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Der redende Film

Von Hans Dominik

Die Gartenlaube • 1922

Voraussichtliche Lesezeit rund 5 Minuten.

Die Aufgabe, dem Film Sprache zu verleihen, aus dem heute noch stummen lebenden Bild eine sprechende Figur zu machen, beschäftigt die Erfinder seit mehr als zwanzig Jahren. Gelingt ihre Lösung, so sind an mehr als einer Stelle tief einschneidende Änderungen zu erwarten. Die ganze Technik des Filmdramas, die heute ausschließlich auf das Bildhafte zugeschnitten ist und das, was unbedingt gesagt werden muss, in Zwischentiteln und Briefen bringt, wird dann einer anderen und doch wohl höher stehenden weichen müssen, die, wie im Schau­spieler­drama, Bild und Wort gleichmäßig zu ihrem Rechte kommen lässt. Die Filmschauspieler selbst, die heute nur unter dem Gesichtspunkt der Bildwirkung gewählt werden, werden bei den Aufnahmen nicht nur wirksam zu spielen, sondern ebenso wirksam zu sprechen haben, und für manche Filmdiva wird diese Entwicklung gleichbedeutend mit der Götterdämmerung sein.

Auch das internationale Filmgeschäft würde durch den redenden Film stark beeinflusst und vielleicht eingeschränkt werden. Der stumme Film ist ohne weiteres international. Es genügt, in einen in Deutschland aufgenommenen Film arabische, turkmenische, chinesische oder papua­nische Titel einzukleben, und er kann bei den genannten Völkerschaften vorgeführt werden und wird ebenso verstanden wie bei uns. Selbst ohne Titel würde er durch seine Bildhaftigkeit verständlich bleiben. Im Gegensatz dazu ist der redende Film auf das Sprachgebiet beschränkt, dessen Sprache er spricht. Die Verbreitung in ein anderssprachiges Gebiet setzt eine vollkommen neue Aufnahme mit anderen Schauspielern voraus, die diese Sprache durchaus beherrschen müssen. Das alles aber sind doch Dinge, die das Problem des redenden Films recht sehr komplizieren und die Gewinnaussichten für das glücklich gelöste Problem stark einzuschränken scheinen. Es muss demnach viel Mut dazugehören, Millionen und aber Millionen in die umfangreichen Versuche zu stecken, die notwendig sind, um eine glückliche Lösung zu erzwingen. Um so höher darf man es wohl anrechnen, dass sich in unserem verarmten Deutschland ein solcher Mann gefunden hat. Dieser, ein bekannter Großindustrieller, hat seit drei Jahren die Mittel gegeben, unter deren Verwendung die drei Erfinder Hans Vogt, Jo Engl und Joseph Massolle in langer und schwerer Arbeit den redenden Film geschaffen haben, der sich heute schon sehen und hören lassen kann.

Das Filmband des redenden Films trägt neben den einzelnen Bildern einen fortlaufenden Streifen, der mit feinen und allerfeinsten, mehr oder weniger dunklen oder hellen Linien bedeckt ist. Was man auf diesen Streifen sieht, ist fotografierte Musik und Rede. Durch Mikrofone wird die Rede bei der Aufnahme in ihren Schallschwingungen in kongruente elektrische Ströme verwandelt. Diese Ströme beeinflussen wiederum die Helligkeiten einer Lichtquelle so, dass auch deren Intensität genau im Rhythmus der Sprachschwingungen variiert. Durch eine Zylinderlinse wird ein strichförmiges Bild dieser Lichtquelle auf den laufenden Film geworfen und fotografiert.

Bei der Vorführung ist der Gang der Dinge gerade umgekehrt. Eine Lichtquelle von konstanter Stärke wirft einen Strahl durch die fotografierte Rede des laufenden Films. Die Intensität dieses Strahles variiert natürlich genau im Rhythmus der größeren oder geringeren Durchlässigkeit der gerade vorüber­gleitenden Filmstelle. Der so beeinflusste Strahl trifft eine fotoelektrische empfindliche Konstruktion, beispielsweise eine Selen- oder Kadmium­zelle, und verursacht hier elektrische Ströme, die seiner eigenen Intensitätsschwankungen kongruent sind. Diese Ströme werden einem Telefon zugeleitet und hier endlich in akustische Schwingungen, d. h. in hörbare Rede umgesetzt. Sowohl bei der Aufnahme wie bei der Reproduktion führt der Weg also über mehrfache Energieumwandlungen; bei der Aufnahme in der Richtung: Schall, Elektrizität, Licht, bei der Reproduktion in der Richtung: Licht, Elektrizität, Schall. Eine derartige mehrfache Umsetzung birgt natürlich die Gefahr in sich, dass die Schwingungsvorgänge nicht ganz getreu umgesetzt werden, und bei den mehrfachen Umsetzungen können sich die kleinen Ungenauigkeiten schließlich zu einer störenden Verzerrung der Rede summieren. Das zu verhindern, musste die Hauptaufgabe der Erfinder sein, und es ist ihnen in der Tat bis zu einem weitgehenden Maße geglückt. Günstig war ihnen dabei der Umstand, dass die Technik der Elektronenverstärker während der Kriegsjahre sehr hoch entwickelt wurde. Sie brauchten bei der Umsetzung der Schwingungen aus der einen in die andere Energieform nicht so sehr auf den Wirkungsgrad zu achten, weil die Elektronenverstärker das Mittel bieten, einen vorhandenen elektrischen Strom unter genauer Wahrung der Wellenformen auf das Vieltausendfache seines ursprünglichen Wertes zu verstärken. Bei den eigentlichen Umwandlungen konnte daher das Hauptaugenmerk darauf gerichtet werden, dass sie möglichst getreu und verzerrungsfrei vor sich gingen.

