Handel & Industrie

-Reklame-
abgeordnetenwatch.de

Eine Stunde auf der Berliner Börse

Die Gartenlaube • 1867

Der Fremde, der zum ersten Male Berlin durchwandert und etwa zehn Minuten vor zwölf Uhr auf der Kolonnade des herrlichen Neuen Museums tretend über die neue Friedrichsbrücke schaut, erblickt am jenseitigen Ufer einen prächtigen Palast im Renaissancestil, mit doppelter Fronte, korinthischen Säulen, mit symbolischen weiblichen Statuen-Gruppen, mit einem schönen Säulengange. Dort stehen ernst blickende Männer in lebhaftem Gespräch, ihrer Rede durch beweglichste Gebärde Nachdruck verleihend; zu ihnen gesellen sich Neuankommende; Equipagen und Droschken fahren vor, aus denen elegant gekleidete, meistens jüngere Männer steigen und sofort mit den Wartenden in eifriges Gespräch treten, und wohl mag der mit den Örtlichkeiten wenig Vertraute denken, dieser Palast sei ein Tempel der Wissenschaft, eine neue Akademie oder ein Lyceum, wo der Berliner Plato oder Aristoteles lehrt, und die wartenden oder rasch herbeieilenden Männer seien wissbegierige Schüler, die dem Kurs eifrig folgen und ja keine Minute des Unterrichts, kein Wort des Lehrers versäumen wollen.

Berliner Börse

Die Berliner Börse mit der Friedrichsbrücke um 1900.

Weit gefehlt! Nicht um einen Kurs, sondern um die neuesten Kurse zu hören, stehen die Männer da, nicht Wissen, sondern Haben ist ihr Zweck; die kleinen Händler und Pfuschmäkler und die kleinen Getreidespekulanten und -Makler, die noch vor Beginn der Börse die ›Stimmung‹ zu erforschen versuchen, keine Philosophie ist diesen Allen bekannt, als unbewusst die pythagoräische, nach welcher die Welt aus Zahlen besteht (obwohl auch manche unter ihnen entschieden nur durch Nicht-Zahlen bestehen). Sie unterhalten sich über die letzten Ereignisse, ob der Kaiser von Österreich wirklich konstitutionell regieren wird und welches Papier dabei am meisten in die Höhe gehen dürfte; ob durch das polnische Attentat ›Russen flau oder fest‹ sein werden; ob man nicht süddeutsche Aktien ›fixen‹ (d.i. zu einer gewissen Zeit liefern) sollte, da die Einigung mit Norddeutschland doch größere Militärlast und notwendigerweise auch neue Anleihen nach sich ziehen müsste. Wahrlich, sie verstehen es, die Weltgeschichte zu taxieren!

Es schlägt zwölf. Die Pforte öffnet sich, der Schwarm dringt in das Innere und verteilt sich. Es ist noch still. Die alten und die neuen Bankiers – ich werde diesen Ausdruck später genau erklären – sind noch nicht angelangt, das Geschäft ist unentwickelt. Sehen wir uns ein wenig um. Der herrliche Saal ist durch eine Reihe von 128 Granitsäulen, die längs der Wände gehen und ihn dann in der Mitte durchschneiden, in zwei Räume geteilt; in dem vorderen wird die Fondsbörse, in dem andern die Fruchtbörse abgehalten.

-Reklame-

Oben erblicken wir zuerst prachtvolle Wandgemälde von Klöber: die Sinnbilder der Landeskultur, Holzhauer, Fischer, Erntewagen, in der Mitte die altgriechische Göttin der Naturkräfte, Kybele – für welche schon die römischen Kornhändler und -Wucherer besondere Ehrfurcht hegten – endlich Amor und Venus. Über der Fondsbörse schwebt Vulkan als Geldpräger, Merkur, der Gott der Kaufleute, ein feuriges Roß als Sinnbild der Dampfkraft, endlich in einer Ecke – bedeutsames memento! – eine Gruppe, welche die Fabrikation des Papiergeldes darstellt. Im Saale selbst stehen rechts und links Bänke, auf deren Rückseite Metallplatten die Namen der Bankiers und Kaufleute anzeigen, welche hier ihre Plätze fest gemietet haben. In dem Raum zwischen den beiden Reihen bewegen sich die Kleinen, Kleineren und Kleinsten. Es ist ein Viertel auf eins. Die Bankiers, die beeidigten Makler sind eingetroffen und sitzen auf ihren Plätzen, das Geschäft ist entwickelt, überall zeigt sich Bewegung; ich treffe einen jungen Bankier, Freund der Tonkunst und Literatur, er bietet sich mir als Cicerone an, und wir beginnen eine Wanderung durch den Tempel Merkurs.

