FeuilletonErzählungen

Die Reise zum Mars

Erzählung von Hans Dominik

Das Neue Universum • 1908

Voraussichtliche Lesezeit rund 26 Minuten.

I.

Ergebnisse einer verbesserten und erweiterten Spektralanalyse ließen mit untrüglicher Sicherheit erkennen, dass der Nachbarplanet der Erde, der Mars, Wasser, Luft und eine grüne Vegetation besaß. Man musste mit vollem Recht annehmen, dass dort menschliches Leben gedeihen könne, dass der Mars, falls er selbst nicht bewohnt sei, eine Dependance, eine Kolonie der irdischen Menschheit werden könne. Das alles stand fest, aber auch diese Kenntnis blieb fruchtlose Theorie. Bot sich doch keine Möglichkeit, dem Bannkreis der Erde zu entrinnen, den Weg zu jenem Planeten zu finden.

In der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts hatte ein australischer Milliardär, wohl durch eine fantastische Schrift Jules Vernes angeregt, den Versuch unternommen, aus einem Riesengeschütz ein gewaltiges Geschoss zum Mars zu senden. Der Versuch war schmählich misslungen. Noch bevor das Geschoss die Atmosphäre der Erde selbst passiert hatte, war es durch die unendliche Reibung zerschmolzen und zu Dampf zerspritzt. Es hatte sich gezeigt, dass bei solchen Geschwindigkeiten die Luft wie ein starrer Körper wirkt. Ähnlich geht es ja bei sehr viel geringeren Geschwindigkeiten bereits mit dem Wasser. Wasser aus der Pistole geschossen wirkt fast schlimmer als Eisen und Blei. Bei der Riesengeschwindigkeit, welche das australische Geschoss beim Verlassen des Rohrmundes hatte, wirkte die Luft ebenso wie das Wasser, welches aus der Pistole kommt. Das Geschoss war, wie gesagt, beinahe im Augenblick verpufft. Der Versuch, ein Projektil auf den Mars zu feuern, musste als gänzlich undurchführbar fallengelassen werden.

Auf gewaltige Strahlungen mit elektrischen Wellen, die man in den Weltraum gesandt hatte, war nie eine Antwort gekommen. Man durfte daher annehmen, dass der Mars selbst unbewohnt sei oder doch zum wenigsten nicht von hochzivilisierten Menschen bewohnt, bei denen man elektrische Wellentelegrafen selbstverständlich voraussetzen musste. Der berühmte Pariser Marspreis, der im Jahre 1894 für die erste zuverlässige Kommunikation zwischen Erde und Mars gestiftet wurde, war daher noch unbehoben. Sein