Handel & IndustrieDruck & Papier

Die Erfindung des Holzschliffes

Prometheus • 27.11.1895

Voraussichtliche Lesezeit rund 6 Minuten.

Unter Holzschliff versteht man bekanntlich einen Papierrohstoff, der aus rohem Holz durch Zerfaserung mittelst rotierender Mühlsteine hergestellt wird; dieser Rohstoff wird in ungeheuren Mengen zur Herstellung billiger Papiere verwendet, und das Papier unserer Tageszeitungen z. B. besteht zum weitaus größten Teil (75 – 90 %) aus Holzschliff.

Das kürzlich erfolgte Ableben des Erfinders des Holzschliffes, Gottlob Keller, gibt Veranlassung, auf die interessanten Umstände, unter denen er seine für die Papierindustrie so bedeutungsvolle Erfindung machte, zurückzukommen. Da unser heutiges Kulturleben zu einem nicht geringen Teil auf diese Erfindung zurückzuführen ist, so ist ihre Geschichte nicht nur für die Fachkreise, sondern auch für die Allgemeinheit von Interesse, um so mehr, als sie auf einem Gebiete gemacht wurde, dem der Erfinder gänzlich fern stand.

Friedrich Gottlob Keller wurde am 27. Juni 1816 in Hainichen als Sohn eines schlichten und einfachen Webermeisters geboren. Schon während der Schulzeit musste er dem Vater fleißig beim Weben helfen, gewann aber immer noch Zeit genug, um seiner Neigung zur Herstellung der verschiedenartigsten Dinge nachzugehen. So fertigte er Lineale, Dreiecke und andere Schulbedarfsartikel und verkaufte sie an seine Schulkameraden, um für das erzielte Geld neue Werkzeuge zu erwerben. Leider gestatteten es die beschränkten Mittel des Vaters nicht, dem Lieblingswunsche des jungen Keller, eine Gewerbeschule zu besuchen, um sich dann der Mechanik zu widmen, entgegenzukommen. So trat er denn nach dem Verlassen der Volksschule in das Geschäft seines Vaters ein, ohne jedoch die erwähnte Lieblingsbeschäftigung aufzugeben. Den Gewinn sowie sein geringes Taschengeld benutzte er nun vorzugsweise zur Anschaffung von Büchern und Zeichenmaterialien. In dem werdenden Jüngling entwickelte sich allmählich ein gewaltiger Drang zum Wandern; der Gesichtskreis seiner Vaterstadt war ihm zu eng, er wollte sich umschauen und auch sehen, wie es draußen in der Welt aussah. Nach längerem Kampf mit den Eltern, welche ihre Zustimmung zu einer Wanderschaft anfangs nicht geben wollten, zog der junge Keller, 16 Jahre alt, die Brust von Hoffnungen erfüllt, in die Fremde, um nach einem halben Jahre voll bitterer Erfahrungen ernüchtert und abgekühlt in das Elternhaus zurückzukehren. Zwar hatte er einen großen Teil Deutschlands und Österreichs gesehen, aber nirgends Arbeit gefunden und daher viel Leid, aber wenig Freude erfahren.

Der ihm innewohnende Schaffensdrang führte ihn nun zu einem Entschluss, dem er nutzlos fast acht Jahre lang seine freie Zeit opferte, er wollte das Perpetuum mobile konstruieren. Geradezu krankhaft entwickelte sich dieses Streben in ihm, und trotz ununterbrochener Misserfolge ging er immer wieder von neuem an seine Versuche. Da las er in einer Zeitschrift, dass ein Mann von 93 Jahren, der in seiner Jugend eine gute Schulbildung genossen, sich volle 70 Jahre damit beschäftigt habe, dasselbe Problem zu lösen, dass er aber schließlich die Unmöglichkeit eingesehen, das gesteckte Ziel zu erreichen, und sich aus Verzweiflung hierüber erschossen habe. Etwa zu gleicher Zeit las er in Leuchs polytechnischem Journal eine Abhandlung, welche die Unmöglichkeit der Schaffung eines Perpetuum mobile behandelte, und diese beiden Momente brachten den jungen Keller von seinen Irrwegen ab und nun kam er auf das Gebiet, auf welchem er seine große Erfindung machen sollte.

