Handel & IndustrieMaschinenbau

Kurbelwebstuhl der Sächsischen Webstuhlfabrik

vormals Louis Schönherr in Chemnitz

Polytechnisches Journal • 1878

Voraussichtliche Lesezeit rund 7 Minuten.

Dieser für Leinen, Jute, schwere Baumwollgewebe, namentlich Matrat­zen-Drell usw. bestimmte, in der Abbildung veranschaulichte Stuhl ist eine Kombination des englischen Systems mit dem Schön­herr­schen und ist empfehlenswert, wenn bei kleinerer Arbeitsbreite mit großer Geschwindigkeit gewebt werden soll. Kurbelwebstuhl der Sächsischen Webstuhlfabrik Es ist demzufolge die den englischen Stühlen eigentümliche Ladenbewegung durch die Kurbel in Verbindung gebracht worden mit der rühmlich bekannten, die Kettenfäden schonenden Schön­herr­schen Geschirr- und Walk­bewegung; es ist für die Herstellung gleichbleibender Kettenspannung der selbsttätig wirkende Schön­herrsche Garn­baum­regulator, für die Aufwicklung der Ware aber ein englischer Streckenregulator benutzt worden, welcher ebenso gut durch einen positiv wirkenden ersetzt werden kann. Der Schützenschlag ist der bekannte Oberschlag.

Das Gestell ist dem der englischen Stühle nachgebildet; es ist vorn und hinten durch Langriegel, oben durch den Geschirrriegel und außerdem noch durch den Brustbaum und zwei Stück parallel zu den Wänden liegenden Querriegeln versteift, welch letztere gleichzeitig für die Lagerung der Schlagexzenterwelle dienen. Vorteilhaft zeichnet es sich aus durch sehr große Tiefe, Stärke und durch solide Lagerungen der Kurbelwelle und der Schlagexzenterwelle, so dass den Bedingungen, welche unelastische Webketten aufstellen, überreich entsprochen ist.

Die Auf­spannung der Kette und die Auf­windung der Ware. Der Garn­baum ist in ähnlicher Weise gelagert wie im Schön­herr­schen Stuhl; er hat ebenfalls großen Durchmesser und eine hölzerne, am einen Ende befindliche Bremsscheibe. Zu seiner Bremsung dient der Schön­herr­sche Garn­baum­regulator. Ein sich am Garn­baum anlegendes Fühl­holz bestimmt die Hebelarmlänge des Differentialhebels in solcher Weise, dass letztere stets gleich dem Garn­baum-Füllungs­halb­messer ist. Das Stahlband wird somit durch das Bremsgewicht während der Abwebung des Baums immer schwächer gezogen, so dass die Ketten­faden­spannung sich stets gleich bleibt, ohne dass der Arbeiter nachhilft*. *) Diesen Warenbaumregulator richtet die Sächsische Webstuhlfabrik auch so ein, dass er positiv und negativ angewendet werden kann. Zur Ausgleichung der Ketten­faden­spannung bei geschlossenem und geöffnetem Fach und zur Herstellung einer möglichst kräftigen Walke ist ebenfalls die Schön­herrsche Walk­bewegung in Anwendung gebracht worden. Die Kettenfäden laufen über eine hölzerne Walze hinweg, welche während des Ladenanschlages so hinaus­bewegt wird, dass sämtliche Fäden kräftig gespannt werden. Dies führt zu sicherer Einlegung des Schusses und, wenn Auf­winde­vorrich­tungen angewendet werden, auch zu einer sehr gleichmäßigen Schussdichte. Für schwere Waren und große Schussdichten ist dieser Apparat kaum zu entbehren. Seine Schwingung erhält der Walk­baum von beiden Enden aus durch auf der Kurbelwelle befestigte Exzenter und an den Gestell­wänden angehängte Winkelhebel, welche durch kurze Zugstangen die aufgehängten Walk­wellen­lager hin und her bewegen.

