Berlin

Berliner Neubauten

Der Umbau der Jerusalem-Kirche

Deutsche Bauzeitung • 15.5.1880

Jerusalem-Kirche in BerlinAbb. 1. Die Jerusalem-Kirche in Berlin.

Eine der undankbarsten und schwierigsten Aufgaben, die dem Architekten gestellt werden können, ist der Umbau eines an sich unschönen und zugleich nach zeitigen Begriffen unpraktischen Bauwerks, zumal wenn ihm hierbei neben der engen Begrenzung der Mittel, die zur größtmöglichen Benutzung des Vorhandenen zwingt, noch diejenigen Hindernisse entgegen stehen, welche aus der Mitwirkung verschiedener Faktoren bei Entscheidung der zu lösenden Fragen zu entspringen pflegen.

Der Verfasser glaubt dies als eine Entschuldigung für die ihm wohl bewussten Mängel vorausschicken zu müssen, welche seinem hier zu besprechenden Werk anhaften. Alle jene ungünstigen Umstände waren hier in besonders hohem Grad vorhanden und man darf an das, was unter ihrem Einfluss entstanden ist, nicht denselben kritischen Maßstab anlegen, der einem Neubau gegenüber am Platze ist.

Die Berliner Jerusalem-Kirche, welche – in der Längsachse nahezu nach Süd-Nord orientiert – bekanntlich auf einem von der Kl. Kochstraße, der Jerusalem-Straße und der Linden-Straße [heute: Rudi-Duschke-Str.] begrenzten dreieckigen kleinen Platz von etwa 3500 m² errichtet ist, hat bereits eine verhältnismäßig lange Geschichte. Sie entstand aus einer im Jahr 1484 von einem Berliner ›patricius‹ Namens Müller zum Andenken an seine Wallfahrt nach dem gelobten Land und seine Errettung aus den Händen der Sarazenen gegründeten Kapelle, »außerhalb Kölln vor dem Leipziger Tor, und zwar am Weg nach Tempelhof.«*)*) Beim Fundamentieren der Säulen für die an der Turmseite vorgelegte neue Orgelempore wurde in einer Tiefe von 2,5 m altes Mauerwerk gefunden, das unzweifelhaft dem Kapellenbau des 15. Jahrhunderts angehört.

Das lebhafte Anwachsen der Stadt im Ausgang des 17. Jahrhunderts führte zu einer Erweiterung dieses mittelalterlichen Baus, die 1689 durch Simonetti ausgeführt wurde. Als jedoch demnächst König Friedrich Wilhelm I. den südlichen Teil der Friedrichstadt anlegte, genügte auch dieses Kirchen-Gebäude nicht mehr und es wurde anstelle desselben ein vollständiger Neubau nach den Plänen des Ober-Baudirektors Gerlach ins Werk gesetzt. Das erforderliche Baumaterial schenkte der König; zur Beschaffung weiterer Geldmittel wurde am 1. November 1725 eine Landeskollekte ausgeschrieben und am 27. November 1725 fand die feierliche Verlegung des Grundsteins statt. Der Bau wurde, wohl mit Rücksicht auf die Wünsche des ungeduldigen Monarchen, sehr eilig betrieben. Bereits zu Pfingsten 1728 konnte die Einweihung der Kirche stattfinden, deren innerer Ausbau freilich noch zu wünschen übrig ließ und deren Turm erst 3 Jahre später zur Vollendung gelangte.

Über den ästhetischen Wert dieses Werks von Gerlach, bei welchem der Einfluss alt-preußischer Sparsamkeit besonders unheilvoll sich geltend machte, ist bereits in Berlin und seine Bauten ein hartes, aber gerechtes Urteil gefällt worden. Zu diesen künstlerischen Mängeln gesellten sich jedoch, wie bei den meisten öffentlichen Bauten Berlins aus derselben Periode, nicht minder schwerwiegende technische Gebrechen, die ihren Grund vermutlich in jener Hast der Ausführung hatten und eben sowohl durch fehlerhafte Konstruktion wie durch sorglose Verwendung schlechter Baumaterialien veranlasst wurden.

Zunächst machten sich diese Gebrechen an dem hölzernen Turmaufsatz geltend, der bereits 1747 – also nach nur 16-jährigem Bestand – in einen solchen Zustand des Verfalls geraten war, dass sein Abbruch erfolgen musste. Verschiedene damals von Dietrichs und Feldmann aufgestellte Restaurations-Pläne blieben aus Mangel an Mitteln unausgeführt und der Turm musste sich durch fast ein Jahrhundert mit einem stumpfen Notdach begnügen, bis er im Jahr 1838 die in ihrem konstruktiven Kern noch jetzt erhaltene, von Schinkel entworfene Helmspitze erhielt.

