Handel & IndustrieBergbau

Das Salzwerk von Wieliczka

Das Neue Universum • 1880

Voraussichtliche Lesezeit rund 7 Minuten.

In unserer an Verkehrsmitteln so reichen Zeit ist es weder beschwerlich, noch sehr kostspielig, die berühmte Bergwerksstadt Wieliczka in Galizien zu erreichen und ihre unterirdischen Wunder anzu­staunen. Sie sind schon oft wahrheitsgetreu geschildert worden, doch gibt es auch Besucher, denen das wirklich Vorhandene noch nicht wunderbar genug ist und die dann in der Beschreibung ihrer Fantasie freien Lauf lassen. In der Tat wird von keinem Bergwerk so viel gefabelt, wie von dem Steinsalzbergwerk zu Wieliczka. Doch fürchte der freundliche Leser nicht, hier ebenfalls solchen Fabeln zu begegnen.

Das Städtchen Wieliczka breitet sich in einer welligen Gegend aus, die sich an die nördlichen Ausläufer der Karpaten anlehnt. Da und dort unterbrechen Baumgruppen das angebaute Ackerland und die Wiesen in der Niederung. Vor unserer Ankunft hat es lange geregnet, noch ist der Himmel grau und die Wege sind so kotig, dass man darin versinkt. Doch zum Glück erbietet sich ein schmutziger polnischer Kutscher in noch schmutzigerem Pelzwerk, uns nach dem Bergwerk zu fahren. Sein Fuhrwerk ist ein großer Korb auf vier Rädern, sein Roß eine arme kleine magere Mähre, die auf der einen Seite der Deichsel angespannt ist. Hü! und schneller geht es fort, als zu erwarten war.

Eine Karte für 2 Gulden öffnet uns das Bergwerk. Von den elf Tag­schachten sind zwei in der Stadt selbst; wir stehen am Kaiser-Franz-Schacht, der Sitte gemäß überziehen wir unseren äußeren Menschen mit besonderer Bergmannskleidung, um die unsere zu schonen, obgleich es nicht nötig wäre, und dann geht es auf einer Treppe von 26 Absätzen, jeder mit 10 Stufen, abwärts. Fahrleitern sind in diesem Bergwerk nicht, wohl aber gibt es, wie in anderen Bergwerken, auch besondere Einrichtungen, mit Hilfe deren man sehr rasch, ruhig sitzend, in die Tiefe fahren kann.

Ein Steinsalzbergwerk unterscheidet sich sehr vorteilhaft von jedem anderen durch seine Trockenheit und Reinlichkeit. In einem Kupfer-, Blei- oder Eisenstein-Bergwerk z. B. tropfen die Wände der Schachte und Stollen, die Fahrleitern sind schmierig und kotig und erfordern große Vorsicht, dass man nicht mit den Händen abgleitet. Oder du gehst auf dem schmalen Laufbrett im Stollen bei der unsicheren Beleuchtung durch dein Grubenlicht voran, du trittst neben das Brett und kommst über und über bis ans Knie ins Wasser und schließlich über und über besudelt wieder zu Tage.

Steinkohlenbergwerke sind in der Regel auch trocken, aber der schwarze Staub ist überall, in der Luft, an den Wänden. Den arbeitenden Bergleuten ist deshalb auch auf vielen, leider nicht auf allen Kohlenzechen Gelegenheit gegeben, am Ende der Schicht ein Bad zu nehmen, natürlich gemeinschaftlich in großen Becken, die im Winter geheizt sind.

All das ist im Steinsalzbergwerk nicht der Fall. Es ist die Luft darin im Gegenteil unangenehm trocken und muss man sich daran zuerst gewöhnen. Für den Bergmann ist sie besonders lästig; es wird dadurch heftiger Durst erzeugt, aber er darf nicht trinken, weil dies nachteilig für die Gesundheit sein soll. Doch ist der Aufenthalt im Salzbergwerk selbst durchaus nicht ungesund und in Wieliczka will man selbst gefährliche Brustkrankheiten dadurch geheilt haben. Auch armselige magere Pferde, die da unten zur Arbeit ankommen, werden dabei rund und glatt. Aber ich glaube, das verursacht weniger die trockene Salzluft als des Kaisers Futter, das sie fressen.

