VerkehrEisenbahn

Die Pontebabahn

Illustrirte Zeitung • 6.12.1879

Voraussichtliche Lesezeit rund 7 Minuten.

Die Ortsnamen Ponteba und Pontafel haben Aussicht, ihren Weg in der Welt zu machen, populär zu werden. Wie des Bergmanns Hand aus dem Dunkel des Schachtes das Edelmetall herausgreift und emporhebt, dass es im Licht des Tages glänze, so greifen die Eisenschienen hinein in die verborgenste Alpenwelt und bringen plötzlich Orte an das Tageslicht, die bislang im ver­schwie­gensten Schatten der Berge schlummerten. Viadukt der PontbabahnViadukt der Pontbabahn über die Fella bei Ponte di Muro. Modane im Savo­yarden­gebiet, das Örtchen am Eingang des Mont­cenis­tunnel, Mürzzuschlag auf dem Semmering, Sterzing auf dem Brenner – sie sind gleichsam über Nacht bekannt, berühmt, populär geworden in der Touristenwelt, im Weltverkehr und im Reich der Techniker und der Gebildeten ganz besonders.

Ponteba und Pontafel werden sich ebenbürtig zu ihnen gesellen, und sie haben noch manches Sehenswerte und Interessante vor den anderen romanischen und deutschen Ortschaften auf den älteren Linien voraus. Sie liegen hart an der Wasserscheide eines mächtigen Alpenstocks, so dass das sie wetteifern können mit den nimmermüden Bergquellen, die gegen Osten und Süden zu Tal rieseln.

Leider hatten sich der Eröffnung der ganzen Ponteba­bahn, der österreichischen und italienischen Linie, verschiedene Schwierigkeiten in den Weg gestellt, welche zu heben Aufgabe der beiderseitigen Regierungen war. Außerdem bestehen noch Streitigkeiten zwischen der Südbahn und der Rudolf-Bahn, indem die erstere ihr altes Privi­legium für den Güterverkehr nach Italien nicht ohne weiteres durch die neue und kürzere Linie schädigen lassen wollte.

Die Italiener aber waren zunächst in eine sehr unangenehme Lage gebracht worden, denn der Bau von Udine nach Ponteba, den nach vielen Schwierigkeiten und Wechsel der Unternehmungen die ›Alta Italia‹ zu Ende führte, hatte nicht weniger als 36 Mill. Lire gekostet, und das wäre ein wenig viel für eine Bahn, die in dem armen Fella­tal wie in einer Sackgasse verlaufen müsste. Die Bahn hat nur einen Wert als neue Alpenstraße, als Weltbahn, und deshalb konnte die Unterbindung bei Ponteba nicht lange dauern. Man hat zwanzig Jahre hindurch über diesen Bau gestritten und parlamen­tiert, und da er endlich nach so großen Fähr­lich­keiten fertig geworden, hinderten neue Streitigkeiten die Übergabe an den großen Verkehr.

Was die Anlage der Ponteba­bahn im Fella- und Taglia­men­total betrifft, so kann sich dieselbe kühn neben die Riesenwerke vom Mont­cenis, Brenner und Semme­ring stellen. Die Schwierigkeiten für die Bahnlinie lagen diesmal fast ausschließlich auf der italienischen Seite. Die österreichische Strecke, Ponteba – Tarvis, ist durchweg eine gewöhnliche, bequeme, wenig Aufsehen machende Talbahn. Die italienische Strecke Ponteba – Udine dagegen ist bis zur Station Venzone eine wundervolle Hochgebirgsbahn, ein Meisterwerk der modernen Bahntechnik, und man muss beim Anblick dieser Zyklopenmauern und der schwindelnden Brücken vermuten, dass die Italiener, welche ganz allein den Bau herstellten, eine Ehre darin setzten, etwas ganz besonderes zu leisten; dass sie sich hier in jeder Weise auszuzeichnen suchten. Das wilde Fellatal setzte dem Bau die gewaltigsten Hindernisse entgegen; aber dieselben wurden von den Bauleuten spielend überwältigt. Es kommt zwar kein großartiger Tunnelbau vor, aber dafür verdrängt ein Tunnel, hoch über der Sohle des Tals durch die Felsen getrieben, den anderen. Bei jedem Austritt aus einem Tunnel bietet sich dem Auge ein neues, großartiges Panorama, ein neuer, überraschender Einblick in die wildromantische Hochgebirgswelt. Man steigt nicht jählings in die italienische Ebene hinab, wie aus dem Mont­ceenis-Tunnel gegen Susa, sondern man wird stundenlang und allmählich durch das raue Fella­tal und durch das breitere Tal des Taglia­mento gegen Udine in die vene­tiani­sche Ebene gebracht. Dreimal übersetzt die Bahn bis Ven­zone den gefährlichen Fella­fluss, ein Wildwasser sondergleichen, welches dem Bau die größten Schwierigkeiten bereitete. Das Gewässer des Flüsschens, das nur eine geringe Tiefe hat, aber immer über Felsgeröll dahinschießt, ist milchweiß von dem Gischt, der sich im eiligen Absturz bildet. In den Fluss hinab senken sich von den steilen Felsen Hunderte von Torrenten, das sind Felsen­gerölle, die bei Hochwasser, bei Ungewitter, in Bewegung kommen. Die Flut reißt vom Hochgebirge, oft tief aus dem Bauch der Felsen, das Geschiebe und Gerölle mit und führt es mit Allgewalt in das Hauptflussbett. Das letztere trägt daher den Charakter einer vollständigen Trümmerwildnis. Unterfahrung der PontebabahnUnterfahrung der Pontebabahn eines Torrento im oberen Fellatal. Bei der Anlage von Brücken, von Pfeilern und Übergängen musste daher ein ebenso großes Augenmerk auf die stürmische Flut wie auf die benachbarten Torrenten gerichtet werden. Im Fella­tal, mitten in der Felsenwildnis und an den gefährlichsten Punkten mussten zwei Brücken angelegt werden, die eine in der Höhe von 47 m, die andere bedeutend niedriger, aber bei drohenden Torrenten. Die 47 m hohe Brücke bei Ponte di Muro ist vorderhand noch Holzkonstruktion und wohl das Kühnste, was in Art jemals von Menschenhand geschaffen worden ist.