Weniger schnell äußerten sich infolge der kolossalen Mauer- und Holzmassen des Gebäudes die übrigen Schäden desselben. Abgesehen von der beständigen Reparatur-Bedürftigkeit des Abputzes traten im Mauerwerk der Kirche besonders zwei Übelstände auf. Die im Flachbogen gewölbten, nur ein Stein starken, jedoch nicht nur durch gewaltige Mauermassen, sondern zum Teil auch noch durch die Emporen-Balken belasteten Fensterbögen waren fast sämtlich geborsten und das massive Hauptgesims war durch die Aufschieblinge des Dachs so beschädigt, dass ein Herabfallen desselben befürchtet werden musste. Schlimmer stand es mit dem Holzwerk der Kirche, deren Fußboden direkt auf einer Erdausfüllung gebettet war, die man aus dem seit mehr als 100 Jahren als Kirchhof benutzten Bauterrain entnommen hatte. Trotz unaufhörlicher Reparaturen griffen Schwamm und Wurm immer weiter um sich, bis schließlich, 160 Jahre nach Errichtung des Gebäudes, eine fast völlige Zerstörung der hölzernen Bauteile eingetreten war und der Schluss des Gotteshauses behufs Ausführung einer durchgreifenden Reparatur, die sich weiterhin zu einem vollständigen Umbau gestaltet hat, erfolgen musste.

Die Vornahme einer solchen Haupt-Reparatur wurde von den Gemeinden im Jahr 1875 beschlossen. Von den fünf verschiedenen Entwürfen, die zu diesem Zweck aufgestellt worden waren, erlangte endlich im April 1878 das demnächst ausgeführte Projekt die Genehmigung Sr. Majestät des Kaisers und der zuständigen Behörden. Im Mai 1878 begann der Abbruch des alten Dachwerks; am 26. Oktober desselben Jahres wurde der Neubau gerichtet und gleichzeitig der neue Turmknopf aufgebracht. Im Mai 1879 war das Äußere nahezu verblendet und das Innere so weit von Rüstungen frei, dass die Gemeinde-Vertretung in einer an Ort und Stelle abgehaltenen Versammlung über die Stellung von Altar und Kanzel endgültig sich entscheiden konnte. Am 1. Advent-Sonntag 1879 – also nach einer Bauzeit von nur 1½ Jahren – fand die feierliche Einweihung der völlig fertiggestellten Kirche statt.

Turm der Jerusalem-KircheAbb. 2. V.l.n.r.: Turm 1878, 1731–47, 1838–78.

Bei einer Beschreibung bzw. Erläuterung des Umbaus mag zunächst die Gestaltung der Kirche im Äußeren, welche in einem solchen Falle selbstständiger als bei einem Neubau sich stellt, behandelt werden. Die in Abb. 2 gezeigte geometrische Ansicht des alten Entwurfs von Gerlach, neben der die seither zur Ausführung gelangten Turmhelme dargestellt sind, sowie eine perspektivische Ansicht des Gebäudes in seiner gegenwärtigen Erscheinung gewähren ein genügend deutliches Bild von der Änderung, welche die Kirche äußerlich erfahren hat.

Da das alte Mauerwerk in seinem Kern erhalten werden sollte, so erstreckt sich diese Änderung allerdings weniger auf die Massen-Disposition, als auf die Durchbildung der Fassaden im Einzelnen, die insofern völlig neu gestaltet werden musste, als man sich – im Sinne der Anforderungen, welche heute an ein monumentales Gebäude gestellt werden – für eine Ausführung der Fassaden in echtem Material entschied, und statt des früheren Verputzes eine Verkleidung von (hellroten) Blendziegeln bzw. Terrakotten in Anwendung brachte, welche selbstverständlich die Wahl anderer Architekturformen bedingte.

Die Letztere war keine leichte, da unter den vorliegenden Verhältnissen, welche eine Entwickelung des Baus von innen heraus ausschloss, die strenge Durchführung eines historischen Stilcharakters wohl als nahezu unmöglich anzusehen war. Der Verfasser hat auf eine solche verzichtet und glaubte keine naturgemäßere Losung finden zu können, als dass er den lokalen Traditionen folgend, im Allgemeinen die Formen oberitalienischer Backsteinbauten, sowie die in Berlin ausgeführten Kirchenbauten Stülers. Sollers und Orths sich zum Vorbild nahm. Die flachbogigen Fensterwölbungen des alten Baus, welche, wie oben erwähnt, schon aus konstruktiven Gründen einer Erneuerung bedurften, sind dem entsprechend zum Teil durch Rundbögen ersetzt worden. Um die einförmigen Massen des Kirchenkörpers etwas zu beleben, sollten die Ecken der Kirche sowie des Turmbaus als hauptsächlich stützende Teile durch vorgelegte mit baldachinartigen Bekrönungen versehene Pfeiler verstärkt werden – eine Anordnung, welche verworfen wurde, weil sie dem Revisor ästhetisch nicht gerechtfertigt und zu kostspielig erschien. Der Verfasser hat sich infolgedessen mit schwerem Herzen zu einer Lösung bequemen müssen, bei welcher die Fassaden eine kräftige Schattenwirkung und das nötige Relief leider zu sehr vermissen lassen.

