Berlin

Berliner Neubauten

Die Victoria-Speicher
Köpenicker Straße 24/26

Architekten J. Hennicke & von der Hude

Deutsche Bauzeitung • 19.6.1880

Victoria-Speicher zu BerlinAnsicht und Querschnitt des mittleren Speichers.

Die Anlage der Victoria-Speicher wurde ins Leben gerufen durch das von Jahr zu Jahr sich steigernde Bedürfnis nach Lagerräumen für Getreide, Spiritus und Öl. Die Baulichkeiten, welche in Berlin bisher für diesen Zweck hauptsächlich benutzt wurden, sind entweder überhaupt nicht ursprünglich zu Lagerräumlichkeiten bestimmt, wie unter anderen die früheren Werkstätten der Norddeutschen Fabrik für Eisenbahnbedarf, oder sie sind nicht durchaus zweckentsprechend eingerichtet und mit ungenügenden Straßen-, Wasser- und Eisenbahn-Verbindungen versehen. Obwohl der Getreidehandel Berlins seit Jahrzehnten am Mangel genügender Speicher-Anlagen leidet, blieben doch alle bisher auf Abhilfe zielende Entwürfe, selbst die, welche sich der lebhaftesten Unterstützung der gesamten Kaufmannschaft erfreuen, unausgeführt. Getreideposten wurden beim Besitzwechsel von Speicher zu Speicher geschleppt und verursachten ungewöhnliche Lager-, Transport- und Arbeits-Kosten.

Als daher eine neue Verwertung der großen Grundstücke Nr. 24 – 26 der Köpenicker Straße, auf welchen früher die Goldschmidt’sche Kattunfabrik stand, infrage kam, erschien es jenen Verhältnissen gegenüber als die günstigste Lösung, hier eine Speicher-Anlage zu schaffen – umfangreich genug, um so ziemlich den Bedarf des gesamten Getreidehandels von Berlin aufzunehmen und dergestalt eingerichtet, dass die Bodennahme, Lagerung und Bearbeitung der Frucht die möglichst, geringsten Kosten verursache.

Victoria-Speicher, GrundrissGrundriss der Speicher-Gebäude.

Die bezeichneten Grundstücke haben bei 173,0 m Wasserfront ca. 21 200 m² Flächeninhalt. Es sind darauf vorerst drei Speichergruppen mit einer Grundfläche von 7000 m² erbaut worden, so dass die Anlage in Kellern und 5 Böden 42 000 m² mithin eine Lagerfläche für 27 500 – 40 000 m³ darbietet. Von der Einrichtung mit Silos musste gegenüber den Geschäftsusancen des hiesigen Getreidehandels Abstand genommen werden.

Die Gebäude sind im Äußeren in Ziegelrohbau, im Innern mit Holzböden auf eisernen Trägern und Säulen in Achsen von 4,65 m konstruiert und mit Zementpappdächern eingedeckt.

Pförtnerhaus, Dampfkessel- und Maschinenhaus sowie ein Werkstattgebäude, welches die Böttcherei, Aufenthalts- und Wirtschaftsräume und die Klosetts für die Arbeiter enthält, vervollständigen die Speicheranlagen, zu deren Erweiterung das Grundstück noch ausgedehnte Flächen, namentlich die lange Vorderfront an der Köpenicker Straße, freilässt.

Victoria-Speicher, PortalbauAnsicht des Portalbaus.

Unterhandlungen über Einführung eines Anschlusses an das Gleis der alten Verbindungsbahn, welches zwischen dem Niederschlesisch-Märkischen und dem Görlitzer Bahnhof noch im Betrieb ist, sind eingeleitet und würden der Speicher-Anlage die Verbindung mit den Haupteisenbahnen geben, welche, wenngleich nicht unbedingt erforderlich, so doch in hohem Grade wünschenswert ist.

Victoria-Speicher, PortalbauGrundriss des Portalbaus.

