Handel & IndustrieFabrikation

Die Rathenower optische Industrie

Daheim • 20.2.1892

Voraussichtliche Lesezeit rund 11 Minuten.
August DunckerBüste des Pfarrers August Duncker in Rathenow.

In einem evangelischen Pfarrhaus stand die Wiege der heute weltbekannten Rathenower optischen Industrie. Um die Wende des vorigen Jahrhunderts begann der Pfarrer August Duncker, einmal um seinen teilweise in recht dürftigen Verhältnissen lebenden Pfarrkindern einen neuen Industriezweig zu erschließen, sodann aber auch einer angeborenen Neigung zu mechanischen Arbeiten folgend, die ersten Versuche zur Einbürgerung der Brillenschleiferei in der alten, guten, märkischen Stadt Rathenow.

Zu jener Zeit wurden in Deutschland nur in Nürnberg Brillen gefertigt, und diese zählten halb und halb zum Nürnberger Tand. Ohne Beachtung aller Regeln der Optik wurden sie in Schalen gegossen und von Nadlern und Trödlern, natürlich wiederum ohne Beachtung aller wissenschaftlichen Grundsätze, an Kurz- und Fernsichtige verkauft, so dass sie häufig, anstatt der geschwächten Sehkraft zu Hilfe zu kommen, diese noch mehr schwächte. Der Reiche konnte sich seine Brille wohl aus besseren englischen oder niederländischen Fabrikaten auswählen, die in den größeren Städten zu unverhältnismäßig hohen Preisen zu haben waren, der kleine Mann musste sich mit den mangelhaften Erzeugnissen Nürnbergs begnügen. So war es auch nach dieser Richtung hin eine Tat der Menschenliebe, dass der Rathenower Pfarrherr, der durch sich früh entwickelnde Schwerhörigkeit auf ein mehr innerliches Leben hingeführt wurde, zunächst ganz im stillen Versuch zur Herstellung kunstgerechter Gläser machte. Nach zahllosen, missglückten Anläufen gelang es dem Unermüdlichen, eine brauchbare Schleifmaschine zu konstruieren. Die nach seinen Prinzipien gefertigten Gläser sandte er zur Prüfung an die Königliche technische Deputation nach Berlin und hatte die Freude, sie als nach allen Regeln der Dioptrik geschliffen anerkannt zu sehen. Sehr klein und sehr bescheiden waren die Anfänge der noch heute bestehenden Optischen Industrieanstalt, welche Duncker im Jahr 1800 mit Unterstützung des Feldpredigers Wagner eröffnete. Die Dachkammern des alten Pfarrhauses gaben die ersten Arbeiterräume her, und die Militärwaisenkinder der Stadt schliffen unter Aufsicht des Garnisonsküsters die ersten Brillen. Allmählich wandte der Staat dem Unternehmen ein tatkräftigeres Interesse zu, lieh sogar zur Erweiterung der Anlage ein kleines Kapital her, aber der unglückliche Krieg von 1806 brachte den erfreulichen Aufschwung wieder zum fast völligen Stocken. Die Arbeiterzahl sank auf sechs herab und hob sich erst 1815 wieder auf dreißig. Heute leben (die Familienglieder inbegriffen) reichlich fünftausend Menschen in Rathenow von der optischen Industrie.

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