In Bezug auf die Verwendung der Terrakotten, welche ähnlich dem Werkstein behandelt und versetzt sind, hat auch der Verfasser auf den Standpunkt sich gestellt, den die Architekten der einheimischen Schule bisher fast durchgängig festgehalten haben. Bei einem modernen Bau glaubte derselbe mit einem gewissen Recht die Errungenschaften der Technik in Bezug auf Terrakotten-Fabrikation sich zu Nutzen machen zu dürfen, ohne sklavisch an die in älteren Bauten festgehaltenen Grenzen sich zu binden. Jedenfalls wird, abgesehen von Form und Farbe, die Verwendung eines Materials dann als richtig erscheinen, wenn es dem praktischen Bedürfnis genügt, und diese Bedingung ist im vorliegenden Fall bei der vorzüglichen Ausführung der Terrakotten durch die Firma Hersel in Ullersdorf hoffentlich erreicht worden. Steile Abwässerungen und kräftige Unterschneidungen der deckenden Glieder ließen selbst die Abdeckung der Gesimse durch Zink unnötig erscheinen. Ob mit Recht, muss die Erfahrung lehren; wenigstens wurde bei Ausführung der Terrakotten sowohl, wie bei der Arbeit des Versetzens selbst keine Vorsichtsmaßregel versäumt, um den Witterungs-Einflüssen so weit als möglich Widerstand bieten zu können.

Die am weitesten gehenden Änderungen hat die Turmfassade erfahren. Die schwere Masse des 73,54 m über Terrain hohen Turmes, der im Verhältnis zur Kirche etwas zu mächtig ist, wurde durch Einbrechen der großen Schallöffnungen erleichtert. Vier kleine Flankentürme vermitteln den Übergang aus dem Viereck des Unterbaues in das Achteck des Helms; dieselben sollten ursprünglich in der Diagonale des Grundrisses eine geringe Neigung nach innen erhalten. Diese Anordnung wurde jedoch bei der Ausführung – und nach dem Ermessen des Verfassers nicht zum Vorteil – wieder aufgegeben. Zu einer probeweisen Ausführung derselben im Modell, wie sie bei den neueren Staatsbauten Berlins selbst für sehr gewöhnliche Motive regelmäßig stattzufinden pflegt, fehlten leider die Mittel.

Vier größere Flankentürme, welche die beiden Eckpfeiler des breiteren Turm-Unterbaues bekrönen, stellen den Übergang zwischen diesem und dem starr aufsteigenden Turmkörper her. In den Nischen dieser Türme sollen später Figuren (evt. Statuen solcher Männer, welche sich um Kirche und kirchliches Leben verdient gemacht haben) ihren Platz finden; vorläufig ist ihre Ausführung ebenso vertagt worden, wie diejenige der Figuren-Gruppen auf den Eckpfeilern der Kreuzflügel und den Vorlagen der Turmfront.

Der Turmhelm, dessen Verschalung zum Teil erneuert werden musste, hat in der Hauptsache die ihm von Schinkel gegebene Form bewahrt, jedoch  eine neue Bekrönung erhalten und ist mit einer neuen Eindeckung aus englischem Schablonen-Schiefer durch den Dachdecker-Meister Händly versehen worden; die Grate wurden durch profilierte Zinkrippen ausgebildet. Die Ausführung des Blitzableiters wurde der bewährten Firma Xaver Kirchhoff übertragen.

Bei früheren Untersuchungen hatte sich gefunden, dass der Turmhelm jeder Ventilation entbehrte und dass demzufolge bereits Spuren von Stock und Schwammbildung sich zeigten. Um fortan einen möglichst lebhaften Luftwechsel herbeizuführen, wurden in den beiden Gurtungen des Turmhelmes je acht vor dem Eindringen der Vögel durch Drahtgeflecht gesicherte Öffnungen, die unteren von 0,93 m, die oberen von 0,54 m m. D. angebracht; dieselben sind mit Blechkästen versehen, welche ein Einregnen und Einschneien verhindern und doch dem Luftzug freien Zuzug gestatten. Durch den in horizontaler Richtung durch den Turm streichenden scharfen Luftzug soll zu gleicher Zeit ein Ansaugen und dadurch eine Erneuerung der unteren Luftschichten bewirkt werden – eine Annahme, der die bis jetzt gemachten Beobachtungen nicht widersprechen.

