Handel & Industrie – Landwirtschaft
Neue Erfindungen und Kulturfortschritte
Ernte- und Garbenbindemaschinen
Von Max Wirth
Über Land und Meer • Juli 1879
Die deutsche Landwirtschaft, welche bis vor kurzem aktiv war, d. h. einen Teil ihrer Produkte an das Ausland abgeben konnte, ist seit neuester Zeit von zwei Seiten durch eine übermächtige Konkurrenz bedroht, welche sie nötigt, auf neue Mittel und Wege zu sinnen, um bleibendem Schaden zuvorzukommen. Bereits seit einigen Jahren fängt vom Spätherbst an die Konkurrenz des amerikanischen und russischen Getreides am Rhein an, sich fühlbar zu machen, und die Stunde steht bevor, wo der Export in die westlichen Nachbarländer mit einer so günstig gestellten Konkurrenz zu kämpfen haben wird, dass die deutsche Landwirtschaft genötigt wird, entweder die Getreideproduktion einzuschränken oder an den Erzeugungskosten zu sparen. Schon jetzt werden die Getreidepreise in Deutschland nach dem Zeugnis landwirtschaftlicher Autoritäten, mit Ausnahme des Weizens, vom Ausland beherrscht, da überdies die deutsche Eisenbahnpolitik durch Differentialtarife die russischen Interessen gegenüber den deutschen bevorzugt. Seit acht Jahren steigt die Ausfuhr russischen Getreides in ungeheuerlicher Weise, und sogar im letzten Jahr war die Roggenausfuhr so stark, dass der Preis in Deutschland fast unter die Produktionskosten gedrückt wurde. In den zehn Jahren von 1865 bis 1875 hat Russland seine Eisenbahnen verdoppelt. Außerdem besitzt es ein weit ausgedehnteres Netz natürlicher und künstlicher Wasserstraßen als Deutschland, denn bereits heute können Schiffe von der Ostsee durch Kanäle über die Wolga und das Kaspische Meer bis ins Schwarze Meer gelangen. Nur der lange russische Winter hindert die volle Ausnutzung des Wasserweges. Die fortgesetzte Erweiterung des Eisenbahnnetzes macht die russischen Landwirte mit jedem Jahr zu gefährlicheren Konkurrenten.
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In noch größerem Maßstab wächst die Getreideproduktion in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, nicht bloß infolge der Vermehrung der Verkehrsmittel, in welchen dieses Land im Verhältnis zur Zahl seiner Bevölkerung geradezu den ersten Rang einnimmt, sondern auch durch die rasche Vergrößerung des dem Getreidebau gewidmeten Areals. Den größten Anstoß dazu hat die Krisis gegeben. Durch das seit 15 Jahren herrschende Schutzzollsystem war die Fabrikindustrie außerordentlich rasch übermäßig ausgedehnt worden, so dass beim Hereinbruch der Krisis eine in Amerika noch nie dagewesene Not unter den arbeitenden Klassen ausbrach, welche bis auf den heutigen Tag dauert. Während in Europa viele Arbeiter, die vorübergehend von der großen Industrie angelockt worden waren, infolge der Betriebseinstellung und des Stillstandes der Geschäfte ihre Zuflucht wieder bei dem nur zu leichtsinnig verlassenen Landbau fanden, ging dieser Prozess in den Vereinigten Staaten noch viel leichter vor sich, weil dort der Staat noch Hunderte von Millionen Acres *) 1 Acre = rd. 4047 m² fruchtbaren Landes zu ein paar Dollars den Acre zu verkaufen hat, welche zur Anlegung neuer Ansiedlungen verfügbar sind. So sind denn viele der beschäftigungslosen Arbeiter der Oststaaten Ansiedler der Weststaaten geworden, und die Getreideproduktion ist, einerseits infolge dieser Ausdehnung des Ackerlandes, andererseits infolge guter Ernten, in den letzten drei Jahren jährlich einem bedeutenden Zuwachs erfahren. Im Fiskaljahr vom 1. Juni 1877 bis 1878 sollen nicht weniger als 700 000 Menschen aus dem Osten in die Weststaaten übergesiedelt sein und der landwirtschaftlichen Beschäftigung sich gewidmet haben. Auch der Verkauf der Staatsländereien (rd. 57 000 km²) war dieser kolossalen Auswanderung entsprechend. Man muss also darauf gefasst sein, dass die amerikanische Getreideproduktion