Die bauliche Anordnung von Speichern mit Horizontalböden bietet im Allgemeinen wenig interessante technische Momente. Die einfachen Forderungen der Zweckmäßigkeit würden unschwer zu erfüllen sein, wenn die baupolizeilichen Bestimmungen dem Techniker nicht Schwierigkeiten aller Art in den Weg legten. Wo große freie Böden mit starkem durchgehenden Luftzug gebraucht werden, müssen Brandmauern mit fest schließenden eisernen Türen in Entfernungen von 30 – 40 m die Gebäude von oben bis unten teilen. Wo einfache hölzerne Treppen, von Boden zu Boden aufgehend, zweckentsprechend und billig herzustellen wären, ist die unbequeme und kostspielige Anlage steinerner Treppen in massiven Treppenhäusern vorgeschrieben. Die Hebung von Boden zu Boden durch Fahrstühle und Sackwinden in freien Öffnungen wird unmöglich gemacht durch die Anforderung massiver mit eisernen Türen versehener Umschließung jedes Aufzugsschachtes.

Durch derartige Vorschriften wird leider der Bau solcher industriellen Etablissements bei uns verteuert, ihr Betrieb unbequem gemacht und die Bauanlage im Vergleich mit fremdländischen Werken, die gleichen Beschränkungen nicht unterliegen, dem Vorwurf schwerfälliger und unpraktischer Konstruktion ausgesetzt.

Die maschinellen Anlagen der Victoria-Speicher

Die Maschinenanlage zum Betrieb der Winden, Elevatoren und Fahrstühle ist im Prinzip so eingerichtet, dass die Transmissionen und Wellenleitungen möglichst vermieden und eine größere Anzahl Dampfmotoren aufgestellt sind, die sämtlich unabhängig voneinander arbeiten. Da die Speicheranlage aus drei Gebäudekomplexen mit großer Flächenausdehnung besteht, so würde die Übertragung der Kraft auf die einzelnen Hebevorrichtungen durch Wellenleitung und Transmissionen von einer Betriebsmaschine aus Schwierigkeiten in der Anlage sowohl, wie im Betrieb gehabt haben, der Kräfteverlust würde recht erheblich sein und die Sicherheit und Leichtigkeit des Betriebs würde bei nur einem größeren Motor weit geringer als bei Anwendung mehrerer kleinerer Motoren, die unabhängig voneinander arbeiten, sich herausgestellt haben.

Victoria-Speicher, SituationsplanSituationsplan.
1. Portalbau. | 2. Speichergebäude. | 3. Dampfmaschinen- und Kesselhaus. | 4. Werkstattgebäude. | 5. Reserviertes Terrain. | 6. Nachbargrundstück.

Es blieb nur die Wahl zwischen Dampfbetrieb und Betrieb mit hydraulischen Hebevorrichtungen. Letztere hätten entweder mit Benutzung der städtischen Wasserleitung oder bei eigenem Betrieb durch Hochdruckanlage ausgeführt werden können. Eine Kalkulation der Betriebskosten hat ergeben, – wie sich dies übrigens bei allen Anlagen, die viel Wasser brauchen, bei den exorbitanten Preisen der städtischen Wasserleitung herausstellt –, dass die Anlage einer eigenen Wasserhebung sehr erheblich billiger, noch vorteilhafter jedoch die Anwendung des Dampfes ist.

Die Ausführung des gewählten direkten Dampfbetriebs ist in folgender Weise angeordnet:

Einem in der Mitte der gesamten Anlage vor dem Treppenturm in einem besonderen Kesselhaus liegenden Dampfkessel von ca. 40 m² Heizfläche wird der Dampf entnommen und durch Rohrleitungen, die teils in Kanälen unter dem Pflaster, teils unter der Decke des Kellers geführt sind, bis nach der Decke des dritten Bodens zu den dort aufgestellten Maschinen geleitet.

Victoria-Speicher zu Berlin

Die Speicher I und V sowie die Speicher-Komplexe II, III u. IV haben getrennte Leitungen, jede Abzweigung auf den Böden, sowohl in den Hauptleitungen wie in den Neben-Leitungen hat Absperr-Ventile, so dass stets nur diejenige Leitung mit Dampf gefüllt ist, deren zugehörige Maschine arbeiten soll. Die Rohrleitung ist durch Leroysche Masse gegen Abkühlung geschützt und es hat diese Verkleidung bisher recht gut funktioniert.

Die Feuergase des Dampfkessels sind in einem unterirdischen Kanal nach dem Treppenturm geführt und durch ein schmiedeeisernes Schornsteinrohr im Innern der gemauerten Treppenspindel nach oben geleitet.

