Schifffahrt in und nach Berlin

Auf der Zille

Von Hans Ostwald

Die Woche • 12.3.1910

Die Wasser wachsen. In den Bergen beginnt die Schneeschmelze, und Bäche und Flüsse leiten das Wasser in die Ebene. Schon längst ist dort das Eis von den Strömen gewichen. Die Ufer, die grau und verwelkt den flüchtigen Wassern nachsahen, schmücken sich wieder mit leuchtenden Farben. Zwischen den abgestorbenen Gräsern tauchen die jungen, grünen Halme auf. Die Frühlingsblumen breiten ihre Blätter zu munteren Flecken aus zwischen dem ausgefahlten Laub vom vorigen Jahr. Haselnüsse und Hängebirken lassen ihre bammligen Blüten wie Frühlingsfähnchen im Wind wehen. Überall aus dem ersten Grün schauen Knospen hervor.

Die Kähne werden in die Schleuse gezogenDie Kähne werden in die Schleuse gezogen.
Der Heer SchleusenwärterDer Heer Schleusenwärter.

Der Frühlingswind! Bald treibt er flüchtige, düstere Wolken vor sich her, bald reinigt er den Himmel, und lachendes Blau spiegelt sich in den vollen Wassern.

Wasser und Wind – sie gehören zur Schifffahrt. Und so erwacht denn bei dem ersten Frühlingswehen in den Winterhäfen der ›Zillen‹ ein arbeitsames, erwartungsvolles Treiben. Übrigens ›Zillen‹ heißen sie nur im Volksmund; fachmännisch bezeichnet man mit ›Zille‹ jenen kleinen Frachtkahn, der aus der böhmischen Elblandschaft kommt, gewöhnlich bis Breslau gelangt, dort an genügend kapitalkräftige Schiffer verkauft wird und fast nur zum Transport billiger Güter, wie Kohlen, inländischem Holz und Ähnlichem, gebraucht wird. Unsere märkischen Bootsbauer in Erkner, Wriezen, Werder, Potsdam und Filehne bauen keine Zillen, sondern Kähne. Sie verwenden auch bessere und dauerhaftere Hölzer als die Böhmen. Solch ein Kahn fasst dann wohl 3800 Zentner, das ist also der Inhalt von 19 Eisenbahnwagen à 200 Zentner. Der Zille redlicher HüterDer Zille redlicher Hüter. Es gibt aber auch viele Kähne, die 5000 Zentner fassen. In neuerer Zeit werden solche Kähne aus Eisen gebaut, die sogar 10 000 Zentner fassen, in die also der Inhalt eines Eisenbahnzuges von 50 Wagen Länge hinein geht. Das ist ein ganz schönes Quantum für solch eine Zille, die aus den trägen Wassern der norddeutschen Ebene schwimmt. Derartige Mengen können denn auch nicht immer nur mit der Hilfe des Windes oder durch ›Staken‹ vorwärtsgeschafft werden. Das Treideln mit Pferden, das schon seit Jahrhunderten üblich ist, genügt auch nicht mehr in allen Fällen. So ist es denn dahin gekommen, dass manche Zillen mit kleinen Dampferantrieben ausgestattet werden. Besonders die Hamburger Kähne, die Kolonialwaren in Tonnen und Ballen ins Land schaffen und die in Berlin sehr gut zwischen der Kronprinzen- und Moltkebrücke zu beobachten sind, sind manchmal ausgestattet wie Hochseefahrzeuge: mit mehreren Masten und Dampferantrieb. Nur ihre breitere, flache und schwere Form zeigt an, dass sie für ruhiges Wasser und nicht für die stürmische See gebaut worden sind.

Mittagessen an BordMittagessen an Bord.

So unscheinbar auch alle diese Kähne aussehen, die im Volksmund nun einmal alle miteinander Zillen heißen, und denen wir ihren volklichen Namen nicht nehmen wollen, sie haben doch für das norddeutsche wirtschaftliche Leben eine ganz wesentliche Bedeutung. Aus ihnen kommt und geht die Mehrzahl der Güter, die Berlin berühren. Im Jahr 1906 betrug die Berliner Ein- und Ausfuhr extra 8,2 Millionen Tonnen. Vorzüglich ist es Getreide, das in Zillen verfrachtet wird. Auch Ziegelsteine, Holz und Kohlen werden fast nur auf dem Wasser transportiert. Und dann die spanischen Erze, die aus den südlichen Bergwerken der Iberischen Halbinsel kommen, in Hamburg und hauptsächlich in Stettin in Zillen umgeladen und nach Böhmen zum Verhütten gehen. Nachdem sie dort vorgearbeitet worden sind, werden sie abermals in Zillen verladen und in die deutschen Hüttenwerke geschafft, wo sie dann erst der Verfeinerung unterliegen und Eisenblech und Stahlschienen aus ihnen gegossen und gewalzt werden. Auch diese werden wieder auf Zillen verladen und nach den Küstenplätzen gefahren, wo sie in die großen Überseedampfer verstaut werden.