Die kleinen Makler und Händler laufen hin und her mit ihren Bleistiften und Notizbüchern, sie fragen fast jeden, dem sie begegnen, ob er irgend etwas zu kaufen oder zu verkaufen hat. »Dollars geb’ ich«, ruft der Eine. »Dollars, Dollars!« – »Italiener nehm’ ich«, ein Zweiter. – »Wie sind Mecklenburger zu haben?« schreit ein Dritter. Russen, Österreicher, Franzosen, Lombarden, alle Nationen werden hier ausgerufen und verhandelt. Die Bietenden und Nehmenden drängen sich, schieben sich, stoßen einer den andern beiseite – mitunter sogar etwas unsanft – doch hierüber entsteht kein Streit, »in diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht« – nur das Geschäft.

*) Prämie kaufen ist ein Geschäft, bei welchem der Käufer durch Vorausbezahlung einer gewissen Summe das Recht erwirbt, an einem bestimmten Tage eine Anzahl Aktien zu einem festgestellten Kurs zu nehmen: Die Summe ist quasi als Reugeld zu betrachten, wenn die Aktien nicht übernommen werden, dafür ist auch kein weiterer Verlust zu decken.

Wir gehen etwas weiter und beobachten einige ergötzliche Szenen. Da sprechen Zwei über einen wichtigen Handel; dabei kann der Eine nicht unterlassen, des Anderen schwere goldene Kette zu prüfen, er fasst sie an, wiegt sie in der Hand, und in dem Augenblick, als er die Lieferung und den Kurs des Papieres feststellt, kann er nicht umhin zu fragen: »Was kost’ die Kett’?«. Neben diesen beiden erblicke ich eine Gruppe, würdig, durch den Griffel unseres Hogarths vom Kladderadatsch verewigt zu werden. Ein junger Bankier sitzt an seinem Platze und zeigt seinem Nachbar zwei Ringe; vor ihm steht ein Mann mit eifrigster Rede und Gebärde. Er bewundert den Glanz, das Feuer der Steine, die Schönheit der Fassung, die Vortrefflichkeit des Goldes, die enorme Billigkeit des Preises; er ruft alle Götter zu Zeugen, dass in der ganzen Stadt kein ähnlicher Ring um so weniges Geld zu haben ist. Der Mann aber – so erklärte mir mein Mentor – will gar kein Geld, sondern ein Börsengeschäft abschließen. Er betreibt eine höchst originelle Industrie: er kauft und verkauft die billigsten Prämien* auf der Berliner Börse. Er ist Juwelenhändler, kennt die Wege der Gelegenheitskäufe, erwirbt Steine und Preziosen zu sehr billigen Preisen und bietet sie den Bankiers für Prämien, die er dann sofort wieder verkauft. Man muss ihn sehen, wie er seinen baumwollenen Regenschirm bald in die rechte, bald in die linke Hand nimmt, um mit der frei gebliebenen kräftiger gestikulieren zu können; wie er vor einem zu niedrigen Angebot zurückprallt, als wollte man ihm ans Leben; wie er sich dann ein wenig entfernt, mit sich zurate geht, mit den Fingern Zahlen in die Luft schreibt, um zu berechnen, wie viel er noch ablassen könne vom geforderten Preise; wie er darauf wieder an den Käufer tritt, neuerdings handelt und feilscht, bis das Geschäft abgeschlossen ist und er gleich weiter rennt, um nun für die Prämie einen Abnehmer zu finden. Der Preis, um welchen er die Ringe erstanden hat, ist jedenfalls viel geringer, als der Wert der für diese eingetauschten Prämie, er kann daher die letztere mit kleinstem Gewinn – ja vielleicht unter dem Einkaufspreis – abgeben, und wird noch immer ein gutes Geschäft machen.