Die hohle Treppenspindel ist als Ventilationsschacht für die Böden des Speichers III benutzt und mit diesem durch horizontale Kanäle im Podest der Treppe verbunden. Der abgesaugte Staub sammelt sich in der obersten Etage des Treppenturms. Der schmiedeeiserne Schornstein von 0,8 m Durchmesser bewirkt eine lebhafte Ventilation, die den Speicherböden den für Getreidelagerung erwünschten starken Luftwechsel bringt.

Victoria-Speicher, QuerschnittQuerschnitt eines Speichers an der Wasserseite.
a. Fahrzeug. | b. Elevator. | c. Elevatorwinde | d. Exbaustor | e. Dampfwinde. | f. Waage. | g. Trumpf. | h. Fahrstuhl.

Auf den vierten Böden der Speicher I, II, IV und V stehen je zwei Dampfwinden liegender Konstruktion (s. Abb. unten) mit Keilradbetrieb und je zwei Dampfzylinder von 170 mm Durchmesser. Die Maschinen machen 75 Touren pro Minute, sind mit Regulator und Drosselventil versehen und produzieren bei 5 Atm. Dampfdruck ca. 10 PS effektiv.

Die Trommelwelle der Winde trägt eine Drahtseil-Trommel von 0,6 m Durchmesser, von welcher ein 11 mm starkes Gussstahl-Drahtseil über 2 Leitrollen nach den Auslegern über den Windeluken der Speicher geführt ist. Das Seil steigt mit einer Geschwindigkeit von 0,65 m/Sek.

Die Trommelwelle der Winde liegt in exzentrischen Lagern und es wird durch einen an dieselbe angeschlossenen Hebel das Aus-und Einrücken des Vorgelegekeilrads in das Betriebskeilrad auf der Dampfmaschinenwelle bewirkt, und zwar derart, dass bei geringem Anheben das Keilrad den am Maschinengestell befestigten Bremsklotz verlässt, die Last am Drahtseil also frei wird und sinkt, bei stärkerem Anheben aber das Vorlegerad in das Betriebsrad eingreift, dadurch angetrieben wird, und so die Last zum Steigen bringt. Mit diesem Hebel ist die Schieberstange zum Dampfeinlassventil gekuppelt. Bei geringem Anheben, wenn die Last also fällt, gibt der Schieber keinen Dampf nach den Maschinen, bei stärkerem Anheben öffnet er und die Maschinen setzen sich stets so rechtzeitig in Gang, dass das Vorlegerad immer nur in die laufende, niemals aber in die stehende Maschine eingreift.

Um den Betrieb der Winde von der Luke jedes der vier Böden und Parterre des Speichers aus bewirken zu können, ist ein mit dem oben beschriebenen Einrückhebel verbundenes Seil seitwärts von der Luke im Bodenraum hinabgeführt. Der die Winde bedienende Arbeiter hält mit der linken Hand das Seil, zieht an, setzt dadurch die Maschine in Gang, hebt die Last auf die gewünschte Höhe und schwenkt sie mit der rechten Hand in den Bodenraum. Sowie der Arbeiter das Seil loslässt, fällt das Keilrad in die Bremse und die Last steht still. Jede Winde kann bei genügend gewandter Bedienung 15 – 20 t Getreide pro Stunde in Säcken heben, wobei vier Sack à 100 kg gleichzeitig angeschlagen werden. Die Maximal-Nutzlast der Winde ist 600 kg. Um aber aus dem Keller schwere Fässer bis 1200 kg Gewicht heben zu können, ist über der Kellerluke eine lose Rolle mit Kette, deren eines Ende in einem Kloben an der Wand, das andere Ende in dem Haken des Drahtseils angeschlagen ist, angebracht. Von diesen Winden bzw. Maschinen sind in den vier Speichern je zwei, im ganzen also acht Stück vorhanden. In den Speichern I u. V ist ein besonderes Drahtseil nach der Wasserseite zu gelegt, welches in die zunächst stehende Winde angeschlagen wird, falls vom Wasser gewunden werden soll. Die acht Winden bedienen die Windeluken der Landseite der Speicher I, II, IV u. V.

Victoria-Speicher, DampfwindeDampfwinde.

