VerkehrTransport

Siegfried Hartmann

Aufzüge

Druckknopfaufzüge und Paternoster

Naturwissenschaftlich-Technische Plaudereien • 1908

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

Höher zu kommen ist wohl der Wunsch der meisten Menschen, aber es scheint in der Natur der Mehrzahl zu liegen, dass sie sich lieber befördern lassen, als sich in die Höhe zu arbeiten, zumal letzteres beschwerlicher ist und Zeit und Kraft erfordert.

Diese schönen Sätze könnten wohl als Anfang zu irgendeiner philosophischen Abhandlung dienen, das sollen sie aber nicht; ich meine sie durchaus nicht bildlich, sondern ganz und gar buchstäblich. Ich will es gleich verraten, lieber Leser: Ich habe dabei an die Aufzüge gedacht, an die Fahrstühle, die ›Lifts‹, an die hochmodernen senkrechten Eisenbahnen. »Auch so eine Einrichtung zur Stärkung der menschlichen Faulheit«, kritisierte sie kürzlich ein guter Freund vom Lande, während er die Probe auf das Exempel machte.

Wenn man beobachtet, wie in großen Warenhäusern unsere an sich viel zu wenig sich bewegende Damenwelt und wohl auch ein männlicher Schwächling minutenlang auf die Kabine warten, um aus dem zweiten Stock vier Meter hoch in den dritten zu fahren, wird man nicht schlechthin widersprechen können. Das ist eben der Fluch fast jedes Fortschrittes, namentlich auf dem Gebiet der Verkehrserleichterung, dass er missbraucht werden kann. Nichtsdestoweniger bleibt es ein Fortschritt.

Das gewerbsmäßige Treppensteigen wie es der deutsche Briefträger (im Gegensatz zu seinem französischen Kollegen) üben muss, ist zweifellos nicht gesund, und auch sonst ist allen denen, die in Ausübung ihres Berufes häufig treppauf- und ab müssen, von ganzem Herzen zu gönnen, dass dies unter möglichster Schonung der Kräfte geschieht. Hierfür dient der mechanische Aufzug, unter diesem Gesichtswinkel erscheint er nicht als Luxus, sondern als eine dem modernen Kulturstandpunkte entsprechende Einrichtung zur Hintan­haltung nutzloser Kraftvergeudung. Je mehr im Mittelpunkt der Großstädte die Geschäftsräume übereinander statt nebeneinander geschachtelt werden, desto schärfer tritt diese Bedeutung des Aufzuges zutage. Am Kurfürstendamm in Berlin ist der Aufzug vielleicht Luxusinstrument, in Berlin C ein notwendiges Verkehrsmittel.

Diese Ansicht teilte zu meinem großen Bedauern ein guter Bekannter von mir, Herr Büro­kratius, ganz und gar nicht. Er erblickte in dem Personenaufzug eine höchst gefährliche Neuerung, vor der man das Publikum nach Möglichkeit schützen muss. Vor allem durch Vorschriften, möglichst viele Vorschriften, und außer durch diese Vorschriften noch durch einen besonderen Zerberus genannt Fahrstuhlführer. Da traf es sich, dass ich zusammen mit ihm eine Reise unternahm. Wir kamen nach Hamburg und betraten ein öffentliches Gebäude. Eine Tafel belehrte uns, dass das von uns gesuchte Büro im vierten Stock lag. »Puh, vier Treppen«, stöhnte Herr Büro­kratius.

»Wir können ja fahren«, entgegnete ich unter Hinweis auf den Fahrstuhl.

»Ja, wo ist denn der Wärter?«

Wärter war keiner da. Dagegen befand sich am Schacht ein Knopf mit der Überschrift: »Um den Fahrstuhl heranzuholen, drücke man auf den Knopf.«

Ich drückte. Nach einigen Sekunden kam die Kabine von oben heruntergefahren und hielt. Ich öffnete die Tür und trat hinein, aber Herr Büro­kratius sah mich ob dieses Beginnens mit starrem, verwunderten Blick an.

