FeuilletonLand & Leute

Die Herrgottshändler in Tirol

Das Buch für Alle • 1876

Ein eigentümliches Gewerbe in den deutschen Alpen ist dasjenige der sogenannten Herrgottshändler, d. h. der Hausierer, welche ihre selbstverfertigten oder aus den Schnitzerschulen oder den mit Holzschnitzerei und Holzbildhauerei sich befassenden Gemeinden oder Tälern bezogenen Kruzifixe und Heiligenbilder landauf landab von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf wandernd feilbieten. Herrgottshändler in TirolEin Herrgottshändler in Tirol. An Absatz fehlt es den Leuten nicht, denn die schlichte Frömmigkeit des Älplers in Tirol, Vorarlberg, Salzburg und Oberbayern verschafft diesen Waren immer einigen Absatz, und der Herrgottshändler steht in der Wertung des Bauers hoch über dem gewöhnlichen Hausierer. So gern der Bauer feilscht, wenn er etwas kauft, so wagt er doch nie mit dem Herrgottshändler zu markten, wenn er sich ein Kruzifix oder ein kleines Standbild seines Schutzheiligen bei ihm kaufen will; und da der Händler immer mild und freundlich ist und seine Ware selbst vor denjenigen bereitwillig zur Schau stellt, welche nicht in der Lage sind, eine solche Figur zu kaufen, so ist er bei Jung und Alt gern gesehen und eine Art Respektsperson, welcher man um ihres frommen Berufs willen auch selten Gastfreundschaft verweigert. Im Grödener Tal und anderwärts, wo die Bildschnitzerei zu Hause ist, werden diese Herrgöttl oder Kruzifixe und die Bilder der beliebtesten Heiligen zu Tausenden verfertigt und durch Hausierer vertrieben. Häufig aber ist der Herrgottshändler selbst der Verfertiger seiner Ware, ein aus sich selbst gewordener Künstler oder Autodidakt, der ohne alle Vorbildung und oft ohne andere Muster als diejenigen, welche er in der Dorfkirche und in den Häusern wohlhabender Bauern sieht, mit den dürftigsten Werkzeugen aus zähem Birnbaumholze diese Bilder schnitzt und selbst bemalt, was ihm namentlich in den langen Wintern auf seinem einsamen Gehöft eine willkommene Beschäftigung gibt und dann im Hochsommer nach Vollendung der Feldarbeiten Gelegenheit verschafft, bei dem Verkauf seiner Ware ein Stückchen von der Welt außerhalb seines heimatlichen Tales zu sehen.

• Auf epilog.de am 21. Dezember 2023 veröffentlicht

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