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Hensons Luftdampfschiff

Illustrirte Zeitung • 8.7.1843

Hensons LuftdampfschiffHensons Luftdampfschiff

Es hat zu keiner Zeit an menschlichen Versuchen gefehlt, den Vögeln die Kunst des Fliegens abzulernen, oder auf ähnliche Art in der Luft zu schwimmen, wie die Fische im Wasser. Alle dergleichen Versuche haben entweder ein trauriges Ende genommen, wie z. B. die von Degen in Wien, oder zu keinem bemerkenswerten Resultat geführt, wie die von Zachariä in Kloster Roßleben. Man verlor dabei aus den Augen, dass es nicht genügt, einen Apparat zu konstruieren, welcher in der Form dem Fisch oder Vogel ähnlich und mit beweglichen Flügeln oder Rudern von einer dem zu hebenden Gewicht, der Rechnung nach, mathematisch entsprechenden Widerstandsfläche versehen ist; man müsste auch ein Material haben, welches bei der größten Leichtigkeit dieselbe Elastizität und Widerstandsfähigkeit hat, wie die Vogelfeder, man müsste dem Menschen eine Muskelkraft erteilen können, welche jener des Vogels gleicht. Beides ist nicht möglich, und indem der Körper des Menschen an sich schon etwas schwerer ist, als der Vogelkörper und auch der bekannten Vorrichtungen entbehrt, wodurch sich der Vogel leichter und schwerer machen kann, befinden wir uns in der unangenehmen Lage, Flügel von ungeheurer Widerstandsfläche haben zu müssen, denen man durchaus nicht die erforderliche Festigkeit geben kann, wenn sie nicht zu schwer werden sollen, und die sich überhaupt durch Menschenkraft mit der erforderlichen Geschwindigkeit nur auf Augenblicke bewegen lassen.

Hensons neuerfundene, in England und Frankreich patentierte, aber, trotz allen Zeitungslügen und Puffs noch in keinem großen Versuch praktisch bewährte Maschine, soll die unzureichende Menschenkraft durch eine Dampfmaschine ersetzen. Man sieht aber leicht, dass die Widerstandsfläche der Flügel, welche eine kleine Dampfmaschine von 600 Pfund, einen Wagen und eine Anzahl Personen schwebend in der Luft erhalten sollen, so ungeheuer sein muss, dass die Bedingung einer nur einigermaßen genügenden Festigkeit unmöglich erfüllt werden kann. Sollte man also auch, was immer noch zu bezweifeln ist, sich mittels dieser Vorrichtung auf eine Strecke erheben und in der Luft erhalten können, so ist doch so gar keine Garantie für eine Verbiegung, einen Bruch der Flügel usw. gegeben, dass von praktischer Benutzung keine Rede sein kann. Übrigens ist, so weit man aus den beistehenden, obgleich in wesentlichen Beziehungen undeutlichen Zeichnungen sehen kann, die Konstruktion immer noch sehr roh. Fast ganz undeutlich ist die Angabe englischer Journale, dass der Apparat sich nicht selbst erheben könne, sondern durch eine äußere Kraft auf einer schiefen Ebene seine Anfangsgeschwindigkeit empfangen müsse; dieser Umstand allein, wäre derselbe begründet, und nicht wenigstens ein Ausgleichungsmittel angegeben, würde die ganze Sache zu einer aller Berücksichtigung unwürdigen Scharlatanerie stempeln. Hensons Luftdampfschiff Von den nachstehenden Figuren gibt die eine nur eine hypothetische Ansicht des hoch über Stadt und Land schwebenden Ungetüms, die beiden andern sollen die Konstruktion versinnlichen. A sind die beiden Flügel, jeder 45 ½ m und 9 m breit, aus eisernem Rahmenwerk konstruiert, über welche ein seidener oder leinerner Überzug gespannt ist; letzterer besteht aus 3 Teilen, welche durch eine Schnur ausgespannt und zusammengerafft werden können, um den Widerstand zu mehren und zu mindern. Als Ganzes sind die Flügel nicht beweglich (!?), sondern werden durch die eisernen Stützen BB, sowie durch darüber gespannte Seile festgehalten und sind mit dem festen Mittelstück CC unveränderlich verbunden. Man sieht also, dass diese Flügel nur die Wirkung der Schwere aufheben und das Fahrzeug horizontal schwebend auf der gegebenen Höhe erhalten sollen. Als forttreibende Teile sind die beiden Windräder DD anzusehen, welche durch die Dampfmaschine G – mit welcher zugleich der Wagen für Personen usw. in Verbindung steht – in schnelle Bewegung versetzt werden. Die Veränderung der Richtung in der Horizontalebene wird teils durch das Steuer H, teils durch den aus einzelnen Stangen fächerförmig zusammengesetzten, mit Zeug bespannten, um das Gelenke F frei beweglichen Schwanz E bewirkt. Die Dampfmaschine selbst soll manche sehr gute Einrichtungen haben, die besonders große Ersparung an Raum und Gewicht mit sich führen, und also vielleicht einen bleibenden Gewinn geben werden, wenn auch die Anwendung für Luftschiffe ein frommer Wunsch bleiben sollte. Die Maschine ist zweigliedrig, hat einen aus beziehentlich 4 ½ und 1 Zoll weiten und 50,3 Zoll langen, abgestumpften Kegeln zusammengesetztem Röhrenkessel und einen aus Röhren gebildeten Kondensator, in welchem die Kondensation durch die Luftströmung geschieht.

