Handel & Industrie – Lebensmittelproduktion
Der neue Schlacht- und Viehhof in München
Über Land und Meer • Dezember 1878
Vor wenigen Jahren noch war das Terrain zwischen der Gasfabrik und dem Südbahnhof einerseits und der damaligen Sendlingerland-, nun Lindwurm- und der Thalkirchner Straße wenig mehr als ein ödes Heideland, auf dem nur dort und da einzeln und in kleinen Gruppen meist kleine Anwesen standen, die, mehr oder minder herabgekommen und baulich verwahrlost, wie sie meist waren, von der ungünstigen Geschäftslage dieser Gegend der Stadt trauriges Zeugnis ablegten. Selbst der Bau des Südbahnhofes mit seinen mächtigen, langgestreckten Lagerhäusern hatte den Charakter derselben nur wenig verändern können.
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Jetzt ist es freilich anders geworden. Wie auf einen Zauberschlag sind nicht nur neue Häuser, sondern neue Straßen aus dem Boden gewachsen, Wagen rollt hinter Wagen, auch die vielbesprochenen Omnibusse der Stadt haben regelmäßige Fahrten nach diesem Stadtteil eingerichtet und man spricht von dem nahe bevorstehenden Bau einer Tramwaylinie von der Sendlingerstraße dorthin.
Alle diese Unternehmungen hat der Bau des kolossalen Schlacht- und Viehhofes an der Thalkirchner Straße ins Leben gerufen.
Es war am letzten August 1878 des Nachmittags, als sich von der uralten Zunftherberge der Metzger beim Kreuzbräu aus ein Festzug durch die Stadt nach dem nun glücklich vollendeten Schlacht- und Viehhof an der Thalkirchner Straße begab. Eine Musikkapelle vorauf, die trotz des schlechten Wetters ihre lustigsten Weisen blies, schritten kräftige Metzgerburschen mit den Insignien ihres Gewerbes durch die von der Menge belebten Straßen, hinter ihnen schmucke Knaben, die Söhne ehrbarer Meister, und dann folgte, von sechs stattlichen, bedächtig einherwandelnden Ochsen gezogen, ein mit Laubgewinden und Fähnchen reich geschmückter Festwagen, schöne Jungfrauen in der eigenartigen Münchener Tracht, die leider für das tägliche Leben der französischen Mode hat weichen müssen.
Das neue Schlachthaus in München.1. Eingang zum Viehhof. Restauration. | 2. Großvieh. | 3. Schweine. | 4. Kälberwaage. | 5. Schlachthaus für Schweine. | 6. Schlachthaus für Großvieh. | 7. Kuttelei. | 8. Schlachthaus für Kleinvieh | 9. Entladen von Rindern. 10. Kesselhaus. | 11. Festzug bei Eröffnung.
Inzwischen hatten sich am mittleren Torweg des Schlachthofes der Magistrat, die Gemeindebevollmächtigten, mehrere höhere Staatsbeamte und der Schlachthofdirektor eingefunden und horchten den Mitteilungen des Stadtbaurats A. Zenetti über die Geschichte des Baus, den er in dritthalb Jahren mit einem Aufwand von fast fünf Millionen Mark durchgeführt, genau so wie er ihn ersonnen.
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Seine Ansprache erwiderte der erste Bürgermeister Dr. Erhardt mit einer anderen, in welcher er allen jenen, welche zur Entstehung und Vollendung des großen Werkes beigetragen, den Dank der Stadtgemeinde aussprach, die sanitäre Bedeutung der Anstalt betonte und der Überzeugung Ausdruck gab, dass der neue Viehhof München zum Hauptstapelplatz des Viehhandels in Süddeutschland erheben werde. Den genannten Rednern folgten noch weitere; zuvörderst Staatsrat v. Dillis als Vertreter des Staatsministeriums des Inneren und dann der Metzgermeister Werner namens der Metzgergenossenschaft. Damit aber dem solennen Akt auch die Weihe der Poesie nicht fehle, sprach ein hübsches Metzgertöchterlein, Fräulein Josefa Ernst, ein auf die Feier bezügliches Gedicht.
Nachdem dann noch eine Anzahl zur Ausstellung gebrachter Tiere Preise erhalten, schloss der Tag mit einem Rundgange durch sämtliche Abteilungen des Etablissements, dem an Zweckmäßigkeit und Schönheit kaum ein anderes in Deutschland dürfte zur Seite gestellt werden können.
• C. A. R.