Handel & IndustrieFabrikation

Ein Besuch in der Nähnadelfabrik zu Ichtershausen

Daheim • 28.3.1891

Voraussichtliche Lesezeit rund 11 Minuten.

Einzelne Industriezweige haben anscheinend einen ausgesprochenen Wandertrieb. Der Hauptsitz der europäischen Nähnadelindustrie, zum Beispiel, war vom 14. Jahrhundert an unsere alte, vielseitige Reichsstadt Nürnberg. Hier findet schon um 1370 die ehrsame Zunft der Nadelmacher urkundliche Erwähnung, und mit dem übrigen ›Nürnberger Tand‹ ging die kostbare Nähnadel hinaus in alle Welt, bis sich um die Mitte des 17. Jahrhunderts die englische Fabriktätigkeit der gewinnbringenden Industrie bemächtigte, sie zu einem fabrikmäßigen Betrieb ausbildete und bald völlig monopolisierte. Und wieder etwa hundertfünfzig Jahre später nahm Deutschland aufs neue den Wettbewerb auf; in Aachen, Iserlohn und Altena entstanden Nadelfabriken, die anfangs mit den denkbar größten Schwierigkeiten zu ringen hatten, allmählich aber gegen das Übergewicht des englischen Fabrikats erfolgreich aufkamen. Aus Westfalen wurde die Industrie dann, vor etwa einem Vierteljahrhundert, nach Thüringen verpflanzt; die Herren Wolff und Knippenberg begründeten in dem Dorf Ichtershausen bei Arnstadt eine Nadelfabrik, die sich aus kleinen Anfängen heraus zu der größten Deutschlands entwickelte und wesentlich dazu beitrug, dass die deutsche Nadel heute an Vortrefflichkeit der englischen mindestens gleichsteht, diese an Wohlfeilheit aber wesentlich übertrifft. Die Fabrik stellt täglich gegen zwei Millionen Nadeln fertig, eine Zahl, welche ihre Bedeutung für die vaterländische Industrie wohl genügend kennzeichnet.

Wenn man erst seit dem 14. Jahrhundert von einer eigentlichen Nähnadelfabrikation sprechen kann, so ist damit selbstverständlich nicht gesagt, dass frühere Zeiten die Nähnadel an sich nicht gekannt hätten. Wir brauchen sogar durchaus nicht an die aus Knochen oder Fischgräten gefertigten Nadeln unserer braven Altvorderen zu denken, sondern uns nur die zum Teil wahrhaft künstlerisch geformten Metallnadeln zu vergegenwärtigen, welche unsere Museen als wertvolle Überreste etruskischer, griechischer oder römischer Kultur aufbewahren. Dieselben zeigen bereits alle die Kennzeichen einer brauchbaren Nähnadel: die scharfe Spitze, den schlanken Schaft, das kleine Öhr! Die fabrikmäßige Herstellung der Nadel aber war eigentlich doch erst möglich, als gegen Ende des 14. Jahrhunderts die Kunst des Drahtziehens, angeblich durch einen Nürnberger Meister namens Rudolph, erfunden wurde.

Das Drahtziehen bildet denn auch heute noch gewissermaßen die Grundlage der Fabrikation, und nach der Drahtzieherei lenken wir bei unserem Besuch in Ichtershausen zuerst unsere Schritte.

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• Auf epilog.de am 5. April 2024 veröffentlicht

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