Forschung & TechnikTechnik

Die Wunder des Alltags

Von Hans Dominik

Die Woche • 22.1.1910

Jeder Tag beinahe bringt uns aus technischem Gebiet irgendwelche Neuerungen; irgendwelche Fortschritte. Im Einzelnen ist die Veränderung häufig so gering, dass wir sie kaum merken. Aber im Laufe der Zeit addieren sich die Veränderungen ganz gewaltig. Überblicken wir nur den Zeitraum der letzten dreißig Jahre, eine Spanne, die doch die meisten der heute im Erwerbsleben Stehenden bereits mit Verständnis durchlebt haben, so finden wir eine tief einschneidende Umgestaltung des Lebens und aller Lebensbedingungen.

Im Jahr 1880 kannte man noch kein Gasglühlicht. Auch in den Straßen Berlins, abgesehen von den sehr wenigen Punkten, an denen elektrisches Bogenlicht vorgesehen war, brannten die recht trübseligen Gasschnittbrenner. Das Straßenpflaster war zum größten Teil von einer herz- und stiefelzerreißenden Beschaffenheit. Asphalt lag erst an einigen sehr wenigen Punkten. Die paar Straßen, die es hatten, wurden als Wunder angestaunt. Schon das glatte Wiener Kopfsteinpflaster, auf dem die Fuhrwerke ganz gehörig rasselten, galt als guter Straßenbelag, während in den Nebenstraßen ein regelloses Pflaster vierter Güte sich ausbreitete.

Und in jenen Straßen verkehrte einiges Pferdefuhrwerk, als allermodernstes Vehikel, gewissermaßen als schönste Knospe am Baum der Technik von 1880 die Pferdeeisenbahn. Ein elektrischer Straßenbahnwagen hatte zwar wenige Wochen hindurch seine Künste am Spandauer Berg in Charlottenburg gezeigt, war aber bald wieder sang- und klanglos verschwunden. In den Zeitungen hatte man vieles über das Wunder der elektrischen Bahn geschrieben, aber immer mit dem traurigen Refrain geschlossen, dass die elektrische Bahn zwar die genialste Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts sei, dass man sie aber schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht einführen könne. Einige mal hatte sich auch ein Fahrzeug in den Straßen gezeigt, das wie die Kreuzung einer Droschke zweiter Klasse mit einer Dampfwalze aussah. Es war die berühmte erste Berliner Dampfdroschke, die auf ihren Fahrten ebenfalls bis zum Spandauer Bock kam, dessen Steigung gewissermaßen als hohe Schule für alle jene ersten schüchternen Versuche mechanischer Fahrzeuge benutzt wurde.

In den Straßen der Reichshauptstadt flossen neben den Bordschwellen der Bürgersteige lieblich duftende Rinnsteine dahin. Denn die Kanalisation mit ihren neuen Radialsystemen, jene großartige Schöpfung des Stadtbaurats Hobrecht, war zwar bereits projektiert, aber erst an wenigen Punkten tatkräftig in Angriff genommen. Für die Beleuchtung standen lediglich das Gas in Form der matten Flamme des Schmetterlingsbrenners und das Petroleum zur Verfügung. Am Geburtstag des Kaisers leisteten sich die großen Geschäftshäuser Illuminationen, für die allerlei Figuren aus Gasrohr vor die Hausfront angesetzt wurden. Aus tausend kleinen Löchern strömte das Gas in Form winziger Flämmchen. Gelegentlich verlöschte ein Windstoß die Hälfte der Flammen, und nur allmählich entzündete sich eine wieder an der andern. Aber dem Berliner erschien diese Art der Illumination als etwas ganz Großartiges.

Die Nachrichtenübermittlung geschah durch Brief und Telegramm. Besonders unternehmende Gemüter benützten gelegentlich die neue, von Stephan eingeführte Rohrpostanlage, über die die Zeitschriften gleichfalls lange Artikel brachten. Denn das war ja stets das Charakteristische, dass jede dieser neuen Erfindungen, die damals und auch weiterhin gemacht wurden, sofort in ausführlichster Weise von der Presse besprochen und erklärt wurden. Nimmt man allein jene Aufsätze zusammen, die um die 1880er Jahre über das Berliner Kanalisationssystem erschienen, so bekommt man eine stattliche Bibliothek von vielen Bänden.

Das hat sein Gutes, aber auch sein Schlechtes. Über die Erfindungen und Anlagen der eigenen Epoche wird jede Generation dadurch auf das Eingehendste informiert. Aber dann gewinnt die neue Einrichtung Bürgerrecht. Man gewöhnt sich an sie, und ein neues Geschlecht wächst auf, das alles, was den Vorgängern so wunderbar erschien, als etwas ganz Selbstverständliches hinnimmt. Diese Dinge aber wieder und immer wieder in der Tagespresse zu erklären, das gilt als unzweckmäßig, und so fehlt manchem die Erklärung für Dinge, die er tagtäglich benutzt.

Das Kind, das in unseren Tagen in das Alter des Verstandes tritt, sieht sich von Dingen umgeben, die so wunderbar sind und dennoch als so selbstverständlich genommen werden. Dem vierjährigen Jungen hält man den Telefonhörer ans Ohr, und vergnügt unterhält er sich mit einer weit entfernten Person. Er sieht, wie Straßenbahnen und Automobile ohne jedes Pferd davor durch die Straßen rollen, und da ihm niemand den Zusammenhang erklärt, so bildet sich bei ihm der Erfahrungssatz aus, dass Wagen eben von allein fahren, wenn nur vorn jemand drauf sitzt oder draufsteht und mit einer Kurbel hantiert. Ein Schritt weiter, und wir kommen zu jenem Londoner Großstadtkind, das zum ersten Mal auf dem Land ein Pferdefuhrwerk sah und die Frage aufwarf, was denn die Kuh da vor dem Wagen solle.

