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Neuester Seenotkreuzer der DGzRS in List auf Sylt auf den Namen ›Pidder Lüng‹ getauft

tvi.ticker • 14. Dezember 2013

Voraussichtliche Lesezeit rund 5 Minuten.

Selten haben die Freunde und Förderer der Seenotretter so gespannt auf die Taufe eines neuen Seenotkreuzers geschaut wie dieses Mal: Denn erstmals durften sie über den Namen mitentscheiden. Der jüngste Neubau der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) wurde am 14. Dezember 2013 in List auf Sylt auf den Namen ›Pidder Lüng‹ getauft.

20 Meter lang, nur 1,3 Meter Tiefgang und 22 ‹Knoten schnell – dies sind nur einige markante technische Daten des modernen Spezialschiffs. Zur Taufe im Hafen von List begrüßte die DGzRS zahlreiche Gäste und viele Schaulustige.

Fernanda de Sousa Dibaba, Ehefrau des ehrenamtlichen DGzRS-›Bootschafters‹ Yared Dibaba, taufte den Seenotkreuzer auf den Namen ›Pidder Lüng‹ und wünschte allzeit gute Fahrt und der Besatzung stets eine sichere Heimkehr. Das Arbeitsboot in der typischen Heckwanne wurde von Bärbel Dethlefs, Ehefrau des Lister Vormanns Claus Dethlefs, auf den Namen ›Michel‹ getauft. Für den musikalischen Rahmen sorgte der Sylter Shantychor.

In seinem Grußwort betonte DGzRS-Vorsitzer Gerhard Harder, dass auch die ›Pidder Lüng‹ allein durch Spenden aus der Bevölkerung finanziert wurde – in diesem Fall erstmals durch den ungewöhnlichen Wettbewerb »Reetdach gegen Reeperbahn! Wer spendet mehr: Sylt oder Hamburg?«. Gut 1,4 Millionen Euro gaben ungezählte Förderer der DGzRS aus ganz Deutschland für das moderne Spezialschiff. Sprichwörtlich auf den letzten Metern hatte die Sylter Seite das spannende Rennen am Nikolaustag, mit dem weltweit an den Schutzpatron der Seefahrer erinnert wird, mit knapp 10.000 Euro Vorsprung für sich entschieden. Die Seenotretter danken allen Spendern sehr herzlich.

Damit war die Vorentscheidung über die Namengebung gefallen. Denn seither stand fest, dass der Seenotkreuzer einen Namen mit Bezug zu Sylt und sein Arbeitsboot einen Namen mit Bezug zu Hamburg erhält. Mehrere Hundert originelle Namensvorschläge hatten die DGzRS in den vergangenen Wochen erreicht.

Die vom ehrenamtlichen DGzRS-Vorstand gemeinsam mit der Besatzung ausgewählten Namen dürften ganz nach dem Geschmack beider Seiten sein. So erinnert der Name des Seenotkreuzers an die gleichnamige Ballade von Detlef von Liliencron (1844 – 1909) über den Sylter Fischer Pidder Lüng. Das Arbeitsboot trägt den Namen des Hamburger Wahrzeichens ›Michel‹, der weithin bekannten Hauptkirche St. Michaelis, deren 132 Meter hoher Turm die Silhouette der Hansestadt prägt.

Seenotkreuzer Pidder LüngFoto: Jens Bludau/wikipediaSeenotkreuzer ›Pidder Lüng‹ auf dem Lister Tief.

Die neueste Einheit der DGzRS wurde auf der Schiffs- und Bootswerft Fr. Fassmer in Berne an der Unterweser gebaut. Die ›Pidder Lüng‹ hat im Zuge der Modernisierung der Rettungsflotte den Seenotkreuzer ›Minden‹ (Baujahr 1985) abgelöst. Der Neubau hat in den vergangenen Monaten umfangreiche Erprobungen unter zeitweise schweren Wetter- und Seegangsbedingungen absolviert und sich auch bereits im Einsatz vor Sylt zur Zufriedenheit seiner Besatzung hervorragend bewährt.

Das 22 Knoten (ca. 41 km/h) schnelle Schiff wird von einer drei Mann starken Besatzung gefahren. Mit einem Tiefgang von lediglich 1,30 Metern kann die ›Pidder Lüng‹ auch in Revieren eingesetzt werden, in denen größere Seenotkreuzer auf ihr Tochterboot angewiesen wären.