Eine Abhandlung, welche er im Jahr 1839 in dem eben erwähnten Journal las, und welche darauf hinwies, dass der sich stetig steigernde Papierverbrauch die Notwendigkeit vor Augen führe, nach Ersatzstoffen für die immer teurer werdenden Lumpen zu suchen, gab ihm die erste Anregung zu seinen Versuchen. Er war sich der Schwierigkeiten dieses Beginnens wohl bewusst, denn er hatte sich bis dahin mit Fragen, die das Papierfach betrafen, überhaupt noch nicht befasst; seine Energie und seine Beobachtungsgabe halfen ihm indessen über alle Hindernisse hinweg und führten ihn allmählich zum Ziel.

Eines Tages beobachtete er einen Schwarm Wespen beim Nestbau; er sah, wie diese Tierchen kleine Holzspäne von einem alten Schindeldache herbeiholten und hieraus die Wände ihres Nestes, welche ein papierähnliches Aussehen zeigten, formten. Sofort kam ihm der Gedanke, diesen Vorgang nachzuahmen und aus Holz Papier zu machen.

Er kochte zunächst Sägespäne, fein zerteiltes Holz etc. mit starker Sodalauge, um den Zusammenhang der einzelnen Zellen zu lösen. Der Erfolg blieb aus, und heute, wo wir wissen, dass zum Erreichen dieses Zieles eine erheblich höhere Temperatur erforderlich ist, können wir uns über diesen. Misserfolg nicht wundern.

Da erinnerte er sich einer Spielerei aus seinen Kinderjahren, und diese sollte ihn endlich auf den richtigen Weg führen. Er hatte als junger Knabe häufig Kirschkerne von beiden Seiten abgeschliffen und den so entstandenen Ring zur Herstellung von Ketten benutzt. Er verfuhr hierbei in der Weise, dass er in ein Stückchen Brett ein kleines Loch bohrte und in dieses den Kirschkern steckte; den hervorstehenden Teil schliff er durch Reiben auf einem Sandstein unter Zusatz von Wasser ab; dann wurde der Kern umgedreht und die entgegengesetzte Seite in gleicher Weise behandelt. Dass sich hierbei auch etwas von dem Holz abschliff, war nicht zu vermeiden, und dieses Geschabsel aus Kirschkern und Holz bildete nach dem Trocknen auf dem Stein ein blattähnliches Gebilde.

Nachdem ihm die Erinnerung an diese Beobachtung zurückgekommen war, begann er Holzstückchen auf einem gewöhnlichen drehbaren Schleifstein abzuschleifen. Das im Schleiftrog befindliche Wasser wurde hierbei bald milchig trüb und nach dem Ausgießen in ein anderes Gefäß setzte sich am Boden eine dicke Masse ab, die Keller einem Kochprozess unterwarf, weil er der Ansicht war, dass dies zur Gewinnung eines geeigneten Stoffes nötig sei. Bei diesem Kochen spritzte ein Teil der Masse aus dem Topf, fiel auf das Tischtuch und bildete auf diesem, nachdem das Wasser durch das Tuch gesickert war, eine dem Papier ähnliche Masse. Dieses Blättchen, in der Größe eines Zehnmarkstückes, bewahrte Keller unter Glas und Rahmen wie ein Heiligtum auf, denn es bewies ihm, dass er sich mit seinen Bestrebungen auf dem richtigen Wege befand.

Somit kann man von dieser Beobachtung an, welche Keller im Jahr 1843 machte, von der Erfindung des Holzschliffes sprechen.

Keller wusste jetzt, wo er den Stoff zu suchen hatte, der geeignet war, die Lumpen zum Teil zu ersetzen; aber bei seinem Weiterarbeiten erwuchsen ihm noch viel Schwierigkeiten daraus, dass er von der Papierfabrikation so gut wie nichts verstand; mit einem Papiermacher wollte er noch nicht in Verbindung treten, weil seine Beobachtung noch nicht bekanntwerden sollte, und so fertigte er sich denn selbst, nur gestützt auf das, was ihm Poppes technologisches Handwörterbuch über die Papiermacherei mitteilte, mit den primitivsten Hilfsmitteln die zum Papiermachen nötigsten Werkzeuge: Schöpfrahmen, Filze, Presse etc.

