VerkehrSchifffahrt

Die Kettenschleppschifffahrt

Illustrirte Zeitung • 15.1.1870

Voraussichtliche Lesezeit rund 8 Minuten.

Das System der Schleppschifffahrt, welches wir unseren Lesern hier kurz schildern wollen, hat den Zweck, eine raschere und pünktlichere, dabei aber zugleich auch billigere Beförderung von Gütern auf Flüssen und Strömen zu ermöglichen als die bisherige. Für die Fahrt stromabwärts gibt allerdings der Strom selbst die bewegende Kraft, und wenn der Wasserstand einigermaßen günstig ist, so kann der Schiffer die Fahrzeit ziemlich genau im Voraus bestimmen und seine Fracht zur festgesetzten Zeit abliefern. Für Güter, die keine außerordentlich rasche Beförderung verlangen, ist daher der Transport zu Wasser stromabwärts nicht bloß die billigste, sondern auch eine im allgemeinen hinlänglich zuverlässige und pünktliche Beförderungsweise. Anders bei der Bergfahrt. Bisweilen steht allerdings dem Schiffer ein günstiger Segelwind zur Verfügung, der namentlich unbeladene Fahrzeuge auch stromaufwärts rasch vorwärts bringt; ist aber das Flusstal eng und vielfach gewunden, so ist auch der Segelwind selten, wenigstens lässt er sich selten auf längere Strecken benutzen. Wenn es dann nicht genügt, das Fahrzeug mit Staken vorwärts zu schieben, so lässt man dasselbe gewöhnlich an einer langen Leine ziehen, entweder durch Menschen, an der Elbe Bomätscher genannt, oder durch Zugtiere. Hat das Flussufer, wie dies bei der Elbe in Sachsen der Fall ist, einen Leinpfad, so ist dies Verfahren verhältnismäßig bequem, aber immer kostspielig, denn es wird nur ein Teil der tätigen Zugkraft auf die Fortbewegung des Schiffs verwandt, weil ja die Leine nicht in der Richtung des Fahrwassers gespannt ist, sondern bald einen größeren, bald einen kleineren Winkel damit bildet. Wenn kein regelmäßiger Leinpfad vorhanden ist, dann hilft sich der Schiffer oft dadurch, dass er einen Anker an einer langen Leine seinem Fahrzeuge vorausfahren und auswerfen lässt und hieraus vom Schiff aus die Leine aufwindet.

Dieses ziemlich umständliche Verfahren, welches man auf der Unterelbe vielfach beobachten kann, ist im Prinzip der Kettenschleppschifffahrt nahe verwandt, ja dieses letztere System ist eigentlich aus jenem älteren hervorgegangen. Denken wir uns die Leine, welche immer von neuem oberhalb des Fahrzeugs befestigt werden muss, ersetzt durch eine Kette, die im Flussbett, auf der ganzen vom Schiff zu befahrenden Strecke, versenkt und an beiden Enden gut verankert ist, nehmen wir dann an, es gehe diese Kette am Vorderteil des Schiffs in die Höhe, sei dann mehrfach um ein Paar auf dem Schiff angebrachte Trommeln gewunden und laufe am Hinterteil des Schiffs wieder ins Wasser, so haben wir die wesentliche Anordnung der Kettenschleppschifffahrt. Die in das Wasser versenkte Kette findet am Boden so viel Reibung, dass sie einen Zug in ganz bestimmter Richtung ausübt; hat dieselbe nun auf den beiden Trommeln, um welche sie gewickelt ist, so viel Reibung, dass sie nicht gleitet, und werden diese Trommeln in Umdrehung versetzt, so ist klar, dass das Schiff vorwärts gezogen wird. Zur Drehung der Trommeln wendet man eine auf dem Schiff aufgestellte Dampfmaschine an. An den Kettenschleppdampfer, der mit keinen weiteren Bewegungsmechanismen wie Schaufelräder und Schraube versehen ist, wird dann eine größere oder geringere Zahl von Lastkähnen angehängt.

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