Berlin

Die Uraniasäulen in Berlin

Daheim • 9.7.1892

Die Uraniasäulen in Berlin

Die Straßen und Plätze Berlins haben seit kurzem einen neuen, angenehm auffallenden Schmuck erhalten: reich ausgestattete, monumentale Säulen nämlich, – vornehme, imposante Gegenstücke zu den einfacheren, etwas plebejisch dreinschauenden Annoncensäulen mit ihrem bunten Gewirr von Ankündigungen und Bekanntmachungen großstädtischen Lebens. Die neue Einrichtung kommt einem allgemein gehegten Wunsche entgegen, dem nämlich: an möglichst vielen Orten und Enden Berlins über Zeit, Wind und Wetter, Temperatur, Druck und Feuchtigkeit der Luft zu jeder Zeit zuverlässig und ausführlich unterrichtet zu werden. Die neuen Wettersäulen, in Beziehung zu dem populär-wissenschaftlich wirkenden Institut Urania, das sie ins Leben gerufen, Uraniasäulen genannt, dienen diesem Zwecke in umfassendster Weise. Sie sind in ihrem wissenschaftlichen Teil nach den Angaben zweier hervorragender Fachmänner, des Leiters der Königl. Sternwarte, Professor W. Förster, und des Direktors des Königlichen meteorologischen Instituts, Professor von Bezold, von den Gelehrten und Technikern der Urania konstruiert worden·

Der gusseiserne, sehr graziöse, schlanke Bau der Säule besteht aus einem Unterbau und dem oberen, dem Hauptteil; an seiner Spitze wird der Säulenschaft durch eine in einen vielzackigen Stern auslaufende Kuppel gekrönt, welche die Form eines Himmelsglobus zeigt und auf drei Seiten die Zifferblätter der Normaluhr, wohl den Kernpunkt des ganzen Werkes, in weithin leuchtender Weise trägt, während die vierte Seite in fortlaufender Bewegung die Mondphasen angibt. Zwei von den Zifferblättern zeigen die Berliner Zeit, das dritte die Weltzeit (Greenwich) an. Diese Uhren werden durch Telefonleitungen reguliert, und es ist auch durch höchst sinnreiche Apparate die Möglichkeit geschaffen, kleine Abirrungen der Uhren durch Signale sofort zur Kenntnis der Betriebsleitung zu bringen, welche dann eiligst den Fehler korrigiert. Das Interessanteste an den Wunderdingen der Uraniasäulen ist entschieden der Aspirations-Meteorograph des Herrn Dr. Aßmann, der die wirkliche Beschaffenheit der Luft in der Umgebung der Säulen anzeigt. Eine durch das Werk der Normaluhr in Bewegung erhaltene Turbine umspült den Apparat mit einem steten Luftstrom, und auf wiederum durch das Uhrwerk in Bewegung gehaltene Papierstreifen wird zu Nutz und Frommen des Beschauers durch drei übereinanderliegende Federn die Temperatur, der Luftdruck und der Feuchtigkeitsgehalt aufgezeichnet; natürlich bildet das gleichzeitig ein wertvolles meteorologisch-statistisches Material. Dieser Apparat befindet sich in Augenhöhe an der der Straße zugekehrten Seite der Säule.

Der Unterbau und der obere Hauptteil der Säule sind von künstlerisch ausgeführten, buntfarbigen Ankündigungen großer Geschäftshäuser, industrieller Etablissements, Schifffahrtsgesellschaften etc. bedeckt, und zwar drehen sich diese hübschen, schon von weitem auffallenden Bilder in der Weise, dass von Minute zu Minute eine andere Anzeige hinter der Spiegelscheibe erscheint. Sogar kleine Schaukästen mit blitzenden Schmucksachen, natürlich unter festem Glas und starkem Eisenrahmen, gewahren wir in dem schräg abfallenden Unterbau. Die darüber liegenden Felder enthalten Tabellen über Ankunft und Abfahrt der Eisenbahnzüge, geografische, astronomische und physikalische Angaben, eine geologische Übersichtskarte, wissenswerte Daten über die Bewegung der Bevölkerung etc. Und alles das wird in der Dunkelheit durch mächtige Reflektoren mit Regenerativlampen, die oben unterhalb der Kuppel angebracht sind, strahlend hell erleuchtet. Mit diesen Uraniasäulen, deren übrigens in Berlin gegen hundert aufgestellt sind oder ausgestellt werden sollen, ist eine originelle, echt weltstädtische Einrichtung geschaffen worden, um welche die anderen Großstädte des Globus die junge deutsche Reichshauptstadt beneiden können.

• Auf epilog.de am 21. Februar 2021 veröffentlicht