Forschung & Technik – Technik
Siegfried Hartmann
Lüftung!
Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908
»Finden Sie es nicht schrecklich warm hier im Saal, mein Fräulein?«
»Ach ja, es ist furchtbar überheizt und dabei die vielen Menschen.«
»Die Flammen heizen noch viel mehr.«
»Ich denke, elektrisches Licht macht nicht warm, und das ist doch elektrisches Licht.«
»Nur zum Teil, mein Fräulein, die paar Dutzend elektrische Flammen an den Wänden würden auch nicht viel zur Erhöhung der Temperatur beitragen, aber die beiden großen Kronen haben Gasflammen, und die strömen eine ganz beträchtliche Hitze aus. Dass jeder Mensch selbst ein kleiner Ofen ist, wissen Sie ja; wenn viele Menschen im Zimmer sind, wird es stets wärmer, die Gasflammen aber sind noch weit bessere Ofen, jede von den vielleicht hundert Flammen, die da oben brennen, gibt so viel Wärme ab wie sechs Menschen. Leider kann man diese Ofen nicht abstellen, wenn es zu warm wird; hier unten im Saal leiden wir übrigens von dieser Lichthitze noch bei weitem nicht am meisten. Viel schlimmer ist es auf den Tribünen, wo die bedauernswerten Eltern und Verwandten sitzen. Die arme Kapelle da oben, so ziemlich unter der Decke, muss sich in einem geradezu tropischen Klima befinden. Daher rührt auch sicher der unendliche Durst der lustigen Musikanten.«
»Man sollte die Fenster und Türen etwas öffnen.«
»Da würde der ganze Saal aufschreien ›es zieht‹, und bei vielen empfindlichen Besuchern hätte das Experiment sicherlich einen obligaten Schnupfen zur Folge. Nein, so einfach ist die Lüftung leider nicht. Die große Kunst besteht darin, dass man dem Raum frische kühle Luft andauernd zu- und die verbrauchte abführt, ohne dass jemand im Saal etwas davon merkt, d. h. für große Räume, wie dieser, ist eine vollständige ordnungsgemäß angelegte mechanische Lüftungsanlage erforderlich, soll dauernd eine angenehme Temperatur herrschen: Und zwar ist man auf die sogenannte Drucklüftung angewiesen.«
»Was ist das?«
»Das Gegenteil der vielfach üblichen Ihnen sicher bekannten Sauglüftung. Die kleinen Ventilatoren, die in Restaurants und anderen Lokalen auf einer Konsole vor einer Mauer- oder Fensteröffnung stehen, haben Sie doch schon oft gesehen? Diese sollen die rauchige, schlechte Innenluft aus dem Raume heraussaugen. Das hat aber eine nachteilige Folge, an die selten gedacht wird. Wenn man irgendwo Luft heraussaugt, so entsteht ein mehr oder minder luftverdünnter Raum, die Mutter Natur liebt jedoch dergleichen Räume ganz und gar nicht, sie sorgt, dass die mit Gewalt geraubte Luft von irgendwo andersher sofort wieder ersetzt wird. Lässt man also aus einem rauchigen Bierstübel durch einen Ventilator die mit Tabaksqualm geschwängerte Luft heraussaugen, so drückt unsere liebe Atmosphäre schleunigst an anderer Stelle neue Luft herein, und dazu ist ihr leider jedes Mittel recht. Mit Vorliebe wird kalte, mehr oder weniger reine Straßenluft kommandiert, um die herausgesaugte zu ersetzen. Durch jede Öffnung, durch jede Tür- und Fensterritze dringt sie herein als feiner kalter Zug, der den Gästen nichts weniger als angenehm ist, man will lieber im ›Dunst‹ als im Zug sitzen, und lässt den Ventilator, den vermeintlichen Übeltäter, wieder abstellen.«
»Sie sagten aber doch vorhin, dass man mit Maschinen jeden Raum zugfrei lüften und dabei warmhalten könnte.«
»Gewiss, aber dann darf der Ventilator nicht, wie es eben meist geschieht, verbrauchte Luft heraussaugen, sondern muss frische in das Zimmer hineindrücken. Dann tritt das Umgekehrte wie vorhin ein: Mutter Natur kommt wieder als Ausgleicherin und schafft jetzt aus dem Lokal das Zuviel an Luft heraus, und zwar auf demselben bewährten Weg, durch Tür- oder Fensterritzen oder sonstige bereitstehende Öffnungen. Aber diesmal empfindet kein Mensch Zug dabei, denn jetzt geht ja der Luftstrom umgekehrt, von innen nach außen. Das nennt man dann Drucklüftung. Mit ihr allein können große Versammlungssäle zugfrei gelüftet werden. Ist sie in einem Theater vorhanden, und versteht der Maschinist seine Sache, d. h. lässt er kurz vor Schluss der Vorstellung die Druckluftmaschine mit aller Macht laufen, dann kann sogar der Luftüberdruck im Zuschauerraum so vergrößert werden, dass, selbst nach Schluss der Vorstellung, wenn alle Türen geöffnet werden, keine kalte Außenluft dem erhitzten Publikum entgegenströmt, sondern die im Überfluss eingepresste, warme Innenluft die Besucher auf die Korridore und auf die Straße begleitet.«
»So könnte man es hier im Ballsaal also auch machen.«
»Gewiss, mein Fräulein, aber gut Ding will Weile haben, und wenn man vielleicht auch schon zu Goethes Zeiten Ballgespräche so begann, wie ich heute das meine, alles das, was ich Ihnen erzählte, ist doch erst in neuerer Zeit klar erkannt worden. Bis zur allgemeinen praktischen Nutzanwendung vergeht dann immer noch eine beträchtliche Spanne Zeit.«
Der Ingenieur und technische Publizist Siegfried Hartmann (1875 – 1935) bewegte die größeren Tageszeitungen dazu, regelmäßig allgemeinverständliche Artikel zu veröffentlichen, die in unterhaltender Form die wichtigsten technischen und naturwissenschaftlichen Erscheinungen dem Verständnis des Lesers näherbringen. Aus diesen Aufsätzen stellte Hartmann für dieses Buch einen repräsentativen Querschnitt zusammen.