Forschung & Technik – Technik
Siegfried Hartmann
Beleuchtung und Hygiene
Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908
Die Herren Mediziner werden Nachsicht mit mir haben, wenn ich mich jetzt auf ein Gebiet begebe, das eigentlich ihnen vorbehalten ist, und auf das sie tatsächlich ein historisches Recht besitzen, denn einer ihrer Größten: Pettenkofer hat zuerst darauf gearbeitet und Grundlegendes, dauernd Wertvolles darauf geleistet. Er hat genaue, exakte Untersuchungen darüber angestellt, in welchem Maß verschiedene Lampenarten die Zimmerluft verschlechtern und ist dabei zu ganz überraschenden Ergebnissen gelangt.
Die Lampen, die Petroleum-, die Spiritus-, die Gaslampen, sie sind nicht nur unsere Freunde, indem sie uns Licht spenden, sie entpuppen sich bei näherer Untersuchung auch als arge Konkurrenten. Wovon lebt der Mensch? In erster Linie von der Luft, weiterhin vom Essen und Trinken. Weil das Essen und Trinken eine weit auffälligere Tätigkeit ist, als das Atmen, wird ersteres mehr gewürdigt denn das letztere. Genau so bei den Lampen. Auch sie essen und trinken. Die Gaslampe verbraucht Gas. Darüber klärt uns schon die Rechnung der Gasanstalt auf. Die Petroleumlampe verbraucht Petroleum und Dochte. Niemand wird das leugnen. Aber beide atmen auch. Beide brauchen genau so wie die Menschen Luft. Auch sie müssen atmen, um zu leben, und wenn man ihnen die Luft abschneidet, so verlöschen sie augenblicklich, wie der Mensch ohne Luftzufuhr sofort sterben muss. Nun ist bekanntlich die Luft kein einheitlicher Stoff, sie ist ein Gemenge von Sauerstoff, Kohlensäure, Stickstoff und anderen Gasen. Wir atmen alle diese Stoffe ein: Verbrauchen oder gebrauchen aber nur den einen: den Sauerstoff. Genau so alle mit offener Flamme brennenden Lampen.
Zum Verbrennen gehört Sauerstoff. Verbrennen ist weiter nichts wie das Entstehen einer neuen Sauerstoffverbindung, die stets auch mit Wärmeentwicklung verbunden ist.
Die Petroleumlampe verzehrt also Lebensluft ebenso wie das Gas- oder das Spiritusglühlicht. Das ist eine naturwissenschaftliche Tatsache, an der sich nicht rütteln lässt, und die auf keine Weise ›wegerfunden‹ werden kann.
Und weiter. Genau wie der Mensch nicht bloß Sauerstoff in den Lungen verbraucht, sondern gleichzeitig Kohlensäure und Wasserdampf erzeugt und ausatmet, so auch die Lampe, sie verbraucht Sauerstoff und erzeugt Kohlensäure und Wasserdampf.
Du wirst nun denken, lieber Leser: Mag sein, aber das ist doch wahrscheinlich nur unbedeutend. Nein, das ist gar nicht unbedeutend. Ich werde einige Zahlen aufmarschieren lassen, die dir das beweisen, die zwar längst festgestellt, aber leider in weiteren Kreisen noch nicht genügend bekannt sind: zunächst der Mensch. Er verbraucht in der Stunde etwa 22 l Sauerstoff und atmet dafür 19 l Kohlensäure aus. Mit seinem Atem stößt er gleichzeitig Wasserdampf aus und durch die Haut wird ebenfalls fortgesetzt Wasser ›ausgedünstet‹, zusammen etwa 42 g Wasser stündlich. Wie verhalten sich demgegenüber nun unsere künstlichen Lichtquellen?
Eine gewöhnliche Petroleumlampe verbraucht etwa stündlich 175 l Sauerstoff und erzeugt 280 l Kohlensäure nebst 200 g Wasser, bei Spiritusglühlicht ist es nicht viel anders, ein normaler Gasglühlichtbrenner begnügt sich mit 88 l Sauerstoff, erzeugt 51 l Kohlensäure und etwa 65 g Wasser. Letzteres natürlich ebenfalls in Form von Dampf.
Ich bemerke ausdrücklich, dass diese Zahlen für die allgemein üblichen Lampengrößen berechnet sind, nicht auf gleiche Lichtstärke, weil ich glaube, meinen Lesern mehr damit zu dienen. Die Zahlen für das Petroleumlicht beziehen sich auf einen gewöhnlichen 16-Linien-Brenner.