Neben seiner wirklich genial erdachten und ausgeführten Industrie bietet der Mann mir noch die interessante Erscheinung, dass er als Juwelier die geschmackloseste Busennadel trägt, die mir je untergekommen ist. Während ich ihn noch betrachte, um mir sein Bild genau ins Gedächtnis zu prägen, vernehme ich hinter mir eine bekannte Stimme; ich wende mich und erblicke Herrn X., einen der elegantesten jungen Börsenhelden, der sich vom Buchhalter eines Großmaklers durch große Geschicklichkeit als ›Agent‹ zum Chef eines eigenen Kontors, zum ›neuen Bankier‹ emporgeschwungen hat. Er fährt in einer sehr hübschen Equipage, verkehrt sehr viel mit Künstlern und Schriftstellern, am liebsten allerdings mit berühmten und schönen Schauspielerinnen; er hat den Ruf eines liebenswürdigen und gefälligen jungen Mannes, und nur der eine Vorwurf wird gegen ihn erhoben, dass er zu viel schwört; er tut dies auch in jenem Augenblicke.

-Reklame-
Die Entdeckung Berlins

»Was«, ruft er, »ich soll mit drei geben, mich kosten sie drei und ein Achtel; bei meinem Leben! Gott der Gerechte! Eine Stange Gold kann man verlieren bei solchen Geschäften« – in diesem Augenblick sieht er mich an der Seite meines freundlichen Führers – »Ah«, meint er, »ich habe Sie heute Morgen mit dem Legationsrat X., dem Vertrauten unseres allmächtigen Ministers, gesehen; Sie wissen gewiss etwas Wichtiges und kommen hierher, um einen Coup auszuführen.«

»Ja wohl«, antworte ich, »einen Auftrag zu vollführen bin ich allerdings hier, für das Haus Keil; wollen Sie mir das Geschäft abkaufen? Es ist kein Schlechtes.«

»Was haben Sie zu machen?«, fragt jener.

»Ich kann Ihnen das nicht mitteilen, nur das darf ich sagen, Sie können das Geschäft ungeprüft abkaufen.«

»Das heißt man kein Gebot stellen, auf Wort! Heute könnte man schon alle Geschäfte aufgeben!« mit diesen Worten will der Elegante sich entfernen, doch die Neugierde ist stärker als sein Unwille; er flüstert meinem Begleiter die Frage zu: »Weiß er denn etwas Neues? Hat er etwas erfahren?« Der Gefragte zuckt geheimnisvoll die Achseln – ich muss mich einige Schritte entfernen, um nicht in helles Lachen auszubrechen. Horch! Ein Kunstgespräch trifft mein Ohr; es ›handelt‹ von einer neu engagierten Sängerin.

»Ich sage Ihnen«, meint einer, »ich habe sie gestern gehört; sie singt faul, es ist nichts aus ihr zu machen.«

»Das können Sie noch nicht so sicher behaupten«, entgegnet ein Anderer, »sie hat eine sehr schöne Stimme; übrigens eine Lucca ist sie natürlich nicht.«

Bei diesem Namen verklären sich die Gesichter der beiden. Wer sind sie, diese Männer, die mitten im Geräusche und der Bewegung noch Zeit und Sinn haben für Kunst und Künstler? Es sind kleine Makler, die nebenbei mit Theaterbilletts handeln, sich deren für jede Vorstellung verschaffen, wo der Andrang des Publikums voraussichtlich groß ist, und sie dann mit bedeutendem Agio auf der Börse verkaufen, oder auch, wie jener Juwelenhändler seine Ringe, in anderer Weise verwerten. Für sie hat jede Sängerin und jede Oper die Bedeutung von Aktien, von ›Brief‹ und ›Geld‹. Die Afrikanerin von Meyerbeer steht immer über Pari, dann kommt Figaros Hochzeit, wenn die Lucca und die Artot singen, dann der Prophet und Lohengrin mit Niemann etc., und es hat schon Tage gegeben, wo ein Parkettsitz ihnen mit acht bis zehn Taler bezahlt worden ist. Dagegen sind z.B. Beethovens Fidelio und Mozarts Don Juan auf der Börse gar nicht notiert.

