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Künstliches Krapprot

Die Gartenlaube • 1869

Der Steinkohlenteer, die schwarze Mutter der farbenprächtigsten Kinder, hat sich noch nicht erschöpft. Nachdem der Reihe nach das Anilin, das Naphthalin, das Teerkreosot ihren Beitrag zu der bunten Scala geliefert, ist noch ein anderer fester, dem Naphthalin verwandter Kohlenwasserstoff des Teers, das Paranaphthalin oder Anthracen, tributpflichtig geworden. In der deutschen chemischen Gesellschaft zu Berlin haben kürzlich die Herren Grabe und Liebermann die interessante Mitteilung gemacht, dass es ihnen gelungen sei, daraus den Farbstoff des Krapps, das Alizarin, künstlich darzustellen. Proben dieses Kunstproduktes im Kristallzustand, sowie damit bedruckte Zeuge wurden vorgelegt. Bei allen Fortschritten in der Industrie der Teerfarben konnte man die Meinung hegen, dass wenigstens die beiden edelsten Pflanzenfarbstoffe, Indigo und Krapprot, dennoch immer in Amt und Würden bleiben dürften. Jetzt scheint die eine dieser Größen schon entthront, und so könnte es künftig möglicherweise dahin kommen, dass wir dem Orient, statt Krapp von dort zu beziehen, künstliches Alizarin zuführten. Zählen doch schon gegenwärtig selbst China und Japan unter den stärksten Abnehmern europäischer Teerfarben.

• Auf epilog.de am 8. November 2017 veröffentlicht