Weitere besondere Merkmale des in der bewährten Netzspantenbauweise konstruierten Schiffstyps sind eine umfassende Ausrüstung zur medizinischen Erstversorgung an Bord, eine Feuerlöschpumpe mit einer Förderleistung von 2300 l/min. zur Bekämpfung von Bränden auf See und die Fähigkeit, sich im Falle des Durchkenterns innerhalb weniger Sekunden selbst wieder aufzurichten.

Auf ein Wohndeck, wie es auf anderen Seenotkreuzern eingerichtet ist, verzichtet die DGzRS bei dieser Klasse bewusst. Die Besatzung lebt nicht an Bord, sondern im nahen Stationsgebäude. Innerhalb kürzester Zeit kann die Einheit besetzt werden und zum Einsatz auslaufen. Für Umbau und Sanierung des Lister Stationsgebäudes hat die Mannschaft viel Eigenleistung erbracht.

Ungewöhnlich für Seenotkreuzer der DGzRS ist ferner der zum Einsatz kommende Typ eines offenen Arbeitsbootes in der Heckwanne. Aufgrund der kompakten Maße des Seenotkreuzers stehen nicht der Platz und die Tragfähigkeit für ein konventionelles Tochterboot zur Verfügung. Nicht zuletzt zugunsten des erreichbaren geringen Tiefgangs des Seenotkreuzers verzichtet die DGzRS hierauf. Dennoch steht der Besatzung mit der 30 Knoten (ca. 55 km/h) schnellen ›Michel‹ ein leistungsfähiges Einsatzmittel zur Verfügung.

Daten der ›Pidder Lüng‹

  • Länge über Alles: 19,90 m
  • Breite über Alles: 5,05 m
  • Tiefgang: 1,30 m
  • Geschwindigkeit: 22 Knoten (ca. 41 km/h)
  • Besatzung: 7/3 Pers. (Stamm/Einsatz)
  • Antrieb: ein Propeller 1220 kW/1630 PS
  • Verdrängung: 38 t

Die Station List zählt zu den ältesten Einrichtungen der DGzRS. Bereits 1866, ein Jahr nach Gründung des Seenotrettungswerks, kam die DGzRS auf die Insel Sylt. Die Station List wurde 1882 gegründet, als erster Name eines Ruderrettungsbootes ist hier der Name ›Conrad‹ verzeichnet. 1911 setzte die Motorisierung der DGzRS-Rettungsflotte ein, und noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs erhielt List 1914 das erste Motorrettungsboot der Station, die ›Carl Laeisz‹. Es verfügte über einen 30-PS-Motor. Zum Vergleich: Die Hauptmaschine der ›Pidder Lüng‹ leistet knapp 100 Jahre später 1630 PS.

In List waren stets besonders leistungsfähige Rettungseinheiten stationiert, darunter das Motorrettungsboot ›Hindenburg‹ und der Seenotkreuzer ›Adolph Bermpohl‹. Allerdings wurde in List erst einmal zuvor ein Seenotkreuzer getauft: 1969 erhielt ganz ähnlich wie jetzt die ›Pidder Lüng‹ die ›H.-J. Kratschke‹ im Lister Hafen ihren Namen.

Die Seenotretter

Die DGzRS setzt derzeit von 54 Stationen in Nord- und Ostsee 60 Seenotkreuzer und Seenotrettungsboote ein. Die Seenotleitung Bremen der DGzRS (MRCC = Maritime Rescue Co-ordination Centre) koordiniert zentral alle Einsätze. Trotz aller Technik: Im Mittelpunkt des Rettungswerkes steht nach wie vor die freiwillige Bereitschaft der Seenotretter zu ihren nicht selten gefahrvollen Einsätzen. Allein von Januar bis Oktober 2013 waren die Einheiten der Rettungsflotte 1937 Mal im Einsatz. Dabei haben ihre Besatzungen 701 Menschen aus Seenot gerettet oder aus drohenden Gefahrensituationen auf See befreit.

Quelle:  Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger

• Auf epilog.de am 17. Dezember 2013 veröffentlicht

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