Zu diesen beiden Kunstmännern gesellt sich ein Mann, der als Spezialität besondere Beachtung verdient: es ist der Satiriker der Börse, ihr privilegierter Witzmacher; über jedes Ereignis, über jede Persönlichkeit hat er sein Bonmot, und es muss ihm zugestanden werden, manches derselben ist treffend. So z.B. meinte er von einem sehr rasch emporgekommenen Unternehmer, der nur noch in Millionen spekuliert, sich als großer Herr manchmal auf der Börse zeigt und über dessen wirkliches Vermögen verschiedenartige Meinungen im Gange sind: »Zwei Dinge kann Herr X nicht ablegen: seine Parvenü-Manieren und – eine genaue Rechnung.« Über einen Financier, der ›Konsul‹ geworden war, stellte er die Frage: »Welcher Unterschied herrscht zwischen Herrn Y und dem amerikanischen Konsul? Dieser ist ein überseeischer, jener ein überflüssiger.« Unter seiner Firma zirkuliert auch der Witz über einen reichen Leinenwarenhändler, der viel und glücklich auf der Börse spekuliert: »Er macht wohl bessere Geschäfte als Hemden!«

Es ist ein Uhr. Mein Führer leitet mich an das Büfett, wo wir vortreffliche kalte Küche genießen und ein Glas des besten Berliner Bieres trinken, das einige Börsenbesucher im stolzen Selbstgefühl ›Judenbier‹ getauft haben, wahrscheinlich um anzudeuten, dass dem neuerwählten Volk nicht bloß das Land mit Milch und Honig prophezeit war, sondern auch der beste Gerstentrank. Dort (nicht in Palästina, sondern am Büfett) treffe ich einige Schriftsteller, die von Redaktionen beauftragt sind, die täglichen Bewegungen an der Börse zu beobachten und darzulegen. Jedes große Journal der Residenz hat seinen eigenen Berichterstatter. Voran unter diesen ragen die Redakteure der Börsenzeitung und deren Gründer – dieser, der noch vor wenigen Jahren eine untergeordnete Stellung einnahm, hat durch Geschicklichkeit, durch richtiges Erraten der Konjunkturen, durch sehr geistreiche Artikel über manche Banken und Unternehmungen sich jetzt zu einer Höhe emporgeschwungen, von der er selbst auf seine Mitarbeiter Glanz verbreitet; die ›alten‹ Häuser blicken mit Achtung, die ›jungen‹ Häuser mit Ehrfurcht auf ihn, alle Unternehmer, die Aktien ausgeben, vermeiden es, sein Missfallen zu erregen, und in dem Augenblick, wo ich ihn an der Börse erblicke, wird er von jenem Mann hofiert, gegen welchen der Satiriker den Witz vom ›Ablegen‹ gerichtet hat; dieser Mann, der große Güterkomplexe besitzt, eine politische Stellung anstrebt, der unleugbar die schärfste Kombinationsgabe und unerschütterlichen, vielleicht nicht gerade beneidenswerten Mut besitzt, er fürchtet vielleicht keine Macht als die der Börsenzeitung; ein Angriff von dieser kann ihn gefährlicher treffen als ein halbes Dutzend Leitartikel anderer Blätter.

-Reklame-

Das Geschäft ist fast als beendet zu betrachten. Der Tag war ein ›stiller‹. Doch sieh! In einer Ecke gibt sich plötzliche Aufregung kund. Laute Rufe »ich geb’, ich nehm’« erschallen, es entsteht ein Gedränge. Einige kleine Mäkler, die gemütlich am Büfett standen, eilen mit der halben Butterstulle, die sie in der Aufregung zu verschlucken ganz vergessen, nach dem Kampfplatz – selbst einige Bankiers erheben sich von ihren Plätzen und blicken nach dem wirren Knäuel, der sich im Nu gebildet hat. Einige ›neue‹ Bankiers, von denen die Meinung verbreitet ist, dass sie mit wohlunterrichteten Leuten verkehren und auch Aufträge reicher Privatmänner vollführen, haben starke Posten eines Papiers gekauft, von allen Seiten laufen die kleinen Händler herbei, wie die Hühner eines Geflügelhofes, wenn die Magd Futter streut, doch die Aufregung geht vorüber; der Konflikt wird nicht weiter angeregt, die Kurse gehen nicht höher, es scheint nur ein Versuch, sie hinaufzutreiben, angestellt worden zu sein, und die Gesichter, welche einen Augenblick einen eigentümlichen Ausdruck zeigten, erschlaffen, die funkelnden Augen blicken matt und die vom Büfett Weggeeilten kauen ihre halbe Stulle mit Ruhe zu Ende. Ich nehme Abschied von meinem freundlichen Führer; er versichert mir, dass der Tag ›ein sehr stiller‹ war und dass überhaupt manche interessante Persönlichkeit gefehlt hätte, die allerdings nur in sehr bewegten Zeiten auftauchte. So konnte man z.B. während des amerikanischen Krieges einen sehr berühmten Sänger fast alle Tage auf der Börse sehen. Er ›machte sehr viel‹; wahrscheinlich hatte er Apoll mit Merkur verwechselt, da auch dieser eine Leier trägt.

