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Wasserklosetts in den Eisenbahnzügen

Die Gartenlaube • Juni 1876

Die Gartenlaube hat schon mehrmals das heikle Thema der fehlenden Wasserklosetts in den deutschen Waggons erwähnt, und erst  hier sprach sich G. Rohlfs über den Vorzug des amerikanischen Wagensystems in dieser Beziehung aus. Wenn wir heute abermals aus den sehr wenig ästhetischen, praktisch aber um so bedeutsameren Punkt zurückkommen, so geschieht dies im Hinblick auf den augenblicklich gerade besonders geeigneten Zeitpunkt und in Anbetracht der großen Wichtigkeit des Themas für die Gesundheit von Tausenden. Da jetzt die Frage der Zentralisierung aller deutschen Eisenbahnen unter einheitliche Reichsverwaltung an der Tagesordnung ist, so dürfte es sich gerade für die Direktion der Reichseisenbahnen besonders empfehlen, durch Rücksichtnahme auf den Komfort und die Bedürfnisse des reisenden Publikums mit gutem Beispiele darin an der Spitze zu stehen, und würde dieses Vorgehen jedenfalls die Mehrzahl des Publikums für das Projekt der Einigung aller deutschen Eisenbahnen weit zugänglicher machen. Man wird sicherlich in zehn bis zwanzig Jahren darüber staunen, dass man in der Jetztzeit, wo sich der Fortschritt in Kunst, Industrie, Wissenschaft und Humanität so augenscheinlich offenbart, eine so nötige Einrichtung für das reisende Publikum aus bloßer Oberflächlichkeit oder kleinlicher Sparsamkeit ganz aus dem Auge lassen konnte, während nicht allein die Humanität, sondern auch die Moralität gebieterisch diese Einrichtung erheischt. Es gibt sehr viele Leute, welche das Reisen nicht gewöhnt sind, und sobald solche fremde Luft atmen oder andere Nahrung genießen, erleiden ihre natürlichen Funktionen gewisse Veränderungen, welche sich aber gerade auf der Reise in unangenehmster und störends­ter Weise fühlbar machen. Solche Leute sind dann oft den größten Gefahren in Bezug auf ihre Gesundheit beim Reisen ausgesetzt und unterlassen dasselbe, wenn möglich, gänzlich, solange nicht ein neues Eisenbahnsystem oder doch irgendeine Vorrichtung eingeführt worden ist, welche dem beregten Übelstand gründlich abhilft. Wie schlimm sind doch die Damen in dieser Beziehung auf der Reise daran!

Leidende Personen wissen sich in Schnellzügen oftmals gar nicht zu helfen, denn wenn nach einigen Stunden der Zug nur wenige Minuten an einer Station verweilt, so ist diese Zeit viel zu kurz, um sich waschen, restaurieren und andere Bedürfnisse befriedigen zu können. Daraus erklärt sich auch zum Teil jene nervöse Aufregung des reisenden Publikums, die sich besonders bei Damen so sehr bemerk­lich macht und während des kurzen Aufenthaltes an der Station oft zu den widrigsten und anstößigsten Szenen Veranlassung gibt. Bei den gewöhnlichen Post- und Personenzügen findet so oft ein Aufenthalt statt, dass die Einrichtung von Wasserklosetts, wenn auch nicht unnötig, so doch nicht dringend erforderlich ist, dagegen wäre den Eil- und Kurierzügen die sofortige Herstellung derselben eine Pflicht gegen das Publikum, der sich die Eisenbahnverwaltungen für die Länge der Zeit nicht werden entziehen können, um so weniger, als so auch die Reisenden die letzten Preiserhöhungen sich gefallen lassen mussten, ohne bisher in der inneren Einrichtung des Waggons ein Äquivalent dagegen zu erhalten. Sollte sich bei der jetzigen Konstruktion unserer Waggons die nötige Änderung absolut nicht bewerkstelligen lassen, so verwende man diese Wagen, die ohnedies zum größeren Teil schon sehr abgenützt sind, für die gewöhnlichen sogenannten ›Bummelzüge‹; dagegen wird man für die Kurier- und Eilzüge dann eben ganz neue Waggons mit Wasserklosetts und etwas mehr Raum zur freien Bewegung neu anfertigen lassen müssen. Selbst auch eine weitere Erhöhung der Fahrpreise für solche Züge werden sich die Passagiere gewiss gern gefallen lassen, wenn nur ihrer Bequemlichkeit dabei nach moderner Anschauung Rechnung getragen wird. Die starke Frequenz der amerikanischen Schlafwagen dürfte unseren Eisenbahndirektionen wohl einen beherzens­werten Wink in dieser Hinsicht geben und den Nachweis liefern, dass das Publikum gern in eine Preiserhöhung willigt, wenn ihm nur auch der gewünschte Komfort dagegen geboten wird.

• Auf epilog.de am 7. September 2026 veröffentlicht

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