Ein Idyll an BordEin Idyll an Bord.
Die Zillen werden mit Pferden getreideltDie Zillen werden mit Pferden getreidelt.

Aus diesem Gang der Dinge kann sich jeder leicht vorstellen, was die Zille für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet. Tausende und aber Tausende leben auf diesen ruhig ihre Straße ziehenden Fahrzeugen. Kaum einer erwartet so sehnsüchtig die milderen Frühlingswinde wie die Zillenbesitzer. Je früher ihre Schifffahrt beginnt, desto mehr Fahrten können sie machen, desto größer ist ihr Verdienst. Schon während der Winterruhe haben sie ihr Fahrzeug ausbessern lassen oder selbst instand gesetzt, wohl auch die Kabine hinten am Steuer, in der die junge Frau ›Kapitän‹ mit ihren Kindern haust, hübsch und fein mit frischen, lustigen Farben gestrichen. Ist die Schifffahrt für eröffnet erklärt, sind manche Fahrzeuge schon längst beladen mit Tonnen und Ballen, Kohlen und spanischem Schwefelkies und liegen fertig zur Abreise. Und nun beleben sich die winterlich einsamen Gewässer der norddeutschen Ebene. Fertig zur AbreiseFertig zur Abreise. Am frühen Morgen geht’s los. Bald schleppt ein Dampfer eine Zille, bald stakt die Mannschaft, das Stakholz gegen die Schulter gestemmt und mit den Beinen mühsam den Kahn unter sich fortschiebend – bald bläht auch der frische Frühlingswind die hohen Segel der Zille – oder Pferde treideln den Kahn durch die flache Landschaft. Erst gegen Mittag wird haltgemacht. Und die vom Staken und Steuern und Segeln Ermüdeten lassen sich auf den Bootsrändern oder auf den Masten nieder und genießen das kräftige Mittagbrot, das die Frau des Schiffers in ihrer kleinen, aber meist so geschickt und gemütlich eingerichteten Kabine gekocht hat. Eine Pfeife TabakEine Pfeife Tabak. In solcher Kabine findet man eine vollkommen eingerichtete Küche mit Herd und Küchenschrank. Auch ein heimlicher Sofaplatz fehlt selten. Und eine Schlafecke enthält Bettgestell und Bettgeräte. Selbst für die Kinder ist in den Schifferstuben gesorgt. Sie haben ihre Spielecke, und ihr Spielzeug macht aus dem sonst so nüchternen Fahrzeug eine heimische Stätte. Die Schifferfrauen wissen überhaupt dem Leben an Bord oft seinen nüchternen, langweiligen und gar zu kommerziellen Anstrich zu nehmen. Nicht nur durch die familiären Mahlzeiten. Bald haben sie Waschtag, bald sitzen sie nähend auf dem Deck, während der Kahn langsam, aber sicher seine Wege gleitet. Andere stehen selbst oft am Steuer. Ihre weißleuchtenden Dauben und ihre bunten Schürzen flattern im Sommerwind wie die Gewänder treuer Wikingerfrauen. Trotzdem ihr Leben ein mühevolles und arbeitsames ist, haben sich viele doch ihre Fröhlichkeit und ihre Lebenslust bewahrt. Und fast alle haben ihr Blumeneckchen auf der Zille – jenes Zeichen für eine mütterliche Frau. Stehen keine Geranien am messingbegitterten Kabinenfenster des eisernen Kähne, so findet sich irgendwo ein Kasten mit Stiefmütterchen und anderen Blumen. Ja, es ist gar nicht so selten, dass sich eine Schifferfrau ein ganzes Gärtchen auf dem Verdeck einrichtet, in dem sie Gemüse und Blumen zieht.

Feierabend auf der ZilleFeierabend auf der Zille: Gesang der Schiffsknechte beim ›Schifferklavier‹.

Die Schiffer haben natürlich noch ihre Genüsse für sich. Was ein richtiger Schiffer ist, kann ohne ›Piep‹ nicht existieren. Kommt eine Pause, findet man ihn sicher am Tabakkasten, wie er seine Pfeife stopft. Und ist des Tages Arbeit getan, ist die Zille am Ufer festgemacht, dann wird die Feierabendstille unterbrochen von ernsten und heiteren Gesängen. Die Schiffsknechte finden sich auf Deck zusammen. Und zur Begleitung des ›Schifferklaviers‹, der Handharmonika, klingt ein getragenes Lied über die stillen grünen Wiesen und über die schilfumrandeten Wasser. Oft genug ist es auch irgendein altes schönes deutsches Volkslied.

• Auf epilog.de am 18. April 2021 veröffentlicht