Handel & IndustrieLebensmittelproduktion

Das Palmöl

Illustrirte Welt • 1855

Palmölbereitung auf GuineaPalmölbereitung auf Guinea.

Jenseits des Cap Vert hat die afrikanische Küste ein durchaus verändertes Ansehen. An die Stelle niederer, sandiger, beinahe immer nackter und trockener Flächen, die sich Abends in dem tiefen Rot des Himmels verlieren, tritt ein hügeliges, bisweilen schroffes und scharfkantiges Küstenland, das vom Meer nach dem Inneren zu ansteigt. Das Auge schweift über ein Amphitheater vom herrlichsten Grün, um sich in endlosen Schatten zu verlieren, und die Üppigkeit der Vegetation überrascht sogar diejenigen, welche an die Pracht der tropischen Gegenden gewöhnt sind. Unter den schönen Bäumen, die in diesen herrlichen Wäldern oder in der Nähe der Wohnungen ihr stolzes Haupt erheben, bemerkt man die Elais guineensjs, einen prachtvollen Palmbaum, der seinen Scheitel 10 Meter hoch in der Luft wiegt und den die Afrikaner ihren Freund nennen. Die Elais rechtfertigt diesen Namen durch den mannigfachen Nutzen, den sie den armen Bewohnern bietet. Den Eingeborenen liefert dieser schöne Baum nicht bloß Wein, sondern auch Öl, Fischruten, Hüte, Körbe, große Nüsse mit einem wohlschmeckenden Saft, Kohl, Werg, Bauholz usw. Bis jetzt ist das Öl das einzige dieser Produkte, welches Gegenstand eines ausgedehnten Handels wurde; es ist von bitterlicher Konsistenz, orangegelber Farbe und stark riechend.

England hat das Palmöl zuerst zur Seifenfabrikation verwendet; wann es in die englischen Häfen eingeführt worden, ist jedoch unbekannt. Amerika und Frankreich sind ihm bald gefolgt.

Der Mittelpunkt der großen Palmölproduktion ist der nördliche Teil von Guinea, die sogenannte Goldküste. Es kommt auch Palmöl von Sierra Leone, vom Senegal und Gambia, aber in weit geringerer Quantität.

Die Früchte des Palmbaums werden eingesammelt und in eine Art Trog geschüttet, die man auf dem Boden aus Erde geformt. Diese Früchte lassen sich, obgleich ziemlich hart, mit hölzernen Sandalen, die man sich an die Füße bindet, leicht zertreten. Sobald der Trog voll ist, lässt man das Öl in irdene Töpfe ab, reinigt es über Feuer und gießt es dann in Tonnen, die nach dem nächsten Lagerplatz gebracht werden. Ehemals war die Fabrikation des Öls in den Händen der Ureinwohner, seitdem der Export jedoch so bedeutend geworden, haben sich in den Wäldern an der Küste und den Palmpflanzungen Etablissements gebildet, die die Ölproduktion mit großer Sorgfalt betreiben.

• Auf epilog.de am 23. März 2022 veröffentlicht