»Ohne Führer können wir doch nicht fahren.«

»Warum nicht?«, entgegnete ich, »das ist ja ein Aufzug mit Selbstbedienung.«

»Selbstbedienung?«

»Ja, ein Aufzug mit Druckknopfsteuerung.«

»Verstehen Sie denn das?«

»Da ist nicht viel zu verstehen, kommen Sie nur herein, hier ist ein Register mit fünf Knöpfen. Ich drücke auf den, der die Überschrift: ›Vierter Stock‹ trägt und ...«

»Um Gotteswillen«, fiel mir der inzwischen eingestiegene Reisekamerad ins Wort, »erst die Tür schließen.«

»Selbstverständlich, ehe die Tür nicht geschlossen ist, nützt das Drücken auch gar nichts«, beruhigte ich ihn, und bewies ihm das durch das Experiment. Nachdem ich aber die Tür geschlossen und nunmehr den Knopf: ›Vierter Stock‹ drückte, setzte sich der Fahrstuhl sanft nach oben in Bewegung. Herr Büro­kratius klammerte sich ängstlich an meinen Arm.

»Wenn nur nichts passiert. Wie wollen Sie denn das Ding wieder anhalten?«

»Das hält ganz von allein an.«

»Von allein, wie ist denn das möglich?«

»Ja, Sie sind eben in die Geheimnisse der modernen Technik noch nicht eingedrungen. Sehen Sie.«

Mit einem sanften Ruck hielt die Kabine und das Schild an der Tür: ›Vierter Stock‹ überzeugte uns, dass wir in der gewünschten Höhe waren. Ich öffnete die Türe und wir stiegen aus. Kaum war sie wieder selbsttätig ins Schloss gefallen, als sich die Kabine wie von Geisterhand bewegt, wieder nach unten in Bewegung setzte. Mein Gefährte war starr vor Staunen.

»Da hat wieder unten jemand gedrückt.«

»Ja, wenn das nun jemand getan hätte, während wir noch drin waren? Da wären wir ja wieder mit hinunter­genommen worden.«

»Keine Ahnung, solange wir darin waren, war das Drücken der Knöpfe genau so wirkungslos wie beim Offenstehen irgendeiner Tür.« - R E K L A M E - Galerie der vorzüglichsten Künste und Handwerke

In dem Moment schlenderte an uns ein uniformierter Beamter vorbei.

»Entschuldigen Sie«, wandte sich Büro­kratius an ihn, »geht der Aufzug da schon lange?«

»Gewiss, zwei Jahre.«

»Und passiert da nicht viel Unglück?«

»Unglück, wie so?«

»Nun, dass jemand zerquetscht wird oder sonst wie verletzt?«

»Nicht ein einziges Mal. Wie soll denn das auch passieren?«

»Weil gar keine Aufsicht da ist.«

»Aufsicht ist wohl da, mechanische Aufsicht in Gestalt der verschiedenen Sicherheitsvorkehrungen.«

»Aber doch kein Führer.«

»Was soll denn ein Führer dabei tun, der ist höchstens zum Zusehen gut.«

»Na, das begreife ein anderer. Sie sagten, seit zwei Jahren geht das Ding ohne Führer, und noch nie ist etwas passiert?«

»O doch, einmal. Da blieb der Fahrstuhl im Schacht stecken, weil an der elektrischen Leitung etwas entzweiging.«

»Waren denn da Menschen darin?«

»Freilich.«

»Und was haben die gemacht?«

»Gewartet, bis man sie herausgeholt hat.«

»Und ist ihnen nichts passiert?«

»Weiter nichts, als dass ein Insasse, der beim Herrn Geheimrat zum Vortrag befohlen war, nicht rechtzeitig erscheinen konnte.«

»Und jedermann darf den Aufzug benutzen?«

»Ja jedermann, warum denn nicht? Im ganzen sind jetzt schätzungsweise vielleicht zwei Millionen Menschen damit gefahren.«

Herr Büro­kratius schüttelte den Kopf. Das ging denn doch über die Hutschnur. Als er alle die ihn quälenden sicherheitspolizeilichen Bedenken unserem gemeinschaftlichen Studiengenossen, den wir nun in seinem Büro einen kurzen Besuch abstatteten, ausge­kramt hatte, lachte dieser herzlich: »Mensch, bei euch im schönen Berlin ist das Zeitalter des Verkehrs wohl noch nicht hereingebrochen? Gewiss muss Sicherheit geboten werden, aber sie muss durch eine sachgemäße Anlage und ein technisch gut durchgearbeitetes System gewährleistet sein. Beamtete Aufpasser und langatmige papierene Vorschriften sind dazu nicht viel nütze. Doch ich will dir noch etwas viel Schrecklicheres zeigen, auch einen Aufzug. Aber noch viel vorschriftswidriger, ein Aufzug, bei dem man während der Fahrt aufsteigen muss, der gar nicht anhält.«