Alle Versuche aber, die Keller nun machte, einflussreiche Personen für seine Sache zu interessieren und Mittel zur weiteren Verfolgung seiner Erfindung zu erhalten, schlugen fehl. Auch ein Gesuch an das Königlich Sächsische Ministerium hatte nicht den gewünschten Erfolg; zwar wurde sein Streben lobend anerkannt, die Sache selbst aber als noch zu unfertig bezeichnet. Es wurde Keller der Rat erteilt, mit einer Papiermühle, deren ihm mehrere namhaft gemacht wurden, in Verbindung zu treten.

Damit war Keller aber nicht gedient, denn er fürchtete, auf diese Weise um die Früchte seiner langen und mühevollen Arbeit zu kommen. Er baute sich daher selbst einen äußerst primitiven Schleifapparat, zu dessen Bedienung zwei Menschenkräfte ausreichten. Da der Tag dem Beruf gewidmet war, so musste die Nacht zum Schleifen des Holzes benutzt werden, und Keller tat dies unverdrossen, getreulich unterstützt von seiner Lebensgefährtin, die seine Arbeit mit lebhaftem Interesse verfolgte.

Nachdem eine genügend große Menge Stoff geschliffen war, wurde derselbe in die Papiermühle zu Alt-Chemnitz geschickt und hier unter Zugabe von Lumpenstoff zu Papier verarbeitet (1/3 Lumpenstoff, 2/3 Holz). Dieses im Jahr 1845 hergestellte Papier war also das erste mit Holzschliff versetzte Papier in größerem Formate. Ein Teil desselben wurde in demselben Jahre zum Druck des Frankenberger Kreisblattes verwendet.

Ein Zufall führte Keller im Jahr 1846 mit dem damaligen Direktor der Bautzener Papierfabriken, Heinrich Völter, zusammen, der die Bedeutung der neuen Erfindung sehr bald erkannte und mit Keller einen Vertrag zur gemeinsamen Ausnutzung derselben abschloss.

Von hier ab hört Kellers Wirken für die Herstellung von Holzschliff auf, da Völter allein die weitere Ausbildung des Verfahrens übernahm und aus der Kellerschen Idee schnell einen neuen großen Industriezweig schuf. Bei der Erneuerung der Patente konnte Keller, dessen materielle Verhältnisse sich inzwischen nicht gebessert hatten, die Gebühren nicht aufbringen und er musste seine Erfindung Völter ganz überlassen.

Materiellen Gewinn hat er aus seiner Erfindung und auch aus einer Reihe anderer, die er im Laufe der Zeit noch machte, kaum gezogen; als Lohn blieb ihm indessen das Bewusstsein, allen Kulturvölkern mit seiner Erfindung einen hochwichtigen Dienst geleistet zu haben, und dieses Bewusstsein entschädigte den einfachen und anspruchslosen, in stiller Zurückgezogenheit lebenden Mann zum Teil für den entgangenen Gewinn.

Er nahm die Arbeiten in seiner mechanischen Werkstatt zu Krippen bei Schandau wieder auf und verfertigte bis in sein hohes Alter hinein mit einigen Gehilfen eiserne Messkluppen. Als das Gespenst der Sorge auch in hohem Alter noch einmal an ihn herantrat, bewahrten ihn opferwillige Fachgenossen vor der ihm bevorstehenden Versteigerung seines Grundstückes und schafften Mittel zur Stelle, welche dem schwer geprüften Manne einen sorgenfreien Lebensabend sicherten. Seine Erfindung aber verdient den Dank der ganzen gebildeten Welt.

»Der Knabe auf der Schulbank, der Mann im Comptoir, der König und Kaiser im Arbeitszimmer, – die ganze Menschheit schuldet diesem großen Manne Dank!«, so äußerte sich mit vollem Recht der amtierende Prediger am Grab Kellers, als die sterbliche Hülle desselben der Erde zur ewigen Ruhe übergeben wurde.

• W. Herzberg

• Auf epilog.de am 30. Juli 2025 veröffentlicht

Reklame