VerkehrEisenbahn

Durch und über den Mont Cenis

Die Gartenlaube • 1866

Voraussichtliche Lesezeit rund 12 Minuten.

Die erste Hälfte unseres Jahrhunderts sah Italien nach langem, schwerem Schlaf erwachen. Seit dem Sturz Napoleons arbeiteten alle patriotischen Männer an der Belebung des nationalen Geistes, und das Streben, dem übrigen gebildeten Europa näher zu treten, wurde immer stärker. Kaum begann man daher in Frankreich und Deutschland die ersten Eisenbahnen zu bauen, als auch in Italien der Wunsch rege wurde, die neue Erfindung zum rascheren Verkehr durch die Alpen zu benützen. Schnell genug war eine Eisenstraße bis an den Fuß der Savoyer Höhen gebaut, und man begann sich mit dem Gedanken eines Riesentunnel durch die Alpen vertraut zu machen. König Carl Albert berief schon 1845 belgische Ingenieure, um die Ausführbarkeit dieser Idee zu prüfen. Das piemontesische Volk, das rührigste aller italienischen Stämme, war am meisten bei dieser Frage beteiligt und widmete ihr den größten Eifer. Für einen Tunnelbau aber eignete sich kein Berg mehr, als der Mont Cenis, ein gut 3600 Meter hoher Berg der Grajischen Alpen zwischen Turin und Piemont einerseits und Chambery und Savoyen andererseits.

Schon im Mittelalter war der Mont-Cenis-Pass belebt; den Bau der Straße, wie sie heute ist, verdankt man aber Napoleon, der sie nach dem Sieg bei Marengo hauptsächlich zu militärischen Zwecken herrichten ließ. Seitdem blieb sie die große Hauptlinie des Verkehrs von London, Paris und Lyon hinüber nach Norditalien. Es ist eine überaus malerische Fahrt, die der Mühe lohnt, sich auch in unsern Tagen noch einmal zehn Stunden in den Postwagen klemmen zu lassen. Schwere, große Wagen mit drei völlig getrennten Abteilungen warten der Reisenden in dem Hof des Postgebäudes zu St. Michel, dem Endpunkt der von Lyon nach Savoyen führenden Eisenbahn auf französischer Seite. Jeder Wagen fasst zwölf bis fünfzehn Personen, und oft gehen ihrer vier bis fünf zu gleicher Zeit ab. Der Postillon, der hoch oben sitzt, leitet vier rüstige Pferde, die zunächst vor den Wagen gespannt sind. Allein deren Kräfte reichen an vielen Stellen nicht aus; eine kurze Strecke nur, und lange Züge von Maultieren stehen zum Vorspann bereit. Vor jeden Wagen kommen deren etwa zehn; ein paar kecke Burschen mit langen Peitschen laufen neben ihnen her, treiben sie an, schreien, schwingen sich auch von Zeit zu Zeit auf eins der Tiere, und so geht es in kurzem Galopp die Schlangenwindungen der Straße hinauf. Dem Reisenden, der zum ersten Mal die Fahrt macht, wird es sonderbar zumute, wenn er sich längs der Abgründe durch die anscheinend störrigen und schwer lenksamen Tiere hingerissen sieht, über welche der Postillon durchaus keine Macht hat, die durch keine Zügel, sondern lediglich durch die Peitsche der ziemlich verdächtig aussehenden Führer gelenkt werden.

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• Auf epilog.de am 10. August 2016 veröffentlicht

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