Und er nahm den staunenden Büro­kratius unter den Arm und führte ihn, von mir gefolgt, durch lange Gänge in einen Seitenflügel des großen Gebäudes. »Hier ist ein ›Paternoster‹. Siehst du, wie bei einer Baggermaschine die Eimer in endloser Kette ins Wasser tauchen und den Sand vom Grund herauf­schaffen, so bewegen sich hier lauter kleine Kabinchen in endloser Reihe auf und ab. Es geht ganz langsam, viel langsamer, wie bei dem Druckknopfaufzug, mit dem du heraufkamst. Aber dafür braucht man nicht zu warten.« Während er so sprach, kam ein altes Mütter­lein in die Höhe gefahren und verließ vor unseren Augen mit einem ruhigen Schritt die Kabine, die ganz flach nur für zwei Personen nebeneinander Raum bot. Mein Reisegenosse wollte allem Anschein nach sich nicht dem unheimlichen, ständig laufenden Apparat anvertrauen, aber das Beispiel der alten Frau beschämte ihn doch. Mit Todesverachtung folgte er unserem Führer und trat in eine der nach abwärts fahrenden Kabinen zugleich mit mir. Langsam senkten wir uns, glitten durch das dritte, zweite und erste Stockwerk, um im Erdgeschoss mit entscheidendem Schritt festen Boden wieder zu betreten.

Staunenden Blickes beobachtete auch hier Herr Büro­kratius, wie Männer und Frauen, Alt und Jung sich dem ›Paternoster‹ anvertrauten.

»Ist die Sache nicht wunderhübsch?«

»Ja, das schon, aber dass da nichts passiert.«

»Ach, passieren tut schon hier und da etwas, bei welchem Verkehrsmittel käme das nicht vor, aber sehr, sehr selten. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hier nicht ganz so knifflig ausgedacht wie bei der Druckknopfsteuerung, man muss hier schon etwas höhere Ansprüche an die Gewandtheit des Publikums stellen; wenn einer gar zu zögernd aussteigt, fällt er eben unter Umständen etwas derb auf die Nase. Aber daran muss sich eben der Mensch im modernen Leben gewöhnen. Nach unseren Erfahrungen ist die Wahrscheinlichkeit, im Paternoster zu verunglücken, etwa dreimal geringer als die Möglichkeit, auf der Eisenbahn sein Leben einzubüßen, vier Unfälle auf zwanzig Millionen Benutzer. Schafft ihr etwa deshalb demnächst in Berlin die Eisenbahn ab?«

»Wir sind doch noch recht zurück«, entrang es sich nach einer Weile dem Herrn Büro­kratius.

»Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung«, lachte unser Begleiter und klopfte meinem Reisegenossen lachend auf die Schulter. »Das nennt man goldene Praxis, alter Junge, aus Bedenklichkeiten sind noch nie große Taten erwachsen, schaffe dir deine ›Bedenken‹ ab, und du bringst es vielleicht auch noch mal zu was Großem.«

Entnommen aus dem Buch:

Neuerscheinung

Naturwissenschaft und Technik bilden die Grundpfeiler unserer Kultur. Alles, was das moderne Leben von früheren Epochen der Menschheit in charakteristischer Weise unterscheidet, beruht in letzter Linie auf den Fortschritten des Naturerkennens und der wachsenden Fähigkeit, Kräfte der Natur in den Dienst der Menschen zu zwingen.
Der Ingenieur und technische Publizist Siegfried Hartmann (1875 – 1935) bewegte die größeren Tageszeitungen dazu, regelmäßig allgemeinverständliche Artikel zu veröffentlichen, die in unterhaltender Form die wichtigsten technischen und naturwissenschaftlichen Erscheinungen dem Verständnis des Lesers näherbringen. Aus diesen Aufsätzen stellte Hartmann für dieses Buch einen repräsentativen Querschnitt zusammen.
  PDF-Leseprobe € 18,90 | 182 Seiten | ISBN: 978-3-695-71317-2

• Auf epilog.de am 23. Mai 2026 veröffentlicht

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