VerkehrEisenbahn

Auf der nordamerikanischen Eisenbahn

Von Gerhard Rohlfs

Die Gartenlaube • März 1876

Voraussichtliche Lesezeit rund 11 Minuten.

Bei der bevorstehenden Eröffnung der Weltausstellung in Philadelphia werden gewiss auch deutsche Reisende die amerikanischen Bahnen sehr bald ungewöhnlich stark frequentieren. So dürften denn den vielen Lesern der Gartenlaube einige Andeutungen über die Eisenbahnverhältnisse jenseits des Ozeans willkommen sein.

Wer in Europa die Schweiz, einige Teile von Österreich und Württemberg bereiste, wird sich jener langen Waggons erinnern, welche in der Mitte mit einem Gange und an beiden Seiten dieses Ganges mit Sitzen für je zwei Personen versehen sind; nach diesem einen Grundsatze sind alle nordamerikanischen Waggons gebaut. Jeder Zug hat in der Regel außer der Lokomotive nebst Tender und Packwagen drei solcher Waggons, wovon zwei für Nichtraucher und einer für Raucher bestimmt sind; auf stark befahrenen Strecken ist bei Tage ein Pulman-Palace-Car (auch Parlor-Car oder Saloon-Car genannt), welcher nachts durch einen Sleeping-Car ersetzt wird, beigefügt. Man kann aus einem Waggon in den anderen gehen, auch während der Fahrt. In jedem Waggon sind Öfen, welche außerdem durch eiserne Röhren die Hitze durch den ganzen Waggon verteilen. Durch jeden Zug, also durch alle Waggons, läuft eine Schnur, welche mit einer auf der Lokomotive befindlichen Glocke in Verbindung steht, wodurch dem Lokomotivführer in jedem Augenblick das Signal zum Halten gegeben werden kann. Obschon nirgends in einem Waggon angeschlagen steht: »Es ist streng verboten, unnützer­weise an dieser Schnur zu ziehen«, wie das in Europa, wo man auf einigen Bahnen auch diese Einrichtung hat, der Fall zu sein pflegt, so ist doch noch nie der Fall eines unnützen Notsignals vorgekommen. In jedem Waggon ist ein Wasserklosett, in den Parlor- und Sleeping-Cars sind auch Waschtische mit Handtüchern und Seife und in jedem Waggon ist stets ein großer Krug mit frischem Trinkwasser zu finden.

In allen Zügen findet sich ein Zeitungsverkäufer, der außerdem eine ganze Auswahl recht guter Bücher zum Verkauf feilhält und fortwährend von einem Waggon zum anderen geht. Die leiblichen Bedürfnisse sucht er durch Äpfel, Birnen, Bananen, Feigen, Nüsse und Süßigkeiten zu befriedigen, und meistens machen diese Leute, welche fest angestellt sind und feste Preise haben, ganz gute Geschäfte.

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• Auf epilog.de am 12. Mai 2026 veröffentlicht

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