Forschung & TechnikTechnik

Schlittschuh laufen auf künstlichem Eis

Prometheus • 17.5.1893

Voraussichtliche Lesezeit rund 4 Minuten.

Schon vor mehr als drei Jahren wurde unter dem Namen ›Eispalast‹ in Paris ein Unternehmen begründet, das dazu bestimmt war, zu allen Jahreszeiten auf wirklichem Eis zum Schlitt­schuh­lauf Gelegenheit zu bieten. Es wurde zu diesem Zweck eine ungefähr 2000 m² große Fläche unter Wasser gesetzt, jedoch fand man, als man das Wasser gefrieren lassen wollte, leider zu spät, dass die Einrichtung verschiedene Fehler hatte. Trotz vorzüglicher Maschinen gelang es nicht, die ganze Wasserfläche zum Gefrieren zu bringen, vielmehr trat eine Eisbildung nur am Rand ein, und zwar nicht einmal an dem ganzen Umfang. Die Direktoren der Gesellschaft fassten einen heroischen Entschluss, d. h. sie ließen Wagenladungen von Eisschollen bringen und stellten vermittelst derselben eine Eisfläche her, auf der zwar einige Schlittschuhläufer das Glück hatten, ihre Künste erproben zu können, die jedoch in einer kurzen Nacht dahinschmolz, so dass das ganze Unternehmen im wahren Sinne des Wortes ins Wasser gefallen war.

Man hatte sich bei der Herrichtung dieser Eisbahn allzu sehr beeilt und ohne genügende praktische Erfahrungen ein Unternehmen ins Leben gerufen, das gehörig studiert sein wollte. Jedoch einmal angeregt wurde die Idee, welche an sich gut war, im verflossenen Herbst wieder aufgenommen, nachdem sie vorher reiflich erprobt und durchdacht war. Die Bemühungen waren vom Erfolg gekrönt, und seit Oktober 1892 läuft man bei Tag und Nacht auf dem ›Nord Pol‹ in Paris auch bei ungünstigem Wetter auf Schlittschuhen.

Der Maschinenraum des Etablissements ist ausgestattet mit zwei Corliss-Dampf­maschinen von je 50 PS, welche zwei doppeltwirkende Lindesche Eismaschinen treiben. Die letzteren sind Pumpen, welche gasförmiges Ammoniak in flüssiges umwandeln, zu welchem Zweck sie das Gas in große Kondensatoren drücken. In den Kondensatoren tritt in Folge einer durch die städtische Wasserleitung gespeisten Wasserzirkulation eine starke Kühlung des Ammoniakgases ein, wodurch dasselbe in den flüssigen Aggregatzustand umgewandelt wird und sich in kleinen Zylindern ansammelt; von diesen wird dasselbe in weite Reservoirs, die sogenannten Gefrierer, geleitet, in denen sich das Ammoniak wieder in den gasförmigen Aggregatzustand unter Erzeugung von Kälte verwandelt. Aus den Gefrierern gelangt das gasförmige Ammoniak wieder in die Maschinen, von welchen es abermals in die Kondensatoren unter Veränderung des Aggregatzustandes gedrückt wird, so dass das Ammoniak ständig einen Kreisprozess durchläuft, in welchem es abwechselnd gasförmig und flüssig wird, unter Bindung bzw. Freigabe von Wärme, wobei stets dieselbe Menge Ammoniak benutzt wird. Die Temperaturabnahme, welche in den Gefrierern bei der Umwandlung des Ammoniaks in den gasförmigen Zustand eintritt, wird dazu benutzt, eine nicht gefrierende Flüssigkeit (eine Lösung von Calciumchlorid) stark abzukühlen, die in den Gefrierern in Spiralröhren zirkuliert und durch eine Pumpe in ein auf dem Boden der Eisbahn angebrachtes Röhrensystem gedrückt wird. In dieser Anordnung liegt insofern ein wesentlicher Unterschied zwischen der früher versuchten und der jetzigen Einrichtung, als bei der ersteren das Ammoniak in den gasförmigen Aggregatzustand direkt in dem Röhrensystem unter der Eisbahn verwandelt wurde, während bei der neuen Einrichtung die Gefrierer eingeschaltet sind. Dass die vor drei Jahren gemachten Versuche misslangen, lag eben daran, dass die Abkühlung direkt in dem Röhrensystem unter der Eisbahn stattfand, wodurch eintretende Undichtigkeiten unvermeidlich waren, die bei der Länge des Röhrensystems von mehreren Kilometern die nachteiligsten Folgen ausübten.

Die neue Eisbahn ist 40 m lang und 18 m breit und besteht aus einem Zement- und Korkboden mit wasserdichtem Unterbau, auf welchen eine Reihe von kommunizierenden eisernen Röhren gelegt ist, die eine Gesamtlänge von 5000 m haben und in mehrere Abteilungen zerfallen; jede Abteilung erhält ihren Zufluss durch zwei Haupt­zuführungs­röhren, in welche die Lösung von Calciumchlorid eintritt, und zwar in einem Kältezustand, wie er gerade erforderlich ist. Die zugeführte Kältemenge ist regulierbar und hängt von der Geschwindigkeit der zirkulierenden Flüssigkeit ab, welche beliebig verändert werden kann. Wenn die Außentemperatur nicht sehr hoch ist und es sich nur darum handelt, das Eis vor dem Zerbröckeln zu bewahren, so genügen dazu einige Grad unter null, dagegen muss eine Abkühlung auf −7 bis −10° C stattfinden, wenn die ganze Eisbahnfläche oder auch nur die obere Schicht derselben erneuert werden soll. Eine Erneuerung der Oberfläche findet in jeder Nacht statt. Nachdem der Schnee, welcher durch die Einschnitte der Schlittschuhe erzeugt wird, entfernt worden ist, wird vermittelst einer Pumpe auf die Eisfläche eine dünne Schicht Wasser aufgebracht, welche nun zum Gefrieren gebracht wird, so dass eine vollständig glatte Oberfläche erzeugt wird. Um das Röhrensystem an Expansionsbewegungen zu hindern, welche Ungleichheiten in der Fläche erzeugen könnten, wenn die Temperatur stark wechselt, sind die einzelnen Röhren so zusammengefügt, dass sie gewissermaßen eine einzige große Expansions- und Kontraktions­fläche darbieten. Sie bilden so Gleitflächen, welche ein gewisses Spiel der Röhren ineinander zulassen; außerdem hat man dafür Sorge getragen, dass sich der Lauf des Flüssigkeitsstroms so häufig als möglich ändert, um die Temperatur überall in den Röhren auf derselben Höhe zu erhalten, so dass eine gleichmäßige geringe Temperatur in dem ganzen System hergestellt wird.

Die ganze Einrichtung hat sich aufs Beste bewährt und bietet zahlreichen Schlittschuhläufern willkommene Gelegenheit, stets ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen zu können.

Erwähnt sei noch, dass ein Teil der durch die Motoren erzeugten Kraft zur Beleuchtung der Halle verwendet wird, welche mit Winterlandschaften geschmückt ist. Weiter hat man aber die Winternachahmung nicht getrieben, im Gegenteil ist ein Heizapparat vorgesehen, welcher die Temperatur in der Halle beständig auf 15 – 16° C erhält.

• Auf epilog.de am 2. Februar 2026 veröffentlicht

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