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Die Shay-Lokomotive

Zentralblatt der Bauverwaltung • 9.8.1890

In Amerika kommt neuerdings eine von Shay angegebene besondere Art von Lokomotiven für Schleppbahnen in landwirtschaftlichen, forstwirtschaftlichen und Bergwerks-Betrieben in Aufnahme, deren Eigentümlichkeit darin besteht, dass sie durch Kegelradgetriebe fortbewegt, die Zugkraft im Übrigen aber, wie bei unseren gewöhnlichen Lokomotiven, lediglich durch die Reibung zwischen den Rädern und den Schienen auf den Lastenzug übertragen wird. Die Abb. 1 lässt die allgemeine Anordnung der Lokomotive erkennen. Die hier dargestellte Maschine ist von zwei kleinen, verhältnismäßig weit auseinander gelegten Drehgestellen getragen, deren vorderes den Vorderteil des Kessels, und deren hinteres den Tender trägt, während der zwischen Kessel und Tender eingeschaltete Führerstand gleichsam schwebend zwischen beiden Gestellen angeordnet ist. An der rechten Seite der Lokomotive liegt in Höhe der Radachsen durchlaufend eine aus mehreren gelenkartig verbundenen Teilen zusammengesetzte Treibachse, welche von zwei hinter dem Führerstand rechtsseitig angeordneten senkrechten Dampfzylindern aus in Umdrehung versetzt wird und daher mehrfach gekröpft ist. Auf die der Welle zugekehrten Radflächen sind Kegelräder zentrisch aufgelegt und in Eingriff mit vier auf der Triebwelle aufgekeilten Zahn-Triebrädern gebracht. Im Übrigen stellt die Maschine gewissermaßen eine Vereinigung der Fairlieschen Bauart mit der von Forney dar.

Shay-LokomotiveAbb. 1

Die Abb. 1 ist von den Engineering News mitgeteilt. Auf Abb. 2 aus Railway Engineer ist eine der in neuester Zeit gebauten größeren Maschinen für Vollspur abgebildet, welche von der vorstehenden darin abweicht, dass der Tender in nachgiebiger statt starrer Weise mit der eigentlichen Lokomotive verbunden ist. Dies hat die Anordnung eines dritten Drehschemels kurz vor dem zweiten erforderlich gemacht, welcher zugleich das Hinter-Ende der Lokomotive und das Vorder-Ende des Tenders zu tragen hat. Sonach hat die Maschine nicht weniger als 12 miteinander verbundene Triebräder. Von den im Railway Engineer mitgeteilten Abmessungen dieser Lokomotive mögen die folgenden Platz finden: Die Triebräder haben 0,91 m Durchmesser; jeder der Zylinder, von welchen hier drei vorhanden sind, hat 41 cm Bohrung und 38 cm Hub. In dem Kessel, dessen kleinster Durchmesser 1,32 m beträgt, und welcher des besseren Gleichgewichts halber ein wenig nach links aus der Gleisachse liegt, befinden sich 180 Stück 3,05 m lange Röhren von 50 mm äußerem Durchmesser. Die Drehschemel haben 1,4 m Radstand. Die Drehachsen der Gestelle liegen unter der eigentlichen Lokomotive 7,63 m, unter dem Tender 3,66 m weit auseinander. Die ganze Länge der Maschine beträgt 16,37 m, das gesamte Dienstgewicht 80 t. Dabei ist der Tender mit 1,13 m³ Wasser und 3,6 t Kohlen gefüllt angenommen.

Shay-LokomotiveAbb. 2

Die Geschwindigkeit und Zugkraft der Lokomotiven hängen von dem Übersetzungsverhältnis der Kegelräder ab. Dasselbe beträgt nach den #Engineering News für die gewöhnlich angewendete Geschwindigkeit von 24 – 26 km/h, welche eine bedeutende Zugkraft ermöglicht, 1 : 3; für größere Geschwindigkeiten, welche indes nur geringere Zugkraft zulassen, wird das Verhältnis 1 : 2 und selbst 1 : 1 angewendet. (Nach dem Railway Engineer ist die Geschwindigkeit beträchtlich geringer als angegeben und beträgt zwischen 14,5 und 22,5 km/h.)

Die Lokomotiven werden für Bahnen verschiedenartigster Spurweite bis zur Vollspur und demnach auch in mannigfach wechselnden Größen hergestellt; ihr Gewicht schwankt zwischen 10 t und 80 t. Selbst für den Personenverkehr auf der Vorstadtbahn von Chattanooga nach Mission Ridge ist eine Shay-Maschine von 28 t Gewicht auf vollspurigem Gleis verwendet worden; dieselbe war imstande, zwei beladene Personenwagen auf einer 1400 m langen Steigung 1 : 12,5 zu befördern. Doch bildet diese Art der Verwendung die Ausnahme; die eigentliche Bedeutung der Maschinen liegt in ihrer trefflichen Verwendbarkeit zum Schleppen von Lasten auf Bahnen, welche in der Regel schmalspurig, mit wenig Kostenaufwand, unter Anwendung besonders starker Steigungen und Krümmungen hergestellt zu werden pflegen. Die Maschinen überwinden je nach ihrer Bauart Steigungen bis 1 : 10 und selbst darüber sowie Krümmungen bis 15 m Halbmesser. Die Maschine auf Abb. 2 wird auf der Sinnemahoning-Tal-Eisenbahn in Pennsylvanien für Zwecke des Güterverkehrs verwendet. Sie schleppt Lasten von 100 t in einer Neigung von 1 : 10.

Nach den genannten Quellen sind bis jetzt über 300 Shay-Lokomotiven in Dienst gestellt worden und sollen sich dieselben trotz verschiedener, einzelnen Maschinen noch anhaftender Mängel zufriedenstellend bewähren. In diesem Sinne konnte auch der Umstand gedeutet werden, dass die ›Lima Maschinenbauanstalt‹ in Ohio 75 weitere Maschinen im Jahr 1890 zu bauen beabsichtigt.

• Km.

• Auf epilog.de am 14. November 2021 veröffentlicht