Handel & IndustrieLebensmittelproduktion

An den Karpfenteichen der Niederlausitz

Die Gartenlaube • November 1877

Voraussichtliche Lesezeit rund 8 Minuten.

Nicht mit den Reizen hoher landschaftlicher Schönheit geschmückt und von der Natur nicht mit reichem, ertrag­fähigem Boden gesegnet, hat die Niederlausitz erst spät sozusagen Stellung genommen unter den bevorzugteren Schwesterlandschaften Deutschlands. Und doch findet sich hier des Beachtenswerten, ja Anziehenden gar Vieles. Hat doch an dem oberen und mittleren Lauf der Spree, wenige Meilen von Berlin entfernt, ein fremdes Volk seine Nationalität bewahrt, mit fremdem Gruß, in fantastischer Tracht schreitet noch heute die zierliche Wendin an uns vorüber. Unsere Teiche und Kanäle zeigen gar manch idyllisches Bild, und die stolzen, hohen Bäume gewähren unseren Parks einen Schmuck, welcher wo anders nur selten in Kunstgärten gefunden wird, Muskau und Branitz aber, die Schöpfungen des Fürsten Pückler, des gewandten und feinsinnigen Schriftstellers, des großen Gartenkünstlers, welcher jetzt in der Mitte seiner letzten Schöpfungen in einer Pyramide seinen ewigen Schlaf hält, haben Weltruf.

Auch die Industrie der Niederlausitz hat sich von Jahr zu Jahr mehr emporgeschwungen. Unsere Teiche dienen nicht allein der Belebung und Verschönerung der Landschaft, ihr Zweck ist ein wesentlich praktischer. Die dortige Karpfenzucht hat große Resultate aufzuweisen; in Hamburg, um nur ein Beispiel anzuführen, besiegte der Spreewald-Karpfen den böhmischen.

Die sogenannte Karpfen­börse hat in Cottbus ihren Sitz. Jährlich, nämlich am ersten Montag des Cottbuser Herbstmarktes entwickelt sich im Hotel Ansorge daselbst, dessen Ruf anerkannt ist, ein rühriges Leben. Die Fischhändler aus Halle, Leipzig, Dresden, Magdeburg, Posen – wer nennt die Städte, nennt die Namen alle? – unter ihnen Firmenvertreter wie Kaumann-Berlin, F. J. Meyer-Hamburg, der ›Karpfen­könig‹ Fritsche, haben sich aus den verschiedensten Weltgegenden herbegeben und warten der ›Karpfen­barone‹. Mit diesem Namen bezeichnet man Züchter ersten Ranges, wie Mende-Dobrilugk, dem niemand den Ruf streitig macht, die größten Karpfen zu züchten, von Löwenstein und Faber mit je 600 – 800 Zentner, Berger-Peitz mit mindestens 2000 Zentnern. Diese Herren tagen in einem gesonderten Saal als Fischereiverein unter der sachkundigen Leitung des Herrn von Treskow, um die Fragen des Tages zu besprechen und annähernd den zu fordernden Preis für den Karpfen zu bestimmen. Nachdem dieses Geschäft erledigt, beginnen die eigentlichen Abschlüsse. Das Gewicht nur der Karpfen aus der Nieder- und Oberlausitz, welche durch ihre Züchter in Cottbus auf der Börse repräsentiert werden, beträgt 8 – 10 000 Zentner, die Zahl der Fische 200 000 bis 300 000.

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• Auf epilog.de am 30. Dezember 2025 veröffentlicht

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