Jerusalem-Kirche in BerlinAbb. 3. Durchschnitt in der Achse des Querschiffs. Links mit der Ansicht nach dem Chor, rechts mit der Ansicht nach der Orgelempore.

Eine ähnliche Anordnung wurde, wie hier eingeschaltet werden mag, zur Ventilation des Dachraums der Kirche gewählt, welche allerdings in wirksamster Weise durch die über dem Kronleuchter befindliche 1,5 m im Durchmesser haltende durchbrochene Decken-Rosette (Korb) und den darüber befindlichen Schlot zum Dachreiter mit seinem Deflektor unterstützt wird.

Sowohl im neuen Dachwerk wie auch zum Teil im Turm ist sämtliches Holzwerk einschließlich der Balkenköpfe und Mauerlatten freigelegt, d. h. unvermauert und unbedeckt geblieben, damit Luft und Licht freien Zutritt haben und jede Veränderung an denselben sofort gesehen werden muss. Sämtliche Auflager- und Hirnflächen des Holzes, sowie das Mauerwerk, so weit dasselbe mit Holz in Berührung kommt, sind überdies mit heißem karbolsäurehaltigem Chlorzink wiederholt getränkt worden.

In Bezug auf das Äußere der Kirche erheischt lediglich noch der über der Vierung aufgeführte, aus Eisen und Zink konstruierte Dachreiter eine besondere Erwähnung. Die vorgesetzten Behörden haben denselben erst nach längerem Widerstand genehmigt und es soll nicht geleugnet werden, dass die Wirkung eines solchen auf der Kreuzung zweier mit Walmen abgeschlossenen flachen Dächer errichteten Aufbaues nicht so günstig ist, als wenn derselbe aus steileren, mit Giebeln abgeschlossenen Dächern empor wächst. Seine Bedeutung liegt aber im vorliegenden Fall darin, dass die Achsen der ca. 800 m langen Kochstraße und der ca. 2100 m langen Oranienstraße genau auf der Vierung der Kirche sich schneiden und dass somit der mit der Spitze bis zu 38,84 m ansteigende Dachreiter nicht nur jenen Straßen ein erwünschtes Point de vue gibt, sondern auch die Stellung, der im übrigen jeder Achsen-Beziehung entbehrenden Kirche auf weitere Entfernung hin bezeichnet.

Jerusalem-Kirche in BerlinAbb. 4. Grundriss. Oben über den Emporen, unten zu ebener Erde.

Die in der Perspektive dargestellte segnende Engelfigur in dem baldachinartigen Unterbau des Dachreiters, welche seiner Erscheinung etwas mehr Körper verleihen soll, ist zur Zeit leider noch ebenso frommer Wunsch, wie der anderweite Figurenschmuck des Aeufseren, der oben erwähnt wurde.

Der nach der Form eines griechischen Kreuzes gestaltete Grundriss der Kirche war im Allgemeinen durch die alten Umfassungsmauern gegeben, jedoch musste die innere Einteilung und Anordnung des Gebäudes wesentlich verändert werden.

Nach den Plänen von Gerlach standen Kanzel und Altar an der Südseite des Vierungs-Quadrates, also mit dem Rücken gegen das Hauptportal gekehrt, welches demzufolge nur als Eingang für die Sakristei und die Orgel-Empore benutzt wurde. Als letztere diente das obere Geschoss des Südarms, der, wie der Nordarm des Kreuzschiffes, doppelte Emporen enthielt, während im Ost- und Westarm nur je eine Empore, mit der Königs- und der Magistrats-Loge, angelegt war. Treppen und Windfänge, sowie Sakristei und Kirchendiener-Kammer, die in ungeschickter Weise in den Kirchenraum eingebaut waren, störten nicht nur den Eindruck desselben, sondern nahmen auch einen großen Teil des für Kirchgänger am besten nutzbaren Platzes in Anspruch.

Nach der neuen Anordnung ist der durch den Turmbau bezeichnete Haupteingang in sein Recht gesetzt, der Altar mit der Kanzel dagegen in dem ihm gegenüberliegenden Nordarm des Kreuzes aufgestellt worden, der durch eingezogene Wände die Form eines mit 5 Seiten eines Zehnecks geschlossenen Chors erhalten hat und um 0,45 m über dem Kirchenboden erhöht worden ist. Die durch die Chorwände abgeschlossenen Zwickel dienen als Vorräume für Sakristei und Kirchendiener-Zimmer, die in den einspringenden Ecken des Kreuzes kapellenartig eingebaut sind und durch einen pneumatischen Telegrafen miteinander in Verbindung stehen.

