Forschung & TechnikTechnik

Siegfried Hartmann

Die böse Zentralheizung

Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908

Voraussichtliche Lesezeit rund 5 Minuten.

»Jetzt weiß ich, woher die Influenza kommt.«

»Woher denn?«

»Von der Zentralheizung.«

»Rede keinen Unsinn.«

»Bitte sehr, hier steht es schwarz auf weiß, ein Berliner Arzt attestiert es.«

Begierig ergriff ich die mir dargereichte Zeitungsnummer. Diese neueste Entdeckung interessierte mich lebhaft. Wahrhaftig, da stand es! Die Zentralheizung verführt die Menschen zur Überheizung ihrer Zimmer, überheizte Zimmer sind ungesund, sie machen den Menschen für Erkältung besonders empfindlich. Influenza ist eine Erkältungskrankheit, ergo: die Zentralheizung verbreitet die Influenza … »Die Beweisführung finde ich gottvoll, auf diese Weise will ich alles beweisen. Schade nur, dass schon die Voraussetzung falsch ist.«

»Welche?«

»Dass Zentralheizung überheizt. Der Mann hier will offenbar für die alten guten Kachelöfen Propaganda machen, die neuerungssüchtigen Häuserbauer und Hausbewohner vor der Zentralheizung warnen. Darauf läuft ja die ganze Geschichte hinaus. Nun bin ich aber so frei, zu behaupten, dass man auch mit Kachel- und anderen Öfen die Zimmer überheizen kann, das ist durchaus keine Eigenschaft der Zentralheizung. Ich habe zum Beispiel mein Lebtag nirgends so stark überheizte Wohnräume gefunden, wie auf ostpreußischen Gütern, ja überhaupt auf dem flachen Lande bei den Bauern, die die Zentralheizung kaum dem Namen nach kennen. Nach der Theorie des Berliner Arztes müsste demnach fast unsere ganze Landbevölkerung von der Influenza dahingerafft sein.«

»Daran hat er wahrscheinlich nicht gedacht.«

»Wahrscheinlich nicht, obwohl diese Schlussfolgerung nicht allzu fern liegt. Immerhin will ich damit nicht behaupten, dass ich etwa die Überheizung für gesund halte. Der scharfe Wechsel zwischen brühwarmen Zimmern und eisiger Kälte, wie ihn der Bauer im Winter täglich dutzendmal durchmacht, kann nur von rauen, durch Gewohnheit von Kindheit an abgehärteten Naturen schadlos ertragen werden. Die Mehrzahl der Städter würde sicherlich unter gleichen Verhältnissen den Schnupfen nicht los werden. Aber sie haben es ja auch gar nicht nötig, sie brauchen ihre Zimmer doch nicht überheizen und tun es in der Regel auch nicht. Dass es dennoch manchmal vorkommt, bei der Zentralheizung öfters vielleicht wie bei Ofenheizung, hat seinen Grund in einer wenig schönen Eigenschaft mancher Menschen: zu wüsten, wenn es auf Kosten anderer geht, zu sparen, wenn der eigene Geldbeutel in Frage kommt. Derselbe Gentleman, der zu Hause fast gar nicht raucht, aber in Gesellschaft die Importen­kiste des Gastgebers plündert, dreht auch sämtliche Heizkörper weit auf, wenn die Kosten für die Zentralheizung der Hauswirt bezahlt, und setzt sich im Überzieher in die Stube oder legt sich ins Bett, wenn er den Stuben­ofen auf eigene Kosten feuern soll.«

»Du übertreibst«, lachte mein Freund.

»Gebe ich zu. Aber du wirst nicht bestreiten, dass etwas weniger übertriebene, der Sache nach aber ähnliche Fälle an der Tagesordnung sind.«

»Allerdings. Den von dir gekennzeichneten Geiz habe ich schon mehrfach angetroffen. Ich erinnere mich noch gut an meine Visiten bei Apothekers. Was habe ich da, wenn ich im Salon antichambrieren musste, gefroren. Jetzt, nachdem er umgezogen ist und Zentralheizung hat, hält man es vor Hitze kaum aus.«

»Nun also. Aber da ist doch sicher nicht die Zentralheizung, sondern einzig und allein der Herr Apotheker daran schuld. Bei einiger Aufmerksamkeit kann man doch gerade Zentralheizungen rechtzeitig abstellen. Ein überhitzter Kachelofen ist jedenfalls weit schwieriger zu bändigen als ein Radiator. Und kann man es den Menschen noch leichter machen, als bloß durch Auf- und Zudrehen eines Hahnes die Erwärmung ihrer Zimmer zu regeln?!«

»O doch. Ich könnte mir vorstellen, dass man den Hahn durch ein Thermometer bedienen lässt. Steigt es, so dreht es den Hahn mehr zu, fällt es, so dreht es ihn mehr auf. Das wäre überdies eine famose Erfindung.«

»Leider schon gemacht, lieber Alfred. Du kommst damit einige Jährchen zu spät. Insofern hatte ich unrecht. Natürlich kann man es den Menschen noch bequemer machen, indem man die Temperatur automatisch mit Maschinen und Apparaten ohne ihr Zutun regelt. Aber, und dieses Aber darf man niemals außer Acht lassen, aber es kostet Geld. Gratis stärkt die Natur unsere Faulheit nicht. Vielleicht kommen unsere Baumeister auch noch so weit, dass sie wenigstens in einen Teil der Räume derartige Apparate einbauen. Das wäre der Gipfel der Bequemlichkeit. Vorläufig wollen wir froh sein, wenn sie bei der Wahl der Zentralheizung und ihrer Ausführung an sich nicht allzu sehr auf Billigkeit sehen.«

