Bau & Architektur

Der Justizpalast zu Brügge

Illustrirte Welt • 1855

Wer von Gent nach Brügge kommt, hat den Gegensatz des Geräusches und der Stille, des gegenwärtigen täglichen Lebens und der Vergangenheit, fast wie bei Neapel und Rom. Bei dieser Altertümlichkeit ist aber nirgends Verfall, nirgends Mangel und Vernachlässigung; alles Alte wird erhalten, treulich und mit Liebe gepflegt. Auch der ersten Anlage nach ist hier nichts finster und enge, der Raum ist nicht ängstlich benützt, wie in südlichen Gegenden, oder in den alten Handelsstädten Deutschlands. Geräumige Straßen wechseln mit großen und kleineren Plätzen; Baumreihen stehen neben den Kirchen oder an den breiten, klaren Kanälen, und in den Nebenstraßen unterbrechen Gärten die Häuser. Es ist ein fröhliches heiteres Bild, das nicht selten an die toskanischen Städte der Ebene erinnert.

Justizpalast in BrüggeAnsicht des Justizpalastes in Brügge.

Der Reisende, der am schönen Marmorkanal hinwandert, bemerkt bald ein malerisches Gebäude, dessen alte Mauern sich im Wasser spiegeln. Efeu, Moos und Mauerkraut umranken den Fuß des Baues; vier elegante Giebel erheben sich nebeneinander und in den Zwischenräumen treten zierliche Glockentürmchen hervor. Zur Linken öffnet ein Oratorium sein großes gotisches Fenster. Eine vorspringende Galerie, Rundbogenfenster mit Balkonen schmücken den unteren Teil. Mehre Reihen anderer Öffnungen mit Kreuzstöcken führen das Licht in die verschiedenen Säle des Gebäudes. Hinter diesem interessanten Denkmal mittelalterlicher Baukunst sieht man den hohen Glockenturm emporsteigen. Man hat eins jener schönen Bilder vor sich, die das Auge des Kunstfreundes so hoch entzücken.

Das pittoreske Gebäude wurde von 1521 – 1523 erbaut. Die alte Fassade ist unglücklicherweise verschwunden. Aber die Nebenseite des Palastes, von der wir ein Bild geben, ist unverändert erhalten.

Seit der französischen Eroberung dient das große Gebäude als Justizpalast. Das Innere enthält mehrere interessante Gemälde; am meisten Interesse erweckt jedoch der berühmte prachtvolle Kamin, den eine Menge kunstvoller Schnitzereien, Arabesken und Statuetten schmücken. Die Renaissance kennt wenige so schöne und elegante Arbeiten. Die Brügger haben den Kamin neuerdings mit dem den Flamländern eigenen Kunstsinn wieder hergestellt.

• Auf epilog.de am 19. Oktober 2021 veröffentlicht