Wie bedeutend aber auch diese Erfindungsarbeit noch war, geht wohl am besten aus dem Umstand hervor, dass der hier in Rede stehende Film, der nach seinen drei Erfindungen den Namen Tri-Ergon-Film trägt, durch 150 verschiedene Patente geschützt wurde. Dieser Patentschutz gibt auch immerhin die Möglichkeit, dass diese deutsche Erfindung im Ausland nutzbringend verwertet werden kann und die Erfinder und Geldgeber in Form von Lizenzen ein Äquivalent für ihre Mühen und Aufwendungen erhalten. Über die erste öffentliche Vorführung des redenden Films hat die Tagespresse bereits ausführlich berichtet. Wie bei der Art des hier angewandten Verfahrens nicht anders zu erwarten war, herrschte vollkommene Übereinstimmung zwischen den Bewegungen der Bilder und den Tönen. Es wurde vollkommen vermieden, was bei anderen Verfahren und Vorführungen so sehr störend auffiel, dass Lippenbewegungen und Worte nicht übereinstimmten. Gerade bei derartigen verunglückten Vorführungen wurde es erst recht merkbar, wie sehr auch Menschen mit normalen Sinnen die Lippenbewegungen der anderen beim Sprechen beobachten. Solange diese Bewegungen, wie es ja bei der natürlichen Sprache stets der Fall ist, mit den Worten übereinstimmen, kommt uns diese Beobachtung gar nicht zum Bewusstsein. Aber schon eine Verschiebung um eine Zehntel-Sekunde wird bemerkt, eine solche von einer halben Sekunde wirkt ungemein störend.

Die Wiedergabe der Musikstücke und ganz besonders diejenige der Xylofon­musik war vorzüglich. Dagegen ließ die Wiedergabe des gesprochenen Wortes bei dieser ersten Vorführung noch zu wünschen übrig. Die Verständigung war gerade so weit entwickelt, dass diejenigen, die den Text kannten, ihn auch verstanden, die anderen hingegen vieles erraten mussten, vieles nicht verstehen konnten. Hier wird noch scharf gearbeitet werden müssen. Die Schwierigkeiten liegen zum Teil darin, jedes Nebengeräusch bei den Aufnahmen selbst zu vermeiden. Schon das Zischen der Aufnahmelampen, weiter aber auch das in Kinoateliers bisher unvermeidliche Geräusch durch unbeschäftigte Komparsen, Bühnenarbeiter u. dgl. muss unbedingt unterdrückt werden. Nur die laute und klare Deklamation der Schauspieler darf zu hören sein. Auch die zweckmäßige Aufstellung der Lauschmikrofone bei der Aufnahme und die Wahl der richtigen Empfindlichkeit für diese Mikrofone wird den Erfindern noch mancherlei Kopfzerbrechen bereiten. Allzu empfindliche Mikrofone nehmen erfahrungsgemäß sehr viel sogenanntes Raumgeräusch auf. Die elektrischen Verstärker verstärken dies Geräusch in zum mindesten dem gleichen Maße wie die eigentliche Rede, und so verstärkt der Sprache überlagert, macht es diese undeutlich, ja unter Umständen unverständlich. Das alles sind Dinge, die noch viele Arbeit erfordern. Aber die Schwierigkeiten sind nicht unüberwindlich, und nach dem, was bisher erreicht worden ist, dürfen wir wohl hoffen, dass sie bald überwunden werden.

Entnommen aus dem Buch:
Der Ingenieur Hans Dominik (1872 – 1945) ist vor allem durch seine technisch-utopischen Romane bekanntgeworden. Dominik war aber in erster Linie Wissenschaftsjournalist und verfasste zahlreiche populärwissenschaftliche Beiträge für verschiedene Zeitschriften und Tageszeitungen. Dabei brachte er im lockeren Plauderton dem interessierten Laien wissenschaftliche Grundlagen und neue technische Errungenschaften näher. Dieses Buch versammelt eine repräsentative Auswahl seiner wissenschaftlichen und technischen Plaudereien.
  PDF-Leseprobe € 16,90 | 154 Seiten | ISBN: 978-3-695-11029-2

• Auf epilog.de am 23. März 2026 veröffentlicht

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