»Du kannst es doch niemand verdenken, billig bauen zu wollen.«

»Das verdenke ich sicherlich niemand. Nur darf die Billigkeit niemals auf Kosten der Güte gehen. Unser Publikum, und dazu gehört in diesem Fall auch die Mehrzahl unserer Architekten, ist technisch viel zu unkundig, als dass es ein technisches Projekt wirklich zu lesen und richtig zu bewerten verstünde. In der Regel werden beim Kostenanschlag nur die Endziffern verglichen und die Garantien. Dass es auch bei technischen Anlagen eine große Zahl Imponderabilien gibt, machen sich nur wenige klar. Die Sorgfalt der Vorausberechnung, die richtige Bewertung und Berücksichtigung aller Eigenarten der Spezialaufgaben, die Güte der Überwachung und die Gediegenheit der Ausführung, alles das sind Dinge, die auf dem Papier des Kostenanschlages nicht in die Erscheinung treten, die aber Geldwerte darstellen und für das dauernd zufriedenstellende Arbeiten von großer Bedeutung sind.«

»Wenn die Anlage nicht funktioniert, so bezahle ich sie einfach nicht.«

»So sprechen allerdings viele und glauben, das sei der Weisheit letzter Schluss. So einfach liegt die Sache aber denn doch nicht. Du lässt dir eine Flasche Bier holen beim Kaufmann A. und eine andere beim Kaufmann B. Das eine schmeckt dir, das andere vielleicht nicht, obwohl beide Flaschen unverdorben und frisch sind. Der Grad der Zufriedenheit kann sehr verschieden sein, trotzdem nach Gesetz und Recht beide Lieferanten ordnungsgemäß geliefert haben. Bei Streitigkeiten gibt es nur die Zensuren ungenügend, wenig genügend, genügend. Was darüber hinaus liegt: die Zensuren gut und sehr gut sind Privatsache.

Bei allen gesund­heits­techni­schen Anlagen, und dazu gehören Heizung und Lüftung, ist aber diese letztere Bewertung von großer Bedeutung. Ich verlange von einer Zentralheizung nicht, dass sie genügend ist, sondern dass sie sehr gut ist.

Das, was der Berliner Arzt da in dem Blatt über Influenza und Zentralheizung schreibt, ist einer ernsthaften Diskussion überhaupt nicht wert. Denn ob die Zentralheizung gesund oder ungesund ist, darüber haben andere Autoritäten längst ihr begründetes Urteil gefällt. Glaubst du, man würde alle neuen Krankenhäuser zentral beheizen, wenn diese Heizung den Patienten schädlich werden könnte?

Ein Gebildeter sollte sich besser vorsehen, ehe er über einen der wichtigsten Fortschritte der modernen Wohnungshygiene voreilig den Stab bricht. Leicht sind im großen Publikum Vorurteile erweckt, und riesen­schwer ist es, sie wieder auszumerzen. Wie lange hat es nicht gedauert, um das Märchen von der trockenen Luft zentral beheizter Räume als haltlos zu kennzeichnen. Noch heute glauben viele daran. Kommt jemand und fragt die über Trockenheit der Luft klagenden Bewohner, wohin nach ihrer Meinung die vorher vorhandene Feuchtigkeit verschwunden ist, wie sie es sich vorstellen, dass ein völlig geschlossenes Rohrsystem der Luft Feuchtigkeit entziehen soll, dann zerbrechen sie sich nicht lange den Kopf: Das wüssten sie nicht, aber es wäre so. Kommt dann der Mann der Wissenschaft und beweist an seinen Instrumenten mit Hilfe genauester Messungen, dass die Luft im Zimmer tatsächlich ebenso feucht wie draußen im Freien ist, obwohl keine einzige Verdampfungs­schale auf den Heizkörpern steht, dann ist das Erstaunen groß. Dann glaubt man erst, dass der Mangel an Sauber­haltung der Heizkörper und der dadurch versengte Staub jenes Gefühl in der Kehle erzeugt, was die Bewohner zu Unrecht als Trockenheit bezeichnen.«

»Tröste dich, gegen solche Vorurteile und verkehrte Anschauungen muss jeder Fortschritt kämpfen, nicht nur in der Technik, auch auf anderen Gebieten.«

»Leider ja. Ich bin auch fest überzeugt, dass das wirklich Gute und wirtschaftlich Bessere sich stets ausbreitet, ebenso wie die Eisenbahn, trotz der Proteste und unheildrohenden Prophezeiungen der Gastwirte und Postillione, die Länder erobert hat. Immerhin regt sich in mir ein gewisser Ingrimm, wenn ich sehe, dass Vorurteil und Beschränktheit eine Hydra sind, heute schlägt man einen Kopf ab, morgen wachsen andere an der Stelle heraus.«

Entnommen aus dem Buch:
Naturwissenschaft und Technik bilden die Grundpfeiler unserer Kultur. Alles, was das moderne Leben von früheren Epochen der Menschheit in charakteristischer Weise unterscheidet, beruht in letzter Linie auf den Fortschritten des Naturerkennens und der wachsenden Fähigkeit, Kräfte der Natur in den Dienst der Menschen zu zwingen.
Der Ingenieur und technische Publizist Siegfried Hartmann (1875 – 1935) bewegte die größeren Tageszeitungen dazu, regelmäßig allgemeinverständliche Artikel zu veröffentlichen, die in unterhaltender Form die wichtigsten technischen und naturwissenschaftlichen Erscheinungen dem Verständnis des Lesers näherbringen. Aus diesen Aufsätzen stellte Hartmann für dieses Buch einen repräsentativen Querschnitt zusammen.
  PDF-Leseprobe € 18,90 | 182 Seiten | ISBN: 978-3-695-71317-2

• Auf epilog.de am 20. Juni 2026 veröffentlicht

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