Kanzel und Altar der Jerusalem-KircheAbb. 5. Kanzel und Altar.

Kanzel und Altar sind, wie die beigefügten Skizzen Abb. 5 u. 6 darstellen, derart kombiniert, dass erstere in der Achse der Kirche über der Rückwand des Altartisches sich erhebt – eine auf ausdrücklichen Beschluss der Gemeinde gewählte Anordnung, deren praktische und ästhetische Vorzüge offen zutage liegen und die zu den Zeiten Friedrich Wilhelms I. eine fast allgemein übliche war, während sie jetzt – hauptsächlich wohl, weil sie ungewöhnlich geworden ist – dem religiösen Gefühl mancher Kirchgänger einigen Anstoß erregt.

Als Material zu dem von der Steinmetz-Firma Wimmel & Co. in musterhafter Weise ausgeführten Werk wurde französischer Kalkstein gewählt; Treppen und tragende Teile sind aus Morley-Sandstein gefertigt. Der mit 2 Brüstungen zur Verabreichung des Abendmahls versehene Altar misst in der Tischplatte 1,40 m zu 2,96 m, am Fuß inkl. Podest 2,40 m zu 2,98 m; die Brüstung der Kanzel liegt auf 3,90 m Höhe.

Bei der vorzüglichen Akustik der Kirche, die durch Anwendung von starkem Relief in den Emporen-Brüstungen, den tiefen Fensterlaibungen etc. nach Möglichkeit unterstützt wurde, die der Architekt sich jedoch als ein Verdienst nicht anrechnen will, da eine Holzdecke und hölzerne Emporeneinbauten sich bekanntlich stets akustisch besonders günstig erweisen, hat die Anbringung eines Schalldeckels entbehrt werden können.

Kanzel und Altar der Jerusalem-KircheAbb. 6. Kanzel und Altar.

Vor dem Altarraum ist noch ein größerer Platz von 5,25 m zu 15,58 m freigelassen, in dessen Mitte der alte, recht unschöne, Taufstein seine Aufstellung gefunden hat. Angenommen war, dass dieser Platz für die kirchliche Vertretung der Gemeinde reserviert bleiben und wie der große Chorraum bei feierlichen Gelegenheiten – Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen – von den zunächst beteiligten Personen benutzt werden soll. Bei der Einweihung fanden hier 150 Personen bequeme Sitzplätze. Für kleinere Hochzeiten und Taufen ist in der Sakristei ein besonderer Altar in einer kuppelartig überwölbten Nische eingerichtet.

Vom Haupteingange aus betritt man zunächst ein mit einem kuppelartigen Kreuzgewölbe überdecktes Vestibül, zu dessen Seite rechts einen Warteraum für Trau- und Taufzeugen, links der Aufgang zur Orgelempore angebracht sind. In das Gewölbe des Vestibüls ist ein durch einen gemalten Deckel geschlossener Kranz, zum Aufziehen von Glocken etc. eingewölbt. Die im Entwurf vorgesehene Anlage eines Sitzungssaals für die Gemeinde-Vertretung im zweiten Geschoss des Turms ist vorläufig noch nicht zur Ausführung gelangt. Für die allmonatlich stattfindenden Sitzungen des Gemeinde-Kirchenrats wird der untere Warteraum bzw. die Sakristei benutzt.

Die neu angelegten Emporen des Querschiffs sind durch massive Treppen an der nördlichen für Sitzplätze nicht nutzbaren Seite desselben zugänglich gemacht, deren Antritt dem Ausgang und den hinter den Seitenportalen angeordneten Windfängen gegenüberliegt. Die Emporen ruhen auf massiven Gurten, welche an der Vierung durch je zwei achteckige Pfeiler aus Elzer Sandstein von 0,67 m im Durchmesser getragen werden; Letztere bieten zugleich die Stützpunkte für die darüber stehenden vier großen gusseisernen Säulen, welche die zwei von der Firma Belter & Sehneevogl ausgeführten Eisenbinder mit dem Dachreiter aufnehmen. Diese Säulen, 8,615 m hoch, sind in einem Stück in der Märkisch-Schlesischen Maschinenbau- und Hütten-Aktien-Gesellschaft gegossen; um exzentrische Belastungen zu vermeiden, ruhen sie auf Kugel-Scharnieren. Säulen und Steinpfeiler sind einer Druckprobe unterworfen worden, und zwar die Eisensäule bis auf 64 200 kg, die Steinpfeiler bis auf 106 000 kg, während die rechnungsmäßig festgestellten Belastungen 43 000 kg und rot, 65 000 kg betragen.