Nur ist im Fellatal kein Wasserfall, sondern nur der in kleinen Katarakten abstürzende Fluss. Hoch darüber befindet sich das Holzgerüst in fünf Etagen über­ein­ander­getürmt und Hunderte und aber Hunderte der stärksten und längsten Baumstämme enthaltend, die meistens aus den Hochwäldern Kärntens gebracht werden mussten. Der Zug geht mit vollständiger Sicherheit darüber, aber dem Reisenden, der den Kopf aus dem Waggon streckt und hinab in den Abgrund, in den trümmer­bedeck­ten Wildbach schaut, kann angst und bange werden. Bei dem Örtchen Fontanon sind es wieder die majestätischen Felsen, welche die Bahnlinie überragen, und von denen Wildbäche aus schwindelnder Höhe her­nieder­kommen, um in der Hälfte der Höhe auf den Felsenvorsprüngen zu zerschellen und vom Wind als förmliche Staubwolken davongetragen zu werden. Auch diese Szenerie gehört zu den großartigsten der Alpenwelt.

In zwei Stunden kann man von Udine bis Ponteba diese herrlichen Alpenpartien durcheilen, und von Ponteba-Pon­tafel, welche Orte nur durch eine schmale Brücke über die Ponte­bana getrennt sind, beginnt dann die kärntnerische Landschaft, die einen ganz anderen Charakter trägt. Wie auf der italienischen Seite alles düster und wildromantisch erscheint, so auf der Kärntner Seite alles anmutig, hellgrün, lebensfroh und behaglich. So verschieden die Natur, die Landschaft auf beiden Seiten, so verschieden auch das Wesen, der Charakter der Menschen. Ponteba ist ein echt italienischer Ort, ein Dorf und doch mit einem städtischen Charakter, mit einem Anstrich von Noblesse; zwischen den grauen Steinhütten stehen alte Paläste; ein Hauptplatz mit einem monumentalen Brunnen, um welchen die Signori nach Väter­sitte herumstehen und politisieren; ein Kaffeehaus mit bunten Tapeten und Spiegeln; dagegen besitzt Pon­tafel nur solide deutsche Bauernhäuser.

TarvisAussicht von der Pontebabahn auf Tarvis.

Bei der Station Mal­borghet auf der österreichischen Seite befindet sich eine kleine Tunnelkonstruktion, die ihresgleichen in den Eisenbahnbauten nicht haben dürfte. Aus dem Gebirge heraus bricht an dieser Stelle einer der gewaltigsten Torrenten, welcher das Tal, den Fluss, die Bahnlinie mit Geröll und Felsenmassen angefüllt hat, die sich hier hoch aufgestaut haben. Die Verlegung der Bahn an dieser Stelle war nicht möglich, und so beschlossen die österreichischen Ingenieure, die ganze Schuttmasse zu durchbohren. Im Lauf der Zeit hatte sich dieselbe verdichtet bis zur Härte der Felsen selbst, und der Durchstich, mit gewöhnlichem Tonnengewölbe, gelang vollkommen. Den Torrentenzufluss, den man nicht stauen konnte, suchte man über den Tunnel hinweg in das Flussbett zu leiten, seinen alten Weg möglichst zu erweitern und zu erleichtern. Bei Gewitter und Hochwasser, namentlich im Herbst und Frühjahr, setzt sich das Gerölle in Bewegung, den Torrento arbeitet und wirft mit den Wassermassen Steine und Felsen über den Tunnel, durch welchen der Zug mit aller Sicherheit fährt.

Diese ganze Strecke bis nach Ponta­fel, am Fuß des Predil hin, gehört zu den schönsten und großartigsten des schönen österreichischen Alpengebiets, und überhaupt sind gerade diese weniger bekannten Täler westlich, östlich und südlich von Villach mit die herrlichsten der ganzen Alpenwelt.

• F. A. Bacciocco.

• Auf epilog.de am 8. März 2026 veröffentlicht

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