Hensons Luftdampfschiff

Hat nun auch Henson die großen Flügel nur zu passiver Gegenwirkung gegen das Bestreben zu sinken bestimmt, und nur die Windräder und den Schweif beweglich gemacht, so dass allerdings die Kraft der Dampfmaschine für die Bewegung ausreichen möchte, so ist doch in dieser Gestalt die Maschine höchstens geeignet, in ruhiger Luft sich auf einer bestimmten Höhe – auf die sie sich selbst aber nicht erheben kann – zu erhalten und in horizontaler Richtung beliebig zu bewegen; sie wird aber nicht beliebig steigen können, und gewiss nicht imstande sein, Windstößen zu widerstehen.

Das Verfehlte aller früheren und auch dieses Versuchs liegt wohl zum Teil darin, dass man ganz von einer Verbindung mit einem Luftballon abgesehen hat. Besonders durch Greens Bemühen sind wir dahin gekommen, dass man mit Sicherheit hoffen darf, durch Anwendung von Metallblech Ballons zu konstruieren, welche ziemlich bedeutende Lasten tragen und sich ohne Gasverlust wochenlang in der Luft erhalten können. Ein solcher Ballon erfüllt also die Bedingung des vollkommenen Schwimmens, d. h. des vollständigen Aufhebens der Last an und für sich; bei guter Regulierung ist man auch bekanntlich imstande, ihn auf jeder beliebigen Höhe zu erhalten, ihn sinken und steigen zu lassen; aber es fehlt ihm noch das Vermögen, seine Richtung unabhängig von der Richtung der Luftströmungen zu bestimmen, wozu in diesem Falle eine verhältnismäßig viel geringere und also den oben gemachten Einwürfen weniger ausgesetzte Widerstandsfläche nötig ist. Es sind auch dazu manche verfehlte Vorschläge gemacht worden, und man hat keinen Grund, den Versicherungen öffentlicher Blätter zu glauben, dass es in Frankreich gelungen sei, diese Schwierigkeit zu überwinden. Aber jedenfalls ist von Direktionsapparaten in Verbindung mit einem Ballon mehr zu erwarten, als von Flugmaschinen, welche jede Mitwirkung eines Ballons verschmähen.

• Auf epilog.de am 3. November 2021 veröffentlicht