Hat das Kettengarn die Kreuzschienen, das Geschirr und das Blatt durchlaufen, so kommt es, durch den hier eingetragenen Schuss zu Ware geworden, auf den Brustbaum, welcher aus Gusseisen gefertigt ist. Etwas rückwärts schräg nach unten zu gelangt die Ware auf den Aufwinde­baum, läuft unten um denselben herum und wickelt sich vor ihm auf den Warenbaum auf. Der Aufwinde­baum ist eine Holzwalze, welche mit Nadeln besetzt ist, um die Ware sicher fortzubewegen. Der Warenbaum liegt mit seinen Zapfen auf schrägen Flächen, die ihn stets zum Aufwinde­baum hin laufenlassen, so dass letzterer den erstem dreht und sich auf diesen die Ware wickelt.

Die Drehung des Aufwinde­baums erfolgt bei Drell­stühlen durch einen Streckenregulator auf folgende Weise. Der Aufwinde­baum trägt an seinem rechten Ende ein Stirnrad, in welches ein kleineres Getriebe greift, auf dessen Welle außerhalb der rechten Gestellwand ein Steigrad sitzt. In dieses greift ein Zughaken, welcher an einen Hebel gebolzt ist, der lose auf der Sperrradwelle steckt und durch eine Zugstange und Scheibengewichte belastet ist. Schlägt die Lade an und ist zuvor Schussfaden eingetragen worden, so wird die Warenspannung zwischen Riet­blatt und Warenbaum kleiner als die Kettenspannung, es senken sich die Gewichte und wird die Klinke das Steigrad so lange drehen, bis die frühere Warenspannung wieder eintritt; es wickelt sich somit das gewebte Stück Ware auf. Gegenklinken verhindern alsdann die Zurück­wicklung. Damit der Gewichtszug für die Waren­aufwindung immer derselbe bleibe, also die Gewichte und die Klinken nicht nach und nach sich tiefer stellen, ist mit der Laden­stelzen­welle ein horizontaler Arm verbunden, welcher die Gewichtsstange während des Ladenrückganges um so viel hebt und den Zughaken um so viel wieder im Sperrrad zurückstellt, als sie während der Warenaufwicklung herunter gekommen waren. Dadurch, dass sich die Ware nicht direkt auf den vom Streckenregulator betriebenen Aufwinde­baum wickelt, sondern auf eine vor diesem liegende Walze, wird auch bei fortgesetzter Webung die Aufwicklung immer gleichmäßig straff bleiben; es ist dies eine wesentliche Verbesserung der englischen ›Fustian looms‹.

Die Geschirrbewegung ist die bekannte Schön­herrsche mit seitlich gelagerten, senkrecht stehenden Tritten, welche durch Exzenter unten nach außen bewegt und durch Federn wieder hereingezogen werden. Jeder Schaft bewegt sich unabhängig von allen anderen und der Exzenter­form zufolge außerordentlich ruhig; das Fach wird nach und nach geöffnet, geschlossen und dazwischen ziemlich lange offen gehalten. Oben und unten stehen die Schäfte durch um Rollen gelegte Ketten und sich anschließende Zugdrähte mit ihren Tritten in Verbindung. Jeder Tritt wird durch ein Exzenter ausgetreten und hierdurch sein Schaft in das Unterfach gebracht, worauf eine unten an den Tritt gehängte, sehr lange Spiralfeder den Tritt und den Schaft entsprechend der Form der Exzenter­ablauf­kurve in das Oberfach stellt. Die Exzenterwelle liegt, wie bei allen Schön­herrschen Webstühlen, horizontal und parallel zur Gestell­wand; sie wird hier durch gleich große Kegelräder und durch ein Paar Stirnräder von der Kurbelwelle aus betrieben. Für Herstellung anderer Bindungen mit anderer Schäfte­zahl ist nur die Exzenterwelle mit dem darauf sitzenden Stirnrad auszuwechseln.

Die Lade und ihre Bewegung. Die Form der Lade und der Mechanismus zu ihrer Schwingung sind dem englischen System entlehnt. Zwei Kröpfungen der Kurbelwelle treiben durch Kurbelstangen die unten drehbaren Ladenschwingen.