Das Steinsalz zieht mit großer Begierde aus der Luft Wasser an und vermehrt dadurch den Raum, ›das Salz wächst‹. Ist nun z. B. ein Gang darin ausgehauen, so wird dieser immer enger und enger werden und sich zuletzt wieder ganz schließen. Ist er aber ver­zimmert, so wird durch den gleichmäßigen, stets wachsenden Druck des sich ausdehnenden Steinsalzes auch das stärkste Balkengerüst endlich zerdrückt. Man sucht daher durch doppelte Wettertüren so viel wie möglich die äußere feuchte Luft vom Bergwerke abzuhalten.

Auch in Wieliczka ist es so. Die unterirdische Stadt mit ihren Straßen und Gassen, ihren Plätzen, Kapellen und Magazinen nimmt einen größeren Raum ein, als die oberirdische Stadt mit ihren 5000 Einwohnern. Der Salzstock, der abgebaut wird, hat eine Ausdehnung von 3080 m von West nach Ost und von 1200 m von Nord nach Süd. Er ist nur ein Teil eines großen Salzlagers, das sich weiter durch Galizien, einen Teil Ungarns und Siebenbürgens bis in die Moldau zieht.

In einer Tiefe von 20 m tritt das erste Salz in Adern und Kristallen auf; darüber und teilweise auch darunter wechsel­lagern Schichten von Ton, Mergel und Sand. In einer Tiefe von 109 Stufen öffnet sich das erste Stockwerk, deren fünf übereinander liegen. Die ganze Mächtigkeit des Salzstocks beträgt etwa 200 m. Das Salz wird nicht wie in Staßfurt gesprengt, sondern mit der Hacke gewonnen, wodurch sich die Produktionskosten wesentlich steigern. Immerhin werden jährlich 60 000 Tonnen Salz gefördert. In Staßfurt ist die Produktion wesentlich höher. Beide Umstände erklären, warum Fabriken im südlichen Schlesien, die nur wenige Meilen von Wieliczka entfernt sind, doch Staßfurter Steinsalz verarbeiten. Der Hauptabsatz des Wieliczkaer Salzes findet nach Russland statt. Man unterscheidet in Wieliczka hauptsächlich drei Sorten von Salz, Grünsalz, Spiza und Scibiker Salz. Ersteres ist grob kristallinisch und tritt in den obersten Teilen des Lagers auf, wo es in Form von unregelmäßigen, meist birnförmig gestalteten Nestern oder Stöcken im Salzton eingebettet ist. Diese Nester haben oft einen Durchmesser von vielen Klaftern und ihr Abbau hat zum Teil Anlass zur Entstehung riesiger gewölbter Hohlräume gegeben. Bisweilen reichen solche von einer Förderstrecke zur anderen und gewähren einen prächtigen Anblick, namentlich, wenn sie hell beleuchtet sind.

Die Kaiser-Franz-Brücke in den Minen von Wieliczka.Die Kaiser-Franz-Brücke in den Minen von Wieliczka.

So entsteht das großartige und so berühmte Labyrinth von Gängen und weiten Sälen, in denen selbst der Einheimische Mühe hat, sich zurechtzufinden. Durch den Danielowicz-Schacht können wir das Tageslicht sehen; nicht weit davon ist der Ursula-Saal, der als Salzmagazin dient. Eine Treppe von 120 Stufen führt durch ein gemauertes Portal in den großen Michalowicz-Saal von 50 m Länge, 28 m Breite und 35 m Höhe. Hier steht in Salz ausgehauen die Bildsäule der heiligen Kunigunde, und an der Decke hängt ein aus Steinsalz gehauener Kronleuchter, der aber mit seinen 300 Kerzen den weiten Raum nur ungenügend erhellt. Doch merke, die Kerzen werden nur angezündet, wenn du 100 österreichische Gulden dafür opferst!