Zum Entleeren der mit Getreide beladenen Flussfahrzeuge sind an der Wasserseite der Speicher II, III u. IV drei Außen-Elevatoren angebracht, von denen jeder seine eigene Betriebsmaschine hat, so dass sie unabhängig arbeiten. Die Elevatoren mit eisernem Gehäuse sind oben am Kopf durch eine Kette mit loser Rolle am Auslager aufgehängt und können durch die im Speicher auf dem 1. Boden stehende Winde gehoben und gesenkt werden. Eine Lenkstange, deren Drehpunkt in der Lagerung der Vorgelegewelle liegt, hält den Elevatorkopf immer in gleicher Entfernung von der Vorgelegewelle, so dass durch das Heben und Senken die Länge des Betriebsriemens nicht geändert wird. Oben fällt das Getreide durch eine bewegliche Rinne in einen Trumpf innen im Speicher. Unter dem Trumpf stehen zwei Dezimal-Brückenwaagen mit Kasten, von denen jeder 500 kg Getreide fasst. Von dem Trumpf läuft das Getreide durch ein Hosenrohr mit Drehklappe, je nach Stellung der letzteren, in einen oder den anderen Wägekasten. Ist derselbe gefüllt, so schlägt der Wägemeister die Drehklappe um, tariert den Kasten durch Zuschütten oder Abnehmen von Getreide genau aus, zieht das seitwärts am Kasten befindliche Schoss und es läuft dann das Getreide in einen Trumpf, nach dem nächst darunter liegenden Boden. Inzwischen hat. sich der Kasten der anderen Waage wieder gefüllt und das Spiel beginnt von neuem. Der Hebel des Schosses am Auslauf des Wägekastens ist mit einem Zählwerk verbunden, welches genau jedes Öffnen des Schosses angibt, also zur Kontrolle der Anzahl der Wägungen dient. Die Böden der Wägekasten liegen geneigt und sind mit Zinkblech beschlagen, damit die Kasten leicht und schnell ablaufen. Von dem unter den Waagen befindlichen Trumpf läuft das Getreide in Säcke, die mittels zweier Fahrstühle bei jedem Elevator auf den Boden gehoben werden, der zur Lagerung des Getreides bestimmt ist. Vom Fahrstuhl werden die Säcke durch Leute abgetragen und ausgeschüttet.

Victoria-Speicher, DampfwindeDampfwinde.

Die beiden Fahrstühle laufen in einem gemauerten Schacht vom Keller bis zum vierten Boden. Jeder Fahrstuhl hat seine eigene Winde, die in ihrer Konstruktion den oben beschriebenen ganz gleich ist und welche gemeinschaftlich von derselben Maschine – der Betriebsmaschine der Eleva­toren – betrieben werden. Das Handseil zum Betrieb der Winden bzw. Fahrstühle liegt außerhalb des Schachtes durch sämmtliche Böden, so dass die Fahrstühle von jedem Boden dirigiert werden können.

Die Einfuhröffnungen zu den Fahrstühlen sind mit eisernen Klappen geschlossen. Jeder Fahrstuhl ist mit einer Fangvorrichtung versehen, die bei einem Bruch des Drahtseils in die Leitrinne einspringt und das Herabstürzen des Fahrstuhls verhindert. Über den Waagen liegt ein Exhaustor von 70 cm Flügeldurchmesser, der den Staub aufsaugt und nach außen wirft. Jeder der Elevatoren hebt pro Stunde 15 t Getreide.

Die gesamte Maschinenkraft im Speicher repräsentiert ca. 110 PS als Leistung von elf Dampfmaschinen, deren Maximalleistung pro Stunde den Speichern 185 t Getreide zuführen würde.

Am Kai zwischen Speicher I u. II ist ein Handkran von 1500 kg Tragfähigkeit, zwischen Speicher IV u. V ein Dampfkran von gleicher Tragfähigkeit aufgestellt. Die Kräne sind nach dem Fairbairn-System konstruiert. Der Dampfkran erhält den Dampf vom Kessel aus durch eine Zweigleitung vom Hauptrohrstrang nach Speicher V.

Die gesamte Maschinen-Anlage ist von den Ingenieuren Hennicke & Goos in Hamburg projektiert und geliefert.

• Hennicke & v. d. Hude.

• Auf epilog.de am 19. Juni 2022 veröffentlicht