An der Orgel-Empore des Südarmes sind statt der Steinpfeiler gusseiserne Säulen als Stützen der Gurte verwendet.

Die Orgel, ein von allen Sachverständigen hoch gerühmtes Werk des bekannten Orgelbauers Sauer zu Frankfurt a. O. hat ihre Stellung in einer Nische von 7,13 m zu 1,56 m Größe gefunden, die aus dem alten Mauerwerk der Kirche ausgebrochen und durch einen Bogen mit einem Petruskopf als Schlussstein überwölbt worden ist. Ihr aus kiefernem Holz gefertigtes Gehäuse ist holzartig mit Intarsien gemalt worden — die einzige Stelle im ganzen Bau, wo das verwendete Material leider nicht in seiner vollen Eigenart zur Anschauung kommen konnte, wie dies sonst bei sämtlichen Tischlerarbeiten, Bänken, Türen und Decken der Fall ist.

Die Decken sind durchweg in sichtbar gehaltenen Holzkonstruktionen hergestellt. Die Balkenhölzer wurden ausgespänt, verkittet und sind mit Ölfarbe gestrichen; die Decken aus astfreien gehobelten und gestäbten Brettern wurden mit heißem Leinölfirniss überstrichen, mit farbigen Linien abgesetzt und an den entsprechenden Stellen mit intarsienartigen Ornamenten geschmückt. Die Hängebolzen und die eisernen Träger sind mit einfach getriebenen Zinkleisten, die bei ersteren zum Teil vergoldet wurden, bekleidet. Die Balken bzw. Sparren des Chors laufen am Mittelträger des Hauptschiffs in einem großen Knauf mit der Inschrift »Christi Friede« zusammen.

Es mag hier noch eine bei Konstruktion der Kirchendecke getroffene praktische Anordnung erwähnt werden. Die Decke ist, im Anschluss an Architektur und Dekoration an zahlreichen Stellen durchbohrt, so dass sich für jeden Punkt derselben mittels herabgelassener Seile sehr leicht eine fliegende Rüstung anbringen lässt. Die Bohrlöcher sind mit einer Einfassung aus getriebenem Zink umrahmt und können durch zapfenartig ausgebildete dekorativ wirkende Holzknöpfe geschlossen werden. Sowohl beim Niederlegen der Rüstungen als auch bei der Ausführung der Malerarbeiten beim Aufstellen der Orgel und Kanzel hat diese Einrichtung bedeutende Kostenersparnisse herbeigeführt, und auch bei einigen nachträglichen Ausbesserungen hat sie bereits ausgezeichnete Dienste geleistet.

Besondere Sorgfalt wurde auch auf die Herstellung der Fußböden verwandt. Obwohl ein großer Teil der früheren Ausfüllung der Kirche rund 0,50 m tief ausgehoben und abgefahren wurde, so war es doch nicht möglich eine Garantie dafür zu übernehmen, dass nicht dennoch der von Leichenresten und Schwamm vollständig infizierte Boden die Neubildung von Schwamm hervor rufen könnte, wenn nicht ein vollständiger Abschluss des Unterfüllungs-Grundes von den oberen Bauteilen erfolgte. Zu diesem Zwecke wurde der gesamte Kirchen-Fußboden, selbstverständlich auch unter den Sitzen, mit einer 10 cm starken, nach oben sauber abgestampften und abgeglichenen Betonschicht bedeckt, auf welche dann für die Gänge die Pflasterung mit Sinziger Platten, für Chor und Vestibül eine Herstellung des Fußbodens in Terrazzo erfolgte.

In den kapellenartigen Anbauten und den dazu gehörigen Vorräumen ist ein eichener bzw. kieferner Stab-Fußboden in einer auf Unterpflaster aufgebrachten Asphaltschicht verlegt worden. Die Stäbe, 34 cm lang, 10 cm breit und 2 cm stark, sind mit einem schwalbenschwanzförmigen Falz versehen, in welchen sich der heiße Asphalt eindrückt. Dieser von der Firma F. W. Schramm ausgeführte Fußboden, welcher einen ganzen Winter hindurch den Einflüssen der Witterung ausgesetzt war, hat sich vorzüglich bewährt. Die Kosten desselben stellen sich pro m² incl. Asphaltbettung und Verlegen bei eichenen Stäben auf 10,50 M, bei kiefernen Stäben auf 8,50 M, während der von Odorico in Frankfurt a. M. ausgeführte Terrazzo-Fußboden incl. einfacher farbiger Borde und einer Betonschicht von 8 – 10 cm Stärke 9,00 M pro m² kostet. In der Glockenstube des Turms, deren neue große Schallöffnungen nicht geschlossen werden sollen, ist auf der Balkenlage ein wasserdichter mit Abwässerung versehener Fußboden hergestellt worden, indem der Bohlenbelag zunächst mit Asphalt-Isolierplatten bedeckt, auf diesen ein in die Mauer eingefalztes Pflaster verlegt und letzteres mit einer Asphalt-Decke versehen wurde.

