VerkehrSchifffahrt

Die neusten Erfindungen
zur Rettung von Schiffbrüchigen

Illustrirte Zeitung • 2.9.1843

Der Schiffbruch der beiden großen englischen Ostindienfahrer ›Reliante‹ und ›Conqueror‹ an der französischen Küste, von deren sämtlicher Mannschaft nur zwei Matrosen gerettet wurden, hat ganz England aufgeregt und es mit Grimm gegen den verräterischen Strand Frankreichs und gegen dessen Sorglosigkeit und Untätigkeit erfüllt, mit der es alle Maßregeln verabsäumt, Strandenden das Leben zu retten. An jener schrecklichen, dünenreichen, unzivilisierten Küste, behauptet man in England, gäbe es keine Rettungsboote, keine Raketentaue, keine Strandbojen, kurz nichts, womit man den Untersinkenden zu Hilfe kommen könne. Obgleich häufig geraume Zeit zwischen dem Stranden und der Zertrümmerung des Wracks verginge, und wenn auch der Schiffbruch der Küste so nahe wäre, dass die Hilfebedürftigen den am Land Stehenden mit Schnupftüchern zurufen, ja sogar um Hilfe schreien könnten: Keine könnte gewährt werden, und die Armen müssten rettungslos wie Blei im Meer versinken. Die Entrüstung des praktischen seegewohnten Engländers über diesen französischen Leichtsinn spricht sich lebhaft aus, aber äußert sich auch in Taten der Beschämung für Frankreich, indem man beschlossen hat, rund um die englische Küste noch diejenigen Rettungshilfsmittel einzuführen, die den Umständen entsprechend sind und hie und da noch fehlen. Die ›Königliche Menschenfreundliche Gesellschaft‹ und ihre Küsten-Zweigvereine, ›Lloyd’s Comité‹, und eine Kommission des Unterhauses beschäftigen sich ernstlich mit diesem Gegenstand. Zweifelsohne wird in Frankreich ehrgeiziger Wetteifer zuwege bringen, was uneigennützige Menschenfreundlichkeit nicht vermochte. Über die Veranstaltungen an den Küsten von Holland und Deutschland vernimmt man bei diesem Anlass nichts. Wir haben inzwischen volle Ursache anzunehmen, dass dieselben auch nicht mit den Mitteln ausgerüstet sind, unter allen Umständen Menschenleben zu retten und glauben uns zu der Vermutung berechtigt, dass es noch viel zu tun gibt, für dessen Verwirklichung wir uns an den kräftigen Maßregeln der Britten ein Beispiel nehmen mögen. Zu dem Ende wird eine Darstellung einiger erprobten englischen Rettungsvorrichtungen nicht ohne Nutzen sein, die wir nachstehend folgen lassen.

Capitain Manbys Mörser-Rettungstau

Unser Holzschnitt stellt den Augenblick dar, wo eine Abteilung der Strandwache sich um den Mörser versammelt hat und einer aus derselben ihn abfeuert. Die Gruppierung ist lebendig genug. Der Matrose, der die Mütze vor dem Wind festhält, und die Laterne hochhebt, um das Meer zu beleuchten, vergegenwärtigt uns den ereignisvollen Augenblick, in dem Menschenleben auf der Spitze stehen.

Capitain Manbys Mörser-Rettungstau

Die Einrichtung des Apparats ergibt sich deutlich aus der Darstellung: an der aufgesetzten Kugel ist mit einer kurzen Kette ein auf einem niedrigen Wagen in einer Spirallinie lose gelegtes Tau befestigt. Die in der Richtung des Wracks abgeschossene Kugel nimmt nun das Tau mit ins Meer, da es sieh ganz leicht, ohne sich zu verwirren, entrollt. Erreicht die Kugel das Schiff, so verschlingt sich das Rettungstau in die Takelage und bietet nun eine sichere Verbindung mit dem Ufer. Viele Schiffbrüchige sind auf diese Weise schon gerettet worden, denen wegen hoher Brandung keine Hilfe zukommen konnte; denn ein gutes Tau ist, so zu sagen, eine sichere Meerchaussee.

Den Jubel, der die glücklichen Erfolge der oben beschriebenen und ähnlicher Rettungsapparate begleitet, muss man am Seestrand in Stunden der Gefahr und höchsten Aufregung selbst gesehen haben, um sich davon einen Begriff zu machen. Bilder solcher Rettungsvorkehrungen sind unaufhörliche Predigten, und regen an zu tätigem Mitleid für unsere Mitbrüder, die ihr Leben dem ungetreuen Meere anvertrauen, um uns die Genüsse ferner Zonen herbeizuschaffen, und, damit wir sie bezahlen können, unserer Hände Arbeiten zu entfernten Märkten schiffen. Das Rettungstau wird nach einer Abänderung von einem gewissen Dennett neuerdings auch mittels Raketen geworfen, doch erhält sich der Mörser mehr in Gebrauch.

J. Johnstons Klippenkran

Johnstons Klippenkran

Unser zweites Bild zeigt ihn im Augenblick der Tätigkeit. Der Versicherung, dass durch dessen Anwendung eine große Menge Menschenleben gerettet sein sollen, ist wohl zu glauben, denn Gefährlicheres als ein mit steilen Klippen umgebener Strand kann es für Schiffbrüchige Nichts geben; hier bietet sich keine Rettung an ein flaches Ufer. Die hoffnungslose Aussicht ist ein Zerschellen, ein Untergang mit Mann und Maus! Jener Kran ist vorzüglich geeignet, mit Hilfe einiger Männer wirksam benutzt zu werden. Er steht auf einem länglich flachen Wagen und lässt sich nach Bedürfnis vor und rückwärts stellen. In seiner höchsten Spitze befindet sich eine Rolle eingelassen, über die ein starkes Tau geführt ist, an dessen Ende ein an Vier Seiten, die durch ein Brett auseinandergehalten werden, befestigter starker, geflochtener Korb angehängt ist. Derselbe ist 1 × 1 m im Geviert weit und 80 cm tief. Als Boden dient ein eisernes Gitterwerk, damit der Widerstand der Luft beim Niederlassen weniger hindernd sei. Dieser Korb wird mittelst der hintenangebrachten Winde herabgelassen, wo er dann mit Ballast beschwert ist und Stangen und Stricke sich darin befinden, damit sich die im Wasser Befindlichen helfen können, und wird darauf auf eben dieselbe Weise wieder emporgezogen. An dem Wagen sind lange Spitzen an Gelenken befestigt, die in den Boden gestoßen werden, damit der Wagen nicht von der Last der im Korb Befindlichen gegen den Rand der Klippe gezogen werden kann. Befindet sich der Korb mit Geretteten in der Gleiche mit der Oberfläche der Klippe, wird der Wagen zurückgezogen. Den Kran kann man so weit über die Klippe hinaustreten lassen, dass der Korb 3 ½ m von der senkrechten Klippenfläche entfernt bleibt. Zur vollständigen Ausrüstung dienen einige Ruderhaken, Äxte, Hornlaternen, Taue, ein Sprachrohr und ein Spaten.

• Auf epilog.de am 16. November 2021 veröffentlicht