in den folgenden Jahren noch viel bedeutendere Ziffern aufweisen wird, weil die neuen Ansiedler in der ersten Zeit genug damit zu tun haben, ihren eigenen Bedarf zu sichern und erst allmählich zur Exportfähigkeit heraufschwingen. Die amerikanischen Landwirte sind aber nicht bloß durch ihr ausgedehntes Netz von Wasser- und Eisenbahnen in dieser Beziehung begünstigt, sondern auch durch die steigende Bevölkerung und Anwendung landwirtschaftlicher Maschinen. Es wurden in den letzten Jahren in den ungeheuren fruchtbaren Ebenen des Westens Prärieflächen durch den Dampfpflug umgelegt, welche an Umfang einem kleinen deutschen Fürstentum gleichkommen. Auch in Russland beginnt der Dampfpflug sich mehr und mehr einzubürgern. Die Konkurrenz der Dampfkultur ist umso gefährlicher, weil in den russischen und westamerikanischen Ebenen denselben gar keine Düngungsschwierigkeiten entgegentreten, weil jene Ländereien auf Jahrzehnte hinaus reichliche Ernten ohne Düngung ergeben, und weil, wenn diese Flächen endlich erschöpft sein sollten, noch bevor die rationelle Bewirtschaftung beginnt, noch jungfräulicher Boden in Menge unter den Pflug genommen werden kann.
In den amerikanischen Weststaaten ist es unter solchen Umständen nur der Mangel an Händen bei der Ernte, welcher der maßlosen Ausdehnung der Getreidegewinnung noch einigermaßen ein Ziel setzt. Schon vor mehr als 40 Jahren ward indessen dieser Umstand die Veranlassung zur Erfindung der Getreidemähmaschinen, welche bereits seit 15 Jahren in der wünschenswerten Vollkommenheit auch in Europa eingeführt sind. Schon vor einigen Jahren waren in Großbritannien allein davon 60 000 Stück in Gang. Diese Erntemaschinen verrichten ihre Arbeit mit wahrhaft wunderbarer Reinlichkeit und Schnelligkeit und sie legen das geschnittene Getreide sogar in wohlgeordneten Haufen hin. Allein Eines fehlte den amerikanischen Landwirten des Westens doch noch, um ihren Vorteil völlig auszunützen, dass jene Maschinen auch zugleich die Garben banden. Nach vieljährigen Versuchen ist nun endlich auch dieses Kunststück gelungen, und bereits bei der jüngsten Ernte haben die ersten Ernte- und Garbenbindemaschinen ihre Proben auch in England abgelegt. Schon seit Jahrzehnten ist in den Vereinigten Staaten eine Menge von Patenten auf solche Maschinen erteilt worden, aber erst jetzt ist eine Konstruktion erfunden worden, welche sich in der Praxis vollkommen bewährt.
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Am 5. und 6. August 1878 fanden konkurrierende Versuche vor einer Kommission der englischen Ackerbaugesellschaft zu Bristol mit sieben neuen Maschinen statt, wovon drei amerikanischen und vier englischen Ursprungs waren. Nach dem Bericht der Times selbst haben sich nur die drei amerikanischen vollkommen bewährt und ist am zweiten Tage der Streit nur zwischen diesen ausgemachten worden, wobei eine Maschine von M’Cormick den ersten Preis mit der goldenen Medaille errang, während eine solche von Wood mit einer ehrenvollen Empfehlung wegkam. Die dritte Maschine von Osborne scheint nur deshalb nachgestanden zu haben, weil der Erfinder ein Exemplar von der kleineren Sorte geschickt hatte. Die drei Maschinen wurden auf Weizen, Gerste und Hafer probiert. Bei allen drei Maschinen fällt das geschnittene Getreide rückwärts auf eine horizontale Plattform, die mit einem endlosen Netz ausgerüstet ist, welches mit kleinen Holzlatten ausgerippt ist und das Getreide nach der Hinterseite führt.Hier wird es, um das große Fahr- und Triebrad zu vermeiden, rund 1,5 m senkrecht in die Höhe gehoben und fällt dann hinüber auf ein Seitenbrett, wo ein Bindearm nacheinander einzelne Portionen hinwegnimmt, um jeden Bund einen dünnen Draht zieht und dessen beide Enden zugleich mittels einer sinnreichen mechanischen Vorkehrung vier- bis fünfmal umeinander dreht, die