Glockenstuhl und Glocken konnten beibehalten werden; Letztere erhielten jedoch neue Klöppel und Colliersche Zapfenlager, bei denen die gleitende Reibung durch rollende Reibung ersetzt ist.

Die Fenster der Kirche sind mit einfacher, durch eine farbige Bordüre etwas belebter Bleiverglasung (aus 0,91 m u. 0,89 m gr. Tafeln) versehen, die in die Falz des Terrakotten-Maßwerks sich einspannt. Ein von dem Unterzeichneten entworfenes gemaltes Glasfenster, dessen figürliche Teile (Michael im Kampf mit dem Drachen, ein Friedensengel und ein Christuskopf) von Architekt Grunert gezeichnet sind, ist ein Geschenk des Glasmalers Jessel. Die fünf großen Chorfenster, deren farbigen Schmuck die Gemeinde von der Gnade Sr. Majestät des Kaisers zu erhalten hofft, sind vorläufig mit hellgrauem Stoff bespannt.

Bei Ausstattung des Inneren durch dekorative Malerei ist das der protestantischen Tradition entsprechende Maß nicht überschritten worden. In den durch Teppich-Malerei geschmückten Arkadenfeldern des Chorschlusses sollen zu beiden Seiten der Kanzel zwei von Herrn Ackermann geschenkte Bilder (die Geißelung Christi und der lehrende Christus im Tempel) ihren Platz erhalten.

Heizung der Jerusalem-KircheAbb. 7. Detail der Kanalheizungs-Anlage.

Es bleibt schließlich noch die Heizung und Ventilation der Kirche zu besprechen. Erstere – von der Firma Rietschel & Henneberg zur Ausführung gebracht – ist eine Kanalheizung und besteht aus zwei selbstständigen Systemen, die auf jeder Seite vom Turm bis zum Chor gehen. Die beiden Heizkammern sind unter den Turmanbauten, also unter Warteraum und Treppenhaus, eingerichtet und durch einen Gang, welcher aus den an dieser Stelle durchschnittlich 3,5 m starken Turmfundamenten ausgebrochen werden musste, mit einander verbunden; der 4,3 m zu 3,0 m große Innenraum zwischen den Turmfundamenten dient als Vorratsgelass für Kohlen. Rechteckige gusseiserne Kanäle von 0,30 m zu 0,39 m lichter Weite, mit eisernen Rippen versehen, führen die Verbrennungsprodukte vom Herd der Heizkammern durch einen Fuchs nach den an der kleinen Kochstraße gelegenen 0,42 m weiten, 18,50 m hohen Schornsteinen, die bei strenger Kälte durch ein Lockfeuer angewärmt werden können. Wie die beigefügten Skizzen Abb. 7 erkennen lassen, liegen diese eisernen Kanäle in einem größeren durch Mantelbleche in drei Abteilungen geteilten 1,1 m breiten Kanal, dessen Sohle im Verhältnis von 1 : 50 ansteigt. Die beiden seitlichen Abteilungen sind oben geschlossen und nehmen die kalte Luft entweder durch seitlich angeordnete Zugkanäle auf oder saugen dieselbe unter den nur nach dem Mittelgang hin offenen Podien der Sitzplätze von dort her an. Die durch Öffnungen am Fuß der Trennungsplatten aus der seitlichen in die mittlere Schachtabteilung eintretende Luft erwärmt sich an der Wand des gusseisernen Heizkanals und strömt nun durch die durchbrochenen Abdeckungsgitter dieser Abteilung frei in den Kirchenraum aus.

Dicht hinter dem Heizapparat ruht der eiserne Kanal auf einem durchbrochenen Gewölbe, welch letzteres durch einen Kanal von 1,25 m² im Querschnitt mit der äußeren Luft in Verbindung steht, aber durch eine von oben her stellbare Drosselklappe abgeschlossen werden kann. Die in der Mitte der Kirchendecke über dem Kronenleuchter und unter dem Schacht des mit einem Deflektor versehenen Dachreiters befindlichen Ventilations-Rosette von 1,5 m² lichtem Querschnitt sorgt in Verbindung mit der vorgeschriebenen Einrichtung des Luftzuführungskanals bei starkem Heizen der Kirche für eine rasche und wirksame Lufterneuerung. Während des Gottesdienstes werden für gewöhnlich die Drosselklappen des Zuführungskanales sowohl als der Ventilations-Rosette geschlossen.