Uns alle reizt halt das Wunderbare nicht mehr, sobald es alltäglich geworden ist. Wer denkt heute beim Telefonieren noch daran, dass er mit jedem Wort, mit jedem Ton, die er in den Apparat hinein spricht, eine elektrische Kraftübertragung in·Szene setzt. Wer stellt sich dabei im Augenblick vor, dass seine Sprache einen Batteriestrom so moduliert, dass er genau in diesen Schwankungen und Abstufungen fernhin durch den Draht läuft, in denen seine Sprache im engen Zimmer verhallt. Wer überlegt weiter, dass eben dieser elektrische Strom dann, oft mehr als hundert Meilen entfernt, einen Magneten erregt, eine feine Eisenplatte viele Hundert Mal in der Sekunde anzieht und los lässt und dort die Luft in die gleichen Schwingungen bringt, in denen sie hier im Zimmer des Sprechenden vibrierte.

Die Berliner elektrischen Straßenbahnen werden im Jahre von etwa 500 Millionen Fahrgästen benutzt. Aber wie vielen von diesen 500 Millionen mag wohl beim Besteigen des Wagens das alte Märchen vom Magneteisenberg einfallen. Wie viele mögen sich im Augenblick darüber klar sein, dass es tatsächlich Magnete von gewaltiger Zugkraft sind, die die schweren Wagen vorwärtstreiben. Wer denkt daran, dass der elektrische Strom von den gewaltigen Dynamomaschinen des Kraftwerks durch den Fahrdraht fließt, dass er durch die Stromabnehmerstange in den Wagen eintritt, dort die Windungen eines Elektromotors durchfließt, dass dabei kräftige Magnete aus stromumflossenen eisernen Kernen werden. Dass so ein magnetisches Feld entsteht, das nun auf andere bewegliche, stromdurchflossene Drahtspulen eine starke Zugkraft ausübt, sie in Bewegung versetzt und dadurch mit Hilfe weiterer Zahnradschaltungen den Wagen bewegt. Wer denkt weiter daran, dass dieser elektrische Strom, nachdem er seine Arbeit im Wagen getan hat, wieder durch Räder und Schienen zum Kraftwerk zurückkehren muss. Nur wenn wir an trockenen Wintertagen die Funken zwischen Rad und Schiene ganz besonders knistern und blitzen sehen, kommt es uns wohl in die Erinnerung.

Das Automobil! Noch vor zehn Jahren staunte man jeden Wagen an, der sich auf der Straße zeigte. Das Geheimnis des Explosionsmotors wurde in hundert Aussätzen enthüllt, und jede Neukonstruktion am Motor, am Getriebe, an der Steuerung fand in weitesten Kreisen sachverständige Beurteilung.

Heute ist der Kraftwagen Allgemeingut geworden. Wer denkt beim Besteigen einer Automobildroschke heute noch an die vier Takte des Explosionsmotors. Wer denkt daran, wie Benzin vergast wird, wie es sich mit Luft zu einem explosiblen Gemenge vermischt, wie der Motorkolben dies Gemisch im Zylinder zusammenpresst, und wie dann auf die Hundertstelsekunde genau ein elektrischer Funke das Gemisch zur Explosion bringt. Nur wenige denken daran, und das ist schließlich nicht zu verwundern. Vollzieht sich doch ein solcher kompletter Explosionsvorgang etwa zwanzigmal in der Sekunde, und nur der Auspuff gibt den Zeitgenossen davon ruchbare Beweise. Wir benutzen den Kraftwagen, wir schimpfen, wenn der Chauffeur uns nicht genügend schnell ans Ziel bringt, aber wir kümmern uns wenig um das komplizierte Getriebe.

Ein Druck unserer Hand lässt das elektrische Licht aufflammen. Aber das Joulesche Gesetz von der Erwärmung der Stromleitung durch die Elektrizität interessiert uns dabei nicht sonderlich. Wir sehen im Gasglühlicht die Edelerden Thorium und Cer aufleuchten, sehen eine Gasflamme, die selbst kaum leuchtet, den Glühstrumpf zu hellstem Leuchten kommen. Aber die Gesetze der Lichtemission kommen uns kaum noch ins Gedächtnis.

Wir gießen einen Eimer in die Wasserleitung und sehen das Wasser spurlos verschwinden. Aber wer stellt sich im Augenblick den weiteren Weg dieses Wassers vor. Wer denkt daran, wie es durch enge und dann immer weiter werdende Rohre davon fließt. Wie es schließlich durch einen jener großen Haupt-Sammelkanäle, die man mit Kähnen befahren kann, der Pumpstation zuströmt, die im Mittelpunkt eines jeden Radialsystems liegt. Und wie dann weiter gewaltige Dampfpumpen jenes Wasser kaum eine Stunde, nachdem es durch den Ausguss floss, packen und durch kräftige eiserne Rohre meilenweit aus der Stadt hinaus auf das Land drücken. Wir halten es, für selbstverständlich und haben die Zeit der hässlichen Gassen vollkommen vergessen.

Das Wunderbare wurde alltäglich. Wir sehen, benutzen und genießen es ohne allzu viel Grübeln. Aber wurde es auch alltäglich, so bleibt es doch wunderbar. Und wer diesen Dingen nachsinnt, dem bieten sie eine überraschende Fülle interessanter Aufschlüsse und Zusammenhänge.

• Auf epilog.de am 3. Juni 2021 veröffentlicht