Garbe somit festigt und sie dann von der Platte hinabwirft. In den einzelnen Vorkehrungen weichen die drei Maschinen indessen wesentlich von einander ab. Bei der M’Cormick- und der Osborne-Maschine wird das Getreide zwischen zwei endlosen Netzen gehoben, welche aus Hanf gemacht und mit Holzstäben gerippt sind; bei der Wood-Maschine ist der Elevator ein festes Brett, über welches Gürtel aus Kautschuk laufen, welche mit vorstehenden Läppchen ausgerüstet sind und unten durch eine sich umdrehende Walze geschoben werden. Dabei ist der aufsteigende Strom des Getreides gegen heftigen Wind noch durch eine aufgehängte Lattenrolle geschützt. Der größte Unterschied besteht in dem Apparat für das Binden der Garben. In der Wood-Maschine dreht sich die Kurbel des Bindearmes auf einer vertikalen Fläche rechtwinkelig von der Plattform auf einer Achse, welche sich stets in derselben Lage bewegt. Bei der M’Cormick-Maschine hebt und senkt sich der Bindearm, während seine Achse abwechselnd sich vor- und rückwärts bewegt. In der Wood-Maschine befindet sich die Vorkehrung, um die Enden der Drähte zu drehen und zu festigen, in dem Nadelende des Bindearmes; bei der M’Cormick-Maschine aber befindet sich diese Vorrichtung unten am Tisch und wird unabhängig vom Bindearm gehandhabt. Die außerordentlich sinnreichen und verwickelten Vorrichtungen, durch welche der Draht um das Garbenbündel geschlungen, während des Bindens festgehalten, dann abgeschnitten und gleich wieder für die nächste Garbe vorgerückt wird, die Vorkehrungen für die Aufrechterhaltung des erforderlichen Grades von Spannung an dem Draht und für die Zusammenpressung und Abschiebung der fertigen Garben spotten jeder Beschreibung und können nur von Mechanikern voll gewürdigt werden.
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Zuerst versuchten sich die Maschinen auf einem Acker mit dünnem Hafer, dessen Stroh 0,90 – 1,3 m hoch und noch ziemlich grün war. Der Boden war grasig, in verfilztem Zustand und mit Steinen bedeckt. Auch waren einige Furchen zu kreuzen. Die Bedingungen waren also nicht die günstigsten. Gleichwohl schnitt M’Cormicks Maschine 2000 m² in 24 Minuten ohne Aufenthalt, Binden und Abwerfen der Garben mit eingeschlossen. Die Zuschauer brachen in Bewunderung aus über die ununterbrochene glatte Arbeit der Maschine, wie sie das Getreide über einen breiten Strich hin schnitt, aufnahm, in Garben band und diese abwarf, ohne dass nur ein Strohhalm auf den Boden fiel. Die Wood-Maschine machte dieselbe Arbeit in 32½ Minuten, aber bei vier Garben riss ihr der Draht. Bei 4000 m² von leicht stehendem Weizen von 1,1 – 1,3 m Strohlänge, der noch nicht reif genug für den Schnitt war, lieferte die M’Cormick-Maschine alle 4,5 m eine dicht gebundene Garbe und beendigte das Stück in 48½ Minuten, wobei zwei Stockungen und ein Drahtbruch vorkamen. Die Wood-Maschine beendigte dieselbe Arbeit in 51 Minuten, hatte aber sieben Stockungen und bei sechs Garben riss der Draht. Ähnliche Resultate wurden auch bei einer dritten Probe mit Gerste und bei einer vierten mit schwerem, schwarzem tatarischem Hafer erzielt. Die Probe ist zur vollkommenen Zufriedenheit der Richter ausgefallen, und wenn auch, wie bei allen Maschinen, mit der Zeit wesentliche Verbesserungen daran werden gemacht werden, so kann doch kein Zweifel darüber obwalten, dass die Landwirte auf den großen Ebenen der Weststaaten Amerikas dadurch einen wesentlichen Vorschub zur Massenproduktion von Getreide erhalten und dass ihre Konkurrenz von Jahr zu Jahr gefährlicher wird.
Die deutschen Landwirte werden also, mehr und mehr dem Beispiele der englischen, französischen und schweizerischen folgend, vom Getreidebau sich zurückziehen und nach Ersatzkulturen sich umsehen, insbesondere die Veredlung der Viehzucht und der damit zusammenhängenden Erzeugnisse pflegen müssen.