DaseinsvorsorgeEnergieversorgung

Siegfried Hartmann

Energieversorgung

Sonnenstrahlen und Mondkraft

Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908

Voraussichtliche Lesezeit rund 7 Minuten.

»Die der Erde in einer Stunde zuströmende Sonnenwärme könnte eine Wassermenge von vier Kubik­meilen bei entsprechender Konzentration auf diese Stelle zum Sieden bringen.« So schreibt mir ein guter Freund. Ich bin ihm für dieses Zitat aus einem Buch von Zöpfl (National-ökonomie der technischen Betriebskraft) dankbar, denn es gibt mir eine brauchbare Einleitung für eine kleine Plauderei über Energieversorgung, eine Frage, über die sich ein Heer von Berufenen und mehr noch Unberufenen fortgesetzt die Köpfe zerbricht. Was wird aus der Erde, wenn die Kohlen alle werden? Du meinst, dann würde es schrecklich kalt im Winter, und die nördlichsten und südlichsten Kulturstaaten der Erde müssten alle ihre Untertanen umsonst und mit freier Station die Wintermonate nach dem sonnigen Süden bzw. Norden schicken? O, ans Heizen unserer Wohnungen zur kalten Winterzeit, daran habe ich gar nicht gedacht, das ist, mit Verlaub zu sagen, verhältnismäßig recht nebensächlich. Eine Frage von ungleich größerer Wichtigkeit ist die: Wo beziehen wir dann unsere Kraft her, die Unsumme von mechanischer Kraft, die unser ganzes Kulturleben geschaffen hat und erhält? Gesetzt den Fall, es gäbe einen Herrscher, nennen wir ihn beispielsweise Kaiser Thyssen, der die Macht hätte, zu verhindern, dass der schwarze Brennstoff im Inland gefördert und aus dem Ausland eingeführt würde, was dann? Ich will die wirtschaftlichen Folgen nicht ausmalen, sondern lediglich die kulturellen: Alle Eisenbahnen, alle Straßenbahnen ständen still, kein Gas-, kein elektrisches Licht leuchtete mehr, binnen kurzem gäbe es auch kein Eisen, denn die Hochöfen müssten feiern, kein Dampfschiff ginge, alle die tausend Bedürfnisse des täglichen Lebens: Im Handumdrehen wären sie vergriffen, alle Webereien, Spinnereien und sonstigen Fabriken müssten ruhen, weil keine Maschine mehr in Gang gehalten werden könnte, und last not least: Keine Zeitung könnte mehr erscheinen!

Wenn alle die Millionen von fleißigen Händen, die heute in der Industrie und im Verkehrsgewerbe tätig sind, von früh bis spät arbeiten und schaffen wollten, sie wären nicht imstande, auch nur das Allernotwendigste von Hand aus herzustellen, was vordem die Maschinen spielend hervorzauberten.

Warum die elektrischen Bahnen stillständen? Ja, weißt du nicht, lieber Leser, dass auch die Elektrizität in der weitaus größten Zahl aller deutschen Städte von kohlen­fressenden Dampf- oder Gasmaschinen erzeugt wird? Und das Gas? Ist es nicht auch ein Produkt der Kohle? Wenn wir einen Elektromotor betreiben oder eine Gaslaterne brennen sehen, machen wir es uns meist gar nicht klar, dass auch diese Dinge fast ausschließlich von den schwarzen Diamanten abhängen, die in Wahrheit Diamanten sind, wertvoller für die Menschheit, viel wertvoller als der Orlow, Südstern und andere berühmte Edelsteine.

Nun ist ja zunächst nicht zu befürchten, dass jemand mit Gewalt versuchen wird, die Kohlenzufuhr abzuschneiden, es dürfte das jedenfalls nicht ganz friedlich ablaufen, aber was mit Gewalt keinem Menschen glücken würde, das wird eines Tages Mutter Natur erreichen, wenn sie ihr non possumus ausspricht, wenn trotz Suchen und Suchen auf dem ganzen Erdball keine Ader Kohle mehr gefunden wird und kein Torflager ein Surrogat dafür liefern kann. Das wird nicht plötzlich, sondern allmählich auftreten, die Menschheit wird sich langsam daran gewöhnen können, aber erfreulich ist der Gedanke keineswegs. Nun ist es sicherlich ein höchst müßiges Unterfangen, jenen Zeitpunkt vorausbestimmen zu wollen. Alle die wunderschönen Berechnungen, die in dieser Hinsicht aufgemacht worden sind, haben gar keinen Wert. Die kohlen­bergende Erdrinde ist noch so wenig gründlich erforscht, dass wir noch nicht die geringste Ahnung haben, wie viel Kohlen überhaupt vorhanden sind. Wenn wir aber von jemand den Vermögensbestand nicht kennen, dann ist es nicht gerade aussichtsreich, den Tag seines Konkurses voraussagen zu wollen. Wenn er nur ausgibt und nichts verdient, muss er ja eintreten, aber das Wann ist dann eine offene Frage. Mit hoher Wahrscheinlichkeit können wir annehmen, dass keiner von den bis heute geborenen Erdenbürgern und -bürger­innen den Tag erleben wird. Trotzdem reizt das Problem, so problematisch es auch ist, und vielleicht gerade deshalb die Frage: was dann?