Sagen wir nun einige Worte von den Börsen und den Bankiers im Allgemeinen. Die Berliner Börse kann ebenso wenig mit denen anderer großer Residenzen verglichen werden, wie der Berliner Bankier mit dem Wiener ›Großhändler‹ oder mit dem Pariser Financier. In Wien und Paris ist an einem ›stillen‹ Tage mehr Spektakel und mehr Gezänke, als in Berlin an einem sehr bewegten Abrechnungstag (Ultimo), und es findet in den beiden Erstgenannten in mancher Woche ein größerer Geldumsatz statt, als in Berlin in einem Monat. Aber dafür wird dort auch mehr gespielt, während das Geschäft in Berlin fast durchwegs auf solidester Grundlage ruht. In Paris spielt fast alle Welt auf der Börse – und es ist ein öffentliches Geheimnis, dass sehr hochstehende Personen ihre genaue Kenntnis der politischen Ver- und Entwickelungen auf der Börse verwerten ließen.

-Reklame-

Wenn also die Politiker Börsenspekulanten sind, so ist es die natürliche Folge, dass jeder glückliche Spekulant auch eine politische Rolle anstrebt, dass der Bankier dahin trachtet, einen Sitz im Staatsrat zu erlangen, oder doch wenigstens die Minister, wenn nicht gar Mitglieder der kaiserlichen Familie zu empfangen. Frankreich ist ja das Land der Gleichheit, d.h. des gleichen Drucks für alle, und mit vielem Gelde und loyalem Luxus kann man sich zur ›besten Gesellschaft‹ emporschwingen. Der Wiener ›Großhändler‹ ist durch die früheren Verhältnisse Österreichs von der aktiven Politik ferngehalten worden; dagegen stand ihm der Weg zum ›Geadelt werden‹ frei, und das Prädikat ›Edler von‹ oder gar ›Ritter‹, ›Freiherr‹, ein ›Cavalier‹ zu werden und ein großes Wappen auf den Wagenschlag malen zu lassen, schwebte ihm immer als höchstes Ziel vor; und wie die meisten österreichischen Cavaliere waren auch die meisten Wiener Großhändler von jeher liebenswürdige Lebemänner, ›gute Kerls‹, galant, generös, ›fesch‹.

Das Wesen des Londoner Bankiers genau darzulegen, bedürfte es eines viel größeren Raumes, als mir hier geboten ist; er ist so verschieden von allen andern, wie die Institutionen seines Landes von denen des Kontinents. Hier mögen nur einige Tatsachen angeführt werden. Die großen Londoner Bankiers gehen nie auf die Börse; es gibt ungeheuer reiche Häuser, die große Anlehen abgeschlossen haben und gar kein Bankgeschäft machen, ja nicht einmal ein Kontor halten (Montefiore, Goldsmith, Attwood); das Haus Rothschild gehört in London zu den reichsten, aber nicht zu den ersten Bankhäusern. Sie nehmen im Allgemeinen keine hohe gesellschaftliche Stellung ein, aber wenn sie Parlamentsglieder oder Municipalbeamte werden, dann steht ihnen der Weg zur Pairie offen; so ist Lord Asburton aus dem Hause Gebrüder Baring hervorgegangen und Lord Overstone aus dem Hause Lloyd.

