Handel & IndustrieLandwirtschaft

Havelschilf

Ein Bild märkischen Gewerbefleißes

Die Gartenlaube • 1896

Voraussichtliche Lesezeit rund 7 Minuten.

Wie Saphire und Türkise, an schwarzer Schnur aufgereiht, blitzen hier und da die Havel­fluten durchs Kiefern­gehölz; nun treten wir aus dem sommerlich duftenden Hag heraus, und der prachtvolle Strom, dem dieses Gebiet der Mark ihren reizvollsten Zauber, ja vielleicht überhaupt all ihre Schönheit verdankt, liegt im Glanz der jungen Morgensonne vor uns. Von der bewaldeten Höhe lustwandelt das Auge über die mächtigen, sprühenden Wassermassen, über wogende Baummeere und die roten Ziegeldächer der Dörfer hinweg nach Norden und Süden; vom jenseitigen Ufer her winken eigenartig gebaute Gotteshäuser, fern im Westen steigen Türme und Kuppeln, steigt eine Stadt weiß­leuchtend aus dem glitzernden Gerinne. Ernte des HavelschilfsDie Ernte des Havelschilfs auf dem Eis. Es ist sehr still, und nur zuweilen, wenn ein voll besetzter Dampfer prustend vorüberzieht, wühlt er die ruhenden Wasser auf und lässt sie in kleinen Wellen ans Gestade klatschen. Dann geht ein heftiges Zittern durchs Röhricht, das die flachen Ufer breit umsäumt, geheimnisvolles Rauschen erwacht und schwillt machtvoll an, weckt den schlafenden Wind, der in den schwarz­grünen Kronen des Nadelwaldes seine Fugen orgelt. Mag im Wandel der Jahrtausende, die die Welt ent­göttert und aus dem Schlupfwinkel des dreiköpfigen Triglav ein Lieblingsziel hauptstädtischer Sonntagsausflügler gemacht haben, mag hier im Wandel der Jahrtausende durch Menschenhand und Elementarmacht auch alles in seinen Fundamenten geändert worden sein – diese Musik ist doch dieselbe geblieben. Das grüne Schilf dort unten sang die gleiche Melodie, als Sleipnirs Hufe vor dem weißen Ross Radigasts weichen mussten und das tapfere, gastfreie Wenden­volk seinen Einzug in diese Sumpf­lande hielt; es brauste und jubelte, als Mistewoi, der schmählich Betrogene und Beschimpfte, von neuem alle Kapellen des Christengottes in Trümmer legte, und es seufzt und weint heute noch wie in jener Zeit, da man den letzten, schweren Kampf gegen deutsche Übermacht kämpfte und Jaczo, bei Groß-Glienicke geschlagen, auf erhitztem, abgetriebenem Ross die Havel­flut durchschwamm, um sich vor seinen Verfolgern zu retten. Zurüsten des SchilfsDas Zurüsten des Schilfs. Nichts blieb, wie die Vorzeit es sah; der Fluss musste sich eindämmen und ›regulieren‹ lassen, die endlosen Waldungen fielen der Axt und kamen unter die Obhut des königlichen Forstärars, die Inseln und die Niederungen selbst wechselten völlig ihr Gesicht. Und nur das Schilf treibt Jahr um Jahr Halme und Rispen wie vordem, der Geist altmärkischer Geschichte lebt allein in seinem Wogen und Singen.

Die Havel, zu Beginn ihres Laufs und auch noch in brandenburgischen Gauen ein bescheidenes Rinnsal, das zwar schon frühzeitig Schiffe und Flöße trägt, es aber zu keiner ausschlaggebenden Stellung im Landschaftsbild zu bringen vermag, wälzt sich unterhalb Spandaus bereits in einer Breite von 80, selbst 90 Metern durchs Gefilde und nimmt weiterhin an Umfang dermaßen zu, dass sie es bis auf 310 Meter Breite bringt. In allen Dingen ein echter Tiefland- und Niederungen­fluss, vergeudet sie außerdem ihren Wasserreichtum an der Bildung zahlreicher, zum Teil sehr ausgedehnter Seen, und so ist es nicht zu verwundern, dass ihre Ufer an Flachheit von keinem anderen deutschen Strom übertroffen werden. Nirgendwo finden deshalb die ehrenwerten und bei allen Lyrikern so beliebten Pflanzengattungen der Phragmites und Arundo ein besseres Fortkommen, eine geeignetere Heimatstätte als bei ihr. Schilffelder begleiten breiten Ringes ihren behäbigen Gang durch die sandige Mark, und wo selbst Wälder und Gehöfte von ihr zurücktreten, da verleiht noch das grüne, lebendige Gewoge des Rohres dem Fluss ein freundliches und schmuckes Aussehen. Sommer­lang dient es, hoch aufgeschossen, immer bewegt und immer plaudernd, vor allem Malern und Dichtern als erwünschtestes Motiv; - R E K L A M E - Der Leucht­turm Roter Sand in der We­ser­mün­dung das Sumpf­getier vermehrt sich reißend in seinen Dschungeln, und die märkischen Bengel dürfen sich, wenn schon in keiner anderen Hinsicht, so doch wenigstens darin einer Bevorzugung seitens der Natur rühmen, dass ihnen zum Pfeifen­schneiden reichere Gelegenheit als sonst jemandem geboten wird.