Die Schützenkästen und der Schützenwächter unterscheiden sich in nichts Wesentlichem von der bekannten englischen Vorrichtung mit festem Blatt und Protektor. Kommt die Schütze nicht richtig in den Kasten, so drückt sie die Zunge der Hinterwand nicht genügend hinaus, dreht demzufolge die unten am Ladenklotz liegende Welle mit den Stechern nicht vollständig, so dass bei halbem Ladenvorgang die Stecher in die Frösche der Gestell­wände einfallen und den weiteren Ladenvorgang unterbrechen. Gleichzeitig führt dies zur Aus­rückung des Webstuhles, weil sich ein Frosch um weniges nach vorn hin bewegt, durch einen Stift den Federhebel drückt, ihn ausklinkt und dadurch die Riemengabel vor die Losscheibe stellt.

Die Schütze und ihre Schlagvorrichtung. Die Schütze ist die gewöhnliche englische; sie kann für Spulen oder für Kötzer eingerichtet sein. Der Schlag ist der englische Oberschlag; der durch Spindeln horizontal geführte Treiber wird durch darüber befindliche horizontal schwingende Schlagarme getrieben. Letztere sind an stehenden Schlagwellen angebracht, die unten konische Rollen tragen, gegen welche die Schlagexzenter wirken. Da der Schlag abwechselnd, Schuss um Schuss, erfolgen soll, sind letztere um 180° gegenseitig verstellt und auf einer Welle befestigt, welche parallel zur Kurbelwelle unter demselben liegt und durch Stirnräder halb so schnell, als diese von ihr aus getrieben wird. Spiralfedern und Riemen bringen die Schlagarmwellen nach erfolgtem Schlag stets wieder in ihre Ruhestellung zurück.

Der Antrieb ist dem englischen Stuhl ebenfalls nachgebildet. Die Verschiebung des Riemens von der Losscheibe auf die Festscheibe oder umgekehrt bewirkt eine Riemengabel, welche in der Mitte drehbar befestigt ist und mit dem vorderen Ende den Ausrück­hebel (Federhebel) durchsticht. Stellt der Arbeiter den letzteren von sich ab, so rückt der Stuhl ein; zieht er ihn an sich an, so rückt der Stuhl aus. Damit der Arbeiter auch aus- oder einrücken kann, wenn er an der Seite des Stuhls steht, woselbst keine Riemengabel ist, hat die Sächsische Webstuhlfabrik noch vorn am Brustbaum hin eine Stange gelegt, die durch Handgriffe gedreht, bzw. geschoben werden kann und auf den Federhebel einwirkt. Als ganz vorzüglich ist noch anzuführen, dass die Losscheibe sehr stark und sehr breit gemacht worden ist, dass man auch bei eingerücktem Riemen denselben noch etwas mit auf der Losscheibe laufen und dass zufolge der Schwungkraft der letzteren der Stuhl sehr ruhig läuft und sich leicht abstellen lässt.

Geschwindig­keits- und Leistungsverhältnisse. In der Schnelligkeit des Ganges gibt dieser Stuhl den englischen Webstühlen nichts nach, in der Schonung der Fäden aber und in der Gleichmäßigkeit und Dichte der Stoffe übertrifft er dieselben. Die minütliche Umdrehungszahl der Antriebswelle, d. i. die in derselben Zeit einzu­schießende Schuss­faden­zahl, ohne Berücksichtigung der Unterbrechungen, stellt sich je nach den Blattbreiten von 85 cm und 212 cm auf 140 cm bzw. 100 cm, wobei eine Schütze angenommen wurde, welche eine Spule von 39 mm Durchmesser und 160 mm Länge aufnimmt.

Die Unterbrechungsverluste ergeben sich im Mittel zu 30 %, sind aber stets kleinere als an englischen Stühlen, weil die Bauart eine außerordentlich solide ist, die Schütze sehr sicher läuft, Schnürungen vollständig vermieden sind, der Stuhl selbst bei etwas unregelmäßigem Gang der Betriebsmaschine noch sicher arbeitet und das Webmaterial möglichst geschont wird.

• Emil Lembcke.

• Auf epilog.de am 4. Januar 2026 veröffentlicht

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