Der Fall, den ich oben skizzierte: Plötzlicher Stillstand von Handel, Verkehr und Industrie, würde jedenfalls nicht eintreten, aus dem einfachen Grunde, weil eben das Ereignis die Menschheit nicht plötzlich, nicht unvorbereitet träfe. Man würde versuchen, die bisher aus den Kohlen gewonnene Kraft anderweitig zu ersetzen. Doch wie? Holz käme als Brennmaterial nicht in Frage, seinen Verbrauch wird man im Gegenteil schon weit eher einschränken müssen als den der Kohle, weil die Holzlieferanten, die Wälder, im Interesse einer gedeihlichen Wasserwirtschaft um jeden Preis erhalten werden müssen. Aber die Wasserströme selbst, deren geregelten Lauf wir eben durch kluge Aufforstungen in den Quellgebieten erzielen, können uns Kraft liefern. Schon heute, wo noch kein Mangel an Kohlen ist, hat man sich ihrer bemächtigt und zapft ihnen Hunderttausende von Pferdestärken ab, und ich glaube fest, an dem Tage, wo die Kohlen anfangen zur Neige zu gehen, wird kein Meter Wassergefälle mehr auf der Erde zu finden sein, das nicht durch mächtige Turbinenanlagen zur Krafterzeugung ausgenutzt ist; die Wasserkraft wird sich nicht als Ersatz für die Kohlen, sondern als Konkurrent herausbilden, und wird am Entscheidungstage ohnmächtig sein, die Pflichten auch dieser mit zu übernehmen.

Was also dann? Nun, wir sind noch nicht am Ende. Außer der Kraft, die uns das zu Tal fließende Wasser schenkt, kann auch das in den Meeren stehende zur Energieerzeugung herangezogen werden. Da ist z. B. an die Umwandlung der Wellenbewegung in mechanische Arbeit zu denken. Hier handelt es sich zwar eigentlich um Windkraft, aber gleichviel, es ist ein ganz Teil Energie, das dort herausgeholt werden kann. Wenn bisher nur schwache Versuche in dieser Richtung unternommen worden sind, so liegt das daran, dass unter den heutigen Verhältnissen die mit solcher Kraftgewinnung verknüpften umständlichen Einrichtungen uns viel zu unrentabel erscheinen, die Kohle tut es billiger. Aber der Tag wird kommen, wo man diesen Weg wird beschreiten müssen.

Doch im Meer liegt noch eine andere Kraftquelle verborgen: die Gezeiten, die merkwürdige Erscheinung von Ebbe und Flut. Auch hier sind schon Versuche gemacht worden, sie für den Dienst der Menschen auszunutzen, bisher in sehr bescheidenem Umfang, weil gleichfalls der erforderliche technische Apparat zu umständlich und noch zu wenig wirtschaftlich erscheint. Kommende Geschlechter werden ihren ganzen Scharfsinn dem Problem zuwenden, und mit ebendem Ehrgeiz und der Hartnäckigkeit möglichst vollkommene Maschinen für diesen Zweck erbauen, wie heute unsere Ingenieure durch Verbesserungen im Bau von Dampfkesseln, Dampfmaschinen, Gaserzeugern und Gasmotoren die Kohlen auf das Äußerste auszunutzen suchen. Was als Preis winkt, mag ein kleines Beispiel zeigen: Ein großer Frachtdampfer wiegt rund 10 000 Tonnen, d. h. 10 000 000 kg. Der Unterschied zwischen Ebbe und Flut beträgt durchschnittlich 3 Meter an den ozeanischen Küsten, in sechs Stunden wird also das Schiff durch das steigende Wasser um 3 m gehoben. Das entspricht einer Durchschnittsleistung von rund 20 PS. Ein moderner Frachtdampfer würde nun freilich einen etwas teuren 20 PS-Motor darstellen, aber der betreffende Schiffskörper braucht durchaus kein vollendetes Schiff zu sein, ein einfacher Kahn, etwa 100 m lang, 20 m breit und 5 m tief, der mit etwa 5000 m³ Sand beladen werden könnte, verrichtet dasselbe. Geben wir ihm die doppelte Tiefe und die doppelte Belastung, so gewinnen wir 40 PS, auf einer Fläche von 10 000 m² könnten dann fünf solcher Schiffe liegen, d. h. 200 PS erzeugt werden, auf 1 km² 20 000 PS. Und wenn man sich eine Fläche wie die Nordsee, 500 000 km², mit derartigen ›Kraftschiffen‹ besetzt denkt, wären etwa 10 000 000 PS zu gewinnen. Das ist natürlich Fantasie. Die kleine Rechnung soll nur zeigen, welche außerordentlichen Kraftreservoire auf der Erde noch vorhanden sind, Reservoire, die unerschöpflich sind und bleiben, solange es Meere geben wird und der Mond sich um die Erde dreht.