So verlebt das Schilf eine äußerst luftige und unterhaltsame Jugend, schiebt seine Vorposten immer weiter in Wasser und Wiese hinein und sprosst mit ungestümer Kraft, dass es vorbeigleitenden Booten die dahinter liegenden Ansiedlungen vollkommen verbirgt, den braunen Dorfmädchen aber selbst Sonntag nachmittags jede Möglichkeit nimmt, mit den Ruderern auch nur das allernotwendigste zu kokettieren. Ist demnach das Rohr den Menschen während der guten Jahreszeit keineswegs nützlich, sondern der jüngeren Generation sogar entschieden schädlich, so ändert es seinen Charakter überraschend, wenn die trüben Tage beginnen und die grüne Jugendfarbe einer gesetzten, graugelben Reife Platz macht. Nun kümmern sich auch die Anwohner, die sich des Besitzes einer ›Flussgerechtigkeit‹ erfreuen, eifrig um die fortschreitende Entwicklung ihrer Schilf­plantagen, und sobald der Frost den Strom allenthalben überbrückt und gangbar gemacht hat, beginnt die Ernte.

So heiteren Sinnes und mit so ruhelosem, fröhlichen Fleiß, wie ihn der Juli und der August auf dem golden schimmernden Ährenfeld sehen, lässt es sich auf dem Eis, bei Ostwind und bedecktem Himmel, nicht arbeiten, aber die Einbringung des Schilfs gewährt doch gerade zur schlimmsten Zeit des Jahres vielen Bewohnern der Havelniederung lohnende Beschäftigung. Weben der SchilfmattenDas Weben der Schilfmatten. Es ist ein ernstes, mühevolles Tun, und trotz der Kälte, trotz der nahen Berührung mit dem ›Parkett des Königs Winter‹ kostet es manchen Schweißtropfen. Man erntet das wertvolle Rohr gewiss seit Urväter­zeiten, und just die Früheren, die es beim Bau ihrer Katen und in den Ställen gar nicht entbehren konnten, waren darauf angewiesen wie aufs liebe Brot – indes nirgendwo haben sich freundliche und neckische Bräuche, mit denen das märkische Volk sonst all sein Tun und Schaffen so gern umhängt, bei dieser Arbeit herausgebildet. Werkzeug und Art der Einbringung sind geblieben, wie sie immer waren, sie erinnern in fesselndster Weise daran, wie die alte, wendische Bevölkerung zu ernten pflegte. Was im Kornfeld selbst lange schon deutscher Gewohnheit weichen musste, hat sich auf dem unfruchtbaren Eis als praktisch bewährt und erhalten. Kurz über der ›Erde‹ mit der Slaven­sichel abgeschnitten, wird das Schilf in breiten Garben dem Hof zugefahren und zum vollständigen Austrocknen ausgelegt. Gemeinhin gehört die gesamte Ernte eines größeren Bezirks dem Fabrikanten, der sich mit ihrer Verarbeitung befasst; hier und da teilen sich kleine Pächter in sie und versuchen, die Konjunktur in ihrer Weise auszunutzen. Obwohl absolut sichere Zahlen nicht gegeben werden können, sei doch bemerkt, dass die Rohaus­beute in günstigen Jahren etliche Hunderttausend Mark erreicht und den mit ihrer Einbringung Beschäftigten eine recht angenehme Zubuße zum sonstigen Erwerb gewährt.

Ist das Schilf trocken und fest genug, um seiner endlichen Bestimmung entgegen­geführt werden zu können, so gelangt es in ein Prokrustes­bett, wo es von den Rispen und dem dünnen ›Kopfe‹ befreit wird. Der Abfall dient als Streu und gelangt auf nicht allzu weiten Umwegen zum Düngerhaufen; das eigentliche Produkt aber stellt sich nach der Sortierung als langes, vollkommen gleichmäßig starkes Rohr dar und kann ohne weiteres in fabrikmäßige Behandlung gelangen. LagerhausDas Lagerhaus. Aus der freien Natur, wo es zum letzten Mal die melancholischen Kiefern grüßt, mit denen es einen frohen Sommer über fleißig musizierte, aus den braunen Händen munterer Dorfdirnen kommt das Schilf in die staubige Webstube, in die geschickten Finger der Arbeiterinnen. Die Stühle verwandeln es hier in Matten und Decken von jeder gewünschten Länge; Phragmites hat seine letzte Form erhalten, und aus dem stolzen, freien Rohr, das wohl vier oder fünf Meter hoch aus dem plät­schernden Wasser aufstieg, das um die Wette sang mit verliebten Fröschen und bunten Zwergvöglein, ist ein fühlloser, lebloser Sklave des Menschen geworden, der sich täglich ungezählte Fußtritte gefallen lassen muss. Im Lagerhaus wartet das Havel­kind den Ruf ab, der es endgültig seinem Geschick überantwortet.

Ist das Schilf als Dachdeckmaterial einigermaßen aus der Mode gekommen, so findet es dafür beim Hausbau als Mauerrohr noch immer eifrige Verwendung. Den Decken und Wänden verleiht das an Wasseraufnahme gewöhnte Halt und Trockenheit, und während seine Halme das Gebäude tragen und erhalten helfen, prunken seine getrockneten, glänzenden Rispen in den Makart­bouquets, die drinnen die Wohnung schmücken. Was die Sinne des Naturfreundes entzückt und nicht zuletzt das anmutige, eigenartige Bild märkischer Flur in seinem Gedächtnis festhält, das speist gleichzeitig mehrere, keineswegs unbedeutende Industrien, schafft fortdauernd Arbeit und Verdienst denen, die des Lebens Not nicht zum heiteren Genuss seiner reinsten Schönheiten und Freuden kommen lässt.

• Richard Nordhausen
• Bildern von W. Pape

• Auf epilog.de am 31. März 2024 veröffentlicht

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