Einige Schritte tiefer öffnet sich der Lichtenfels-Stollen, der 550 m lang ist und nach dem Dros­dowicz-Saal führt. Sechzig Schritte weiter und etwas höher liegt der Kaiser-Franz-Saal. Zwei Salzpyramiden erinnern an den Besuch des Kaisers von Österreich 1817. Im benachbarten Rosetti­saal ist ein See von 40 m Tiefe, der mit einem Boote überfahren wird, um zu einem Saal zu kommen, in welchem die Bildsäule des heil. Nepomuk steht. Noch romantischer aber ist die Kapelle des heil. Antonius, die schon 1688 angelegt wurde und wo zeitweise Gottesdienst abgehalten wird. Der Altar ist mit dorischen Säulen geschmückt, Bildsäulen, des heil. Antonius und Clemens, zwei kniende Mönche, in einer Nische ein Kreuz, vor der eine Gruppe künstlerisch gearbeitet ist – die Jungfrau übergibt dem heil. Antonius das Christuskind – die Bildsäulen des heil. Petrus und Paulus: Alles das ist aus durchsichtigem Salz gearbeitet und hat sich in den nahe zwei Jahrhunderten trefflich erhalten. Nicht weit davon ist der Tanzsaal. Hier veranstaltete Suwaroff, der 1809 drei Tage in Wieliczka sein Hauptquartier hatte, seinen Offizieren ein Tanzvergnügen; auch jetzt noch werden für die Beamten und Arbeiter des Bergwerks Bälle hier abgehalten, der Raum dann entsprechend geschmückt und nebst der Musikgalerie vollständig beleuchtet. Durch all das und zahllose andere Besonderheiten unterscheidet sich das Bergwerk von Wieliczka himmelweit von jedem anderen, und es bedarf wirklich keiner Übertreibung, um alle die unterirdischen Wunder in das rechte Licht zu setzen. Alle diese Sehenswürdigkeiten sind im Grünsalz, das bis 15 % Ton enthält und dadurch eine grünlich graue Farbe zeigt. Daher sein Name.

Die zweite Salzsorte, das Spiza­salz, folgt unter den Nestern des Grünsalzes in regelmäßig verlaufenden Flözen von 2 – 15 m Mächtigkeit und einer Ausdehnung von 40 – 60 m in Länge und Breite. Es ist feinkörnig und gibt beim Anschlagen mit dem Hammer einen metallischen Klang. Weit ausgedehnter sind die darunter liegenden Flöze des Scibiker Salzes, des reinsten von allen.

Zu allen Zeiten können Bergwerke von Unglücksfällen heimgesucht werden. Früher, wo in Wieliczka mehr Raubbau getrieben wurde, erfolgten manche gefährliche Einstürze, wenn die weit gespannten Gewölbe nicht gehörig gestützt und unterfangen waren. Auch zwei große Grubenbrände, von den kleinen abgesehen, in den Jahren 1510 und 1644 bedrohten die Existenz des Bergwerkes. Ganz besonders aber war dasselbe gefährdet durch den mächtigen Wassereinbruch am 23. November 1868, welcher nicht nur das Werk selbst, sondern auch die darüber stehende Stadt bedrohte.

Bekanntlich sind es bei Staßfurt nicht die unerschöpflichen Mengen des Steinsalzes, sondern die massenhaft darüber auftretenden Kalisalze, welche die Wichtigkeit dieses Salzlagers vorwiegend bedingen. Nach diesen hatte man in Wieliczka vergebens gesucht, aber immer neue Versuche wurden gemacht. Dabei geschah es, dass durch Unachtsamkeit der das Wasser abhaltende Tonmergel durchbrochen wurde. Sofort sprudelte etwas Wasser durch, und ehe das Loch geschlossen werden konnte, ergoss sich mehr und mehr Wasser in die Strecke, in die nächsten Räume, aus dem Quellchen wurde ein starker Bach, der das ganze Werk zu ersäufen drohte. Man vermutet, dass das Grundwasser der Weichsel einen Weg in die Gruben gefunden hatte. Eine 48 m mächtige Schicht des Lagers war unter Wasser gesetzt. Es erforderte lange Zeit, bis von Wien eine Wasser­hebe­maschine herbeigeschafft war, durch welche weiteres Steigen des Wassers verhindert werden konnte. Ja sie warf etwas mehr aus, als einfloss, und so wurden die oberen Teile des überschwemmten Bergwerks wieder vom Wasser befreit. Aber die unteren sind ganz mit Wasser gefüllt. Es ist ein wahres Wunder, dass bei dem so rasch und so massenhaft eindringenden Wasser keine Menschenleben verloren gingen, denn auch durch seine lösende Kraft rissen sich mächtige Tonmassen ab und stürzten nieder.

In den unteren Stockwerken hat sich jedenfalls rasch das Wasser mit Salz gesättigt und wirkt nun nicht weiter verändernd auf die feste Umgebung. Das ausgepumpte Wasser aber ist so salzarm, dass es zur Speisung des Dampfkessels verwandt werden kann. Die Menge des geförderten Salzes hat sich durch die Katastrophe nicht gemindert.

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• Auf epilog.de am 6. April 2026 veröffentlicht

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