Die Heizung hat sich in dem gegenwärtigen ziemlich strengen Winter gut bewährt, da die Temperatur nach dreistündigem Heizen stets auf durchschnittlich + 10° gebracht werden konnte.

Die Raumverhältnisse der Kirche sind folgende: Lichte Weite der Mittel- und Seitenschiffe 15,84 m; Länge der Kreuzarme 7,92 m; Höhe des Mittelschiffs in der Mitte 15,28 m, der Seitenschiffe in den Kreuzarmen 13,73 m. Es stellt sich hiernach der untere Kirchenraum inkl. Chor auf rund 720,00 m²; die Orgel-Empore inkl. Orgel-Nische enthält 136,81 m², die beiden Seiten-Emporen enthalten 250,27 m², so dass der gesamte Emporenraum 387,08 m² beträgt.

Von den Nebenräumen messen das Vestibül und der Vorraum des Haupteinganges 39,62 m² das Wartezimmer 19,75 m², die Treppen-Anlage für Orgel-Empore und Turm 17,80 m², die Kapellenausbauten für Sakristei und Kirchendiener-Zimmer 51,90 m², die Vorflure zu denselben 23,50 m².

Der Hauptmittelgang des Kirchenschiffs ist 2,00 m, die Seitengänge desselben sind 1,50 m, die Hintergänge der Emporen 1,75 m und die Mittelgänge der letzteren 1,25 m breit. Die festen Kirchensitze haben eine lichte Weite von 0,85 m und eine Breite von 0,52 m, die Höhe des Sitzbrettes ist auf 0,465 m, die Rücklehne mit Bücherbrett auf 0,85 m angenommen worden. Die Sitze der Orgel-Empore sind durch eine Vorrichtung zum leichten Wegnehmen eingerichtet.

Kosten der Jerusalem-KircheDie Kosten des Umbaus nach den einzelnen Titeln.

Die Anzahl der festen Plätze im unteren Kirchenraum beträgt 606 Sitze. Hierzu treten an Stühlen für den Gemeinde-Kirchenrat und für die Teilnehmer an besonderen Feierlichkeiten in dem Raum vor Kanzel und Altar und den zwei Logen 116 Sitze; im Chor zur Seite von Altar und Kanzel 80 Sitze; feste Plätze auf den Emporen (Orgel-Empore 138, Seiten-Emporen 334) = 472 Sitze; auf Stühlen und Bänken an den Wandseiten 92 Sitze. Es können demnach im ganzen 1366 Sitzplätze beschafft werden. Die breiten Gänge des Kirchenraumes dürften überdies noch für mindestens 100 Personen Stehplätze gewähren.

Die Kosten des Umbaues sind in nebenstehender Zusammenstellung nach den einzelnen Titeln angegeben. Nach der Berechnung betragen die Gesamtkosten des Umbaues 282 084 M [Entspricht im Jahr 2020 rund 3,2 Mill. €]. Da die bebaute Fläche der Kirche 1118,5 m², die Zahl der Sitzplätze 1366 beträgt, so stellen sich die Kosten pro m² auf 252,20 M, pro Sitzplatz auf 203,60 M.

Schließlich sei mir gestattet der vielfachen Verdienste und des Eifers für Förderung des Baus zu gedenken, welchen die seitens der Gemeinde erwählte Baukommission, die mich bei der Überwindung zahlloser Schwierigkeiten in geschäftlicher Hinsicht stets bereitwillig und tatkräftig unterstützte, an den Tag gelegt hat. In technischer Hinsicht hatte ich an dem Architekten Rink, welcher als Bauführer fungierte, einen treuen und gewissenhaften Mitarbeiter, der unermüdlich seinen oft recht schwierigen Verpflichtungen ob lag.

Neben den bereits genannten Unternehmern habe ich dem Kgl. Hofmaurermstr. R. Braun, dem Rats-Zimmermstr. Schwager, dem Maler Wissel, dem Schlossermstr. Vogel, der Firma Barella für Klempner-Arbeiten, der Firma Schäfer & Hauschner für Ausführung des Dachreiters und der Gasleitungen, endlich der Firma Kreuzberger & Sievers, welche mit großem Fleiß und Geschick die nach speziellen Zeichnungen in poliertem Messing auszuführenden Beleuchtungs-Gegenstände hergestellt hat, meinen Dank auszusprechen. Alle haben gleich mir das Bestreben gehabt ›Gutes‹ zu schaffen. Inwieweit unser Bemühen geglückt ist, müssen wir dem Urteil der Sachverständigen und unserer Mitbürger überlassen.

• Edmund Knoblauch, Baumeister.

• Auf epilog.de am 6. Juni 2022 veröffentlicht