Doch nicht genug damit. Noch eine andere Kraftquelle steht uns zur Verfügung, die allerdings in unseren Breiten den Nachteil der Unbeständigkeit hat. Sie ist seit alters her bekannt, der Wind. In allerneuester Zeit hat man in einigen windreichen Landstrichen in umfangreicherem Maße den Wind wieder zur Krafterzeugung herangezogen. In Vereinigung mit Hoch­wasser­reser­voiren oder elektrischen Sammelbatterien kann auch schon die heutige Technik die nur zeitweilig bald mehr und bald weniger starke Kraftlieferung des Windes zu einer dauernd wirkenden Kraft umgestalten. Die hohen Anlagekosten, d. h. wirtschaftlichen Momente sind auch hier vorläufig das Hindernis für eine ausgedehntere Ausnutzung dieser natürlichen Energiequelle.

Und die Energie, die uns die Sonne zustrahlt? Augenblicklich begnügen wir uns in der Hauptsache damit, den Teil Sonnenenergie zu verwerten, den sie in früheren Jahrtausenden der Erde lieferte, eben in Gestalt von Kohle und Torf. Wenn dieser aufgespeicherte Vorrat aufgebraucht sein wird, dann wird man wahrscheinlich versuchen, den Speicher zu umgehen und das wertvolle Gut, so wie es aus der Fabrik Sonne kommt, unabge­lagert zu benutzen. Nun wäre es allerdings nicht angebracht, das ganze Quantum in mechanische Arbeit zu verwandeln, vorausgesetzt, es wäre ausführbar, denn dann bliebe nichts übrig für den Unterhalt der organischen Natur, Wolkenbildung, d. h. Regen, fiele weg, Winde würden nicht mehr wehen; kurz, ein Teil der schon erwähnten Energiequellen würde wieder versiegen, so weit diese im Grunde nichts anderes sind, als Übermittler von Sonnenenergie.

Wir wollen also ganz bescheiden sein. Wollen nur auf etwas tropische Vegetation unter dem Äquator verzichten und auf einem 1000 m breitem Gurt am Äquator alle dort ausgestrahlte Sonnenenergie auffangen. Unter Zugrundelegung der Messungen von Violle, der den Wärmeempfang der Erde an der Grenze der Atmosphäre auf den Quadratmeter zu 0,42 Wärmeeinheiten in der Sekunde berechnete, ergäben sich dann bei Annahme reichlicher Verluste viele, viele Millionen Pferdestärken, mehr als heute sämtliche Dampfmaschinen und Wasserturbinen der Welt zusammengenommen leisten.

Wir könnten noch weiter schweifen, könnten noch daran denken, den Temperaturunterschied zwischen dem Erdinnern und der Erdoberfläche etwa auf thermoelektrischem Wege in Kraft umzuwandeln, doch es sei genug.

Die Leser werden aus diesen Andeutungen jedenfalls erkannt haben, dass wir keine Sorge zu haben brauchen, dass unsere Urenkel einmal aus Mangel an Kohlen erfrieren, oder dass die Kultur gezwungen sein würde, stillzustehen oder rück­wärts­zuschreiten. Ungeheure, noch jungfräuliche Energiequellen birgt der Erdball, die der Ingenieurkunst noch harren, die sie für das Kulturleben der Menschheit nutzbar macht.

• Auf epilog.de am 7. Februar 2026 veröffentlicht

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