiersystem nicht schon früher zur praktischen Einführung gekommen ist, weil es vor der Einführung der elektrischen Telegrafie eine bedeutende Wohltat gewesen wäre. Jetzt muss dasselbe natürlich vor dem elektrischen Telegrafen weichen und ist nur da am Platze, wo der elektrische Draht noch nicht gelegt ist oder noch nicht gelegt werden kann. Auch sogar im nebeligen England ist aber schon bei der Anfertigung der Generalstabskarte ein ähnliches Instrument, der Heliostat, mit Vorteil verwendet worden, indem durch eine sinnreiche Kombination eines beweglichen Spiegels mit Teleskopen Dreiecke mit Schenkeln von 150 km erzielt wurden. Es scheint, dass die ersten praktischen Versuche mit regelrechter Spiegeltelegrafie vom Ingenieur-Leutnant Parott in Neu-Südwales angestellt worden sind. Demselben gelang es, von einem 460 m hohen Berg in eine Entfernung von 60 km bis zu dem 120 m über dem Meeresspiegel befindlichen Leuchtturm des Hafens Jackson nicht bloß einzelne Zeichen zu geben, sondern die Lichtblitze so systematisch zu ordnen, dass ganze Worte und Sätze verständlich wurden.
Das erste praktische Instrument für die Spiegeltelegrafie, ein tragbarer Heliograph, wurde von einem Beamten des persischen Regierungstelegrafenamtes, H. Mance, konstruiert, welcher systematisch für die Übersendung von Sonnenstrahlen durch Reflex eingerichtet ist. Die durch dieses Instrument gegebenen Signale sind bei reiner Atmosphäre und unter den entsprechenden Voraussetzungen gerade so weit sichtbar, als es der gegebene Horizont zulässt. Sie sind, wie bemerkt, schon auf die Entfernung von 150 km gesehen und gelesen worden. Der Heliograph besteht aus einem eigens präparierten Spiegel mit einem sinnreich konstruierten Mechanismus, mittels dessen die Sonnenstrahlen mit absoluter Sicherheit auf jeden gewünschten Punkt zurückgeworfen werden, trotz der scheinbaren Bewegung der Sonne. Durch den Druck einer Taste können die Spiegelblitze von kurzer oder langer Dauer gemacht werden, so dass das Instrument sich ganz dem Morseschen Telegrafenalphabet anpasst. Ein zweiter Spiegel ist zu dem Zweck angebracht, um das Signalisieren ohne Rücksicht auf die Stellung der Sonne zu ermöglichen. Ein für den Felddienst ausgerüstetes Instrument wiegt nur 3 – 4 kg und wird auf einem leichten dreifüßigen Gestell benutzt und der ganze Apparat kann von einer einzigen Person bedient werden.
Dieser Apparat ist in Indien schon seit mehreren Jahren bekannt und von englischen Generälen vielfach mit vollkommenem Erfolg probiert worden. Einer der kommandierenden Generäle der afghanischen Expeditionsarmee, Generalmajor Roberts, hatte, als er noch Generalquartiermeister in Bengalen war, einen sehr günstigen Bericht darüber erstattet, und auf seine Empfehlung hin hatte Lord Napier von Magdala eine Anzahl von Instrumenten angekauft, welche sich bei den Manövern vollständig bewährten. Erst die Jowaki-Afridi-Expedition gab der indischen Regierung die Gelegenheit, den Heliographen im Winter 1877 / 78 zuerst im Krieg zu erproben, und die Instrumente haben sich als von so unschätzbarem Nutzen bewährt, die Gutachten der Fachmänner lauteten so außerordentlich günstig, dass die Regierung sich bei Beginn des afghanischen Krieges entschloss, jede Division des afghanischen Heeres mit Heliographen auszurüsten. Durch dieses Instrument war es, dass die Nachricht von der Einnahme des Forts Ali Musjid von dem Berg über demselben an die Garnison nach Peschawer telegrafiert wurde.
Kürzlich haben auch die Vereinigten Staaten, Frankreich und Belgien den Heliographen bei der Armee eingeführt und Spanien hat angefangen, die Spiegeltelegrafie zum Sprechen mit Tanger, Tarifa, Ceuta und Algeciras zu verwenden, weil das Telegrafenkabel in der Meerenge von Gibraltar zu oft beschädigt wird, sowie auf einer Anzahl seiner Westindischen Inseln, welche durch das Kabel noch nicht verbunden sind.