VerkehrEisenbahn

Einige Knackmandeln für Eisenbahndirektionen

Von Gerhard Rohlfs

Die Gartenlaube • Oktober 1875

Voraussichtliche Lesezeit rund 10 Minuten.

Es unterliegt für alle die, welche das Ausland besucht haben, keinem Zweifel, dass die Einrichtungen der deutschen Eisenbahnen denen anderer Länder bei weitem vorzuziehen sind. Keineswegs ist es nationale Eitelkeit, welche uns diesen Gedanken eingibt, im Gegenteil: Gerade diese Zeilen sollen dazu dienen, auf einige Mängel hinzuweisen, welche bei uns vorhanden sind, welche aber auch mit Leichtigkeit gehoben werden können. Um aber die zuerst ausgesprochene Ansicht zu motivieren, erinnere ich nur daran, dass man im Ausland immer 1. Klasse reist, in Deutschland im Allgemeinen 2. Klasse. Die Deutschen der Ostseeprovinzen Russlands nehmen sich ein gemischtes Billett, wenn sie von ihrer Heimat oder auch von St. Petersburg nach Deutschland und umgekehrt reisen wollen. Ein solches gemischtes Billett, welches man eben nur an der dortigen Grenze und für die dortigen Städte bekommt, berechtigt in Russland zur Fahrt 1. Klasse, in Deutschland zur Fahrt 2. Klasse. Deutlicher kann man wohl nicht sagen: In Deutschland ist die 2. Klasse so gut wie in Russland die 1. Klasse. Aber in Russland ist die 1. Klasse noch bedeutend besser als in England, Frankreich und Italien. Die 3. Klasse ist in allen Ländern ungefähr gleich gut, aber nur in Deutschland sind im Winter die Waggons 3. Klasse gut geheizt und nur in Deutschland hat man bei der 3. Klasse (wenigstens in Preußen) eigene Coupés für Nichtraucher und für Frauen. Eine 4. Klasse, diesen Segen für das unbemittelte Volk, kennt man nur in Deutschland, ja, man geht jetzt in Preußen sogar damit um, auch für die 4. Klasse Frauencoupés zu errichten.

Im Allgemeinen kann man auch sagen, dass der Betrieb in Deutschland musterhaft ist, obschon hier ein großer Unterschied besteht zwischen den Bahnen, welche von den Regierungen, und denen, die von Gesellschaften verwaltet werden. Bei den Regierungsbahnen merkt man, dass sie für das Publikum und zum Besten desselben existieren, bei den von den Gesellschaften hergestellten kann man sich des Gefühls und des Gedankens nicht erwehren, das Publikum sei um der Bahnen willen da. Namentlich augenfällig tritt dies im Winter zu Tage, wo Waggons der von einer Regierung verwalteten Bahn mit Muni­fizenz geheizt werden, während bei den Gesellschaftsbahnen mit ängstlicher Sorgfalt ein gewisser Kältegrad abgewartet wird, bis man sich dazu entschließt, Wartezimmer und Waggons zu heizen.

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• Auf epilog.de am 28. April 2026 veröffentlicht

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