Sehen wir einmal ab von den Zahlen für das Petroleum, so ergibt sich, für die in den weitesten Kreisen eingeführten Gasglühlichtbrenner, dass sie viermal so viel Sauerstoff verbrauchen wie ein Mensch, dass sie dreimal so viel Kohlensäure erzeugen und einhalbmal mehr Wasserdampf. Gehen wir aus von dem Gebrauch an Sauerstoff als dem wesentlichsten, so können wir sagen: Eine Gasglühlichtflamme verschlechtert die Luft ebenso stark wie vier Menschen! Ob ich eine Gasflamme anstecke oder vier Menschen in ein Zimmer bringe ist hinsichtlich Verbrauch an Sauerstoff ganz das nämliche!
Nun kommt aber noch eins dazu. Das Verbrennen ist mit Wärmeentwicklung verbunden, und wenn diese Wärmeentwicklung mitunter auch angenehm ist, so ist sie doch anderseits oft sehr lästig, besonders in Versammlungsräumen, bei Gesellschaften und dergleichen. Während der Mensch stündlich etwa 100 Wärmeeinheiten erzeugt, erzeugt ein 16-liniger Petroleumbrenner 500 Wärmeeinheiten, ein Gasglühlichtbrenner 1000! Das heißt, das Anbrennen einer Petroleumlampe ist hinsichtlich Wärmeentwicklung gleichbedeutend mit der Gegenwart von fünf Menschen, das Anzünden einer Gasglühlichtflamme mit der Gegenwart von zehn Personen! An diese Dinge denkt man meist gar nicht. Alle die Verbrennungsprodukte sind farblos. Wenn die Natur es so eingerichtet hätte, dass Sauerstoff blau wäre und Kohlensäure rot, dann würden wir an dem Grad der mehr oder weniger blauen oder rotvioletten Färbung der Luft sofort den Grad der Luftverschlechterung erkennen. Aber die Natur hat uns das nicht so bequem gemacht, es fehlt dem Menschen der Sinn, der ihm unmittelbar und drastisch den Grad der Luftverschlechterung anzeigt. Starke Unterschiede empfindet man ja, feine Unterschiede nur, wenn man sich besonders dafür schult. In einer sauerstoffreichen Luft atmet man ruhiger, das heißt etwas langsamer wie in einer sauerstoffarmen.
- R E K L A M E -
Gott sei Dank sind alle Wände unserer Wohnungen porös, Gott sei Dank, strömt ohne unseren Willen durch Mauern und Tapeten ebenso wie durch Tür- und Fensterritzen stets frische Außenluft herein, Gott sei Dank sage ich, denn sonst würde man in Räumen, die mit Gas oder Petroleum erleuchtet sind, gar bald ersticken. Immerhin ist es zweifellos im Interesse der Gesundheit erforderlich, seiner Lunge möglichst reine Luft zu bieten und dafür zu sorgen, dass die namentlich in Großstädten an sich nicht besonders sauerstoffreiche Luft nicht noch mehr verschlechtert wird. In dieser Hinsicht gibt es aber augenblicklich nur eine einzige Beleuchtungsart, die dem genügt: Das ist das elektrische Glühlicht. Es entwickelt zwar auch, wenn auch sehr wenig, Wärme, es verbraucht aber gar keine Spur von Sauerstoff und es erzeugt keine Spur von Kohlensäure oder Wasserdampf. Dass es in den letzten Jahren gelungen ist, diese Beleuchtungsart durch die Erfindung der Metallfadenlampen, Tantal, Osram und wie sie heißen, so wesentlich zu verbilligen, das ist ein Fortschritt, den nicht bloß der Elektrotechniker, sondern den ganz besonders der Hygieniker preisen kann, denn er erlaubt die Einführung dieser in hygienischer Beziehung hoch über allen anderen Beleuchtungsarten stehenden elektrischen Glühlichtbeleuchtung jetzt auch den weniger Bemittelten, die bisher aus wirtschaftlichen Gründen darauf verzichten mussten.
Es ist falsch, von einem Licht nur zu verlangen, dass es denkbar billig und denkbar hell sei, nein, es muss vor allem denkbar gesund sein, gesund auch für unsere Lungen und lieber etwas weniger hell.
Der Ingenieur und technische Publizist Siegfried Hartmann (1875 – 1935) bewegte die größeren Tageszeitungen dazu, regelmäßig allgemeinverständliche Artikel zu veröffentlichen, die in unterhaltender Form die wichtigsten technischen und naturwissenschaftlichen Erscheinungen dem Verständnis des Lesers näherbringen. Aus diesen Aufsätzen stellte Hartmann für dieses Buch einen repräsentativen Querschnitt zusammen.