Der alte Berliner Bankier hat nie eine politische Rolle angestrebt – Camphausen und v.d.Heydt sind Rheinländer – er ist auch kein Lebemann und hat nichts vom Cavalier; zum englischen Plutokraten fehlt ihm der ungeheure Reichtum; gegenüber dem Pariser, dem Wiener, dem Londoner erscheint er als Philister, aber er kann sich eines Vorzugs rühmen, vor dem Reichtum, Rang und Glanz erbleichen: keine andere Stadt hat so viele Größen der Kunst und der Wissenschaft aufzuweisen, die Bankierhäusern entsprossen sind, wie Berlin. Aus dem Hause Mendelssohn, das von dem großen Philosophen und edlen Menschenfreunde stammt, ging jener Felix hervor, dessen Musik so weit reicht, als sich Menschen der Sommernacht erfreuen und als der gestirnte Himmel ihre Herzen zur Andacht erhebt. Dem mit Reichtum und Wohltätigkeitssinn hochgesegneten Hause Beer entstammte der Komponist des Robert der Teufel und der Hugenotten, welcher die unbestrittene Herrschaft über die Opernbühne ausübt, dessen reichen Gaben selbst die erbittertsten Gegner Anerkennung zollten und dessen Bruder als Dichter nicht großen Ruhm, aber hohe Achtung um seines edlen Strebens willen genossen hat. Stolz weist das Haus Magnus auf seine Söhne, den Professor und einstigen Rektor der Berliner Universität und den Maler. Der große Rechtsgelehrte Hitzig, der bekannte Architekt des gleichen Namens, sie entstammen reichen Geschäftsleuten. Und wenn alle die Genannten jüdischen Ursprunges waren, so ist dies nur ein Beweis mehr, dass nicht der Geldbesitz und dessen Vermehrung, nicht der Glanz durch Reichtum dem Berliner Bankier das Höchste ist, dass er vielmehr die persönliche Geltung noch höher würdigt.

*) Von dieser englischen Spezialität und deren Bedeutung hat man auf dem Festland keinen Begriff. Ich traf im Jahre 1857 in London einen Schulkameraden, der seit fünfzehn Jahren in der englischen Residenz lebte. Er genoss großes Vertrauen in der Handelswelt und erwarb jährlich sechzehn bis zwanzigtausend Taler als Wechselmakler, wobei er etwa für zwei Millionen Taler Wechsel in Umsatz brachte. Und wohlgemerkt, der Mann nahm nie das Accept von Privatleuten an, ja nicht einmal für Kaufleute (merchants) arbeitete er! Sein Geschäft bestand darin, dass ihm große Banken aus den Landbaudistrikten bares Geld zum Placieren, dagegen die Banken aus den Industrie-Distrikten Wechsel zum Verwerten sandten. Er meinte, in einigen Jahren würde er wohl fünfzigtausend Taler jährlich erwerben – wenn er einmal ganz Makler-Maschine geworden wäre.

Dieses Bewusstsein prägt sich in der Haltung und dem Gebaren des alten Berliner Bankiers aus; im gesellschaftlichen Leben macht er kein Haus, ist gewöhnlich zurückhaltend, wenig liebenswürdig, im Geschäft geht er immer sehr vorsichtig zu Werke und gibt ihm nicht einmal die Ausdehnung, die von einem großen Hause zu erwarten ist, – aber er genießt als Persönlichkeit große Achtung und seine Accepte betrachtet der vorsichtigste Londoner bill-broker* (Wechselmakler) als first-rate (erster Klasse).

Seit etwa fünfundzwanzig Jahren ist ein neues Geschlecht im Werden, das in vielen Dingen die Traditionen verlassen hat, ja geradezu einen Gegensatz bietet: Es sind die Leute, die ich im Anfange dieser Skizze als ›die neuen Bankiers‹ bezeichnete. Sie sind meistens ehemals kleine Makler oder Spekulanten gewesen und durch glückliche Kombinationen zu Vermögen gekommen. Gar mancher von ihnen ist verschwunden, nachdem er eine Zeit lang sein Schifflein auf der Oberfläche glänzenden Lebens herumgetummelt hatte, mancher ist wieder emporgetaucht, als man ihn ganz versunken wähnte, nur einige Wenige haben den Weg des bürgerlichen freundlich-bequemen Lebens eingeschlagen, den die ›Alten‹ gegangen sind, und haben sich und ihren Familien einen festen Grund gesichert. Die Mehrzahl eifert den französischen und Wiener Modellen nach; man rühmt von ihnen, dass sie meistens sehr gutmütige und liebenswürdige Leute sind und dass sie mehr Kühnheit, mehr ›Genie‹ besitzen als die ›alten Philister‹.

• E. H.

-Reklame-
abgeordnetenwatch.de
-Reklame-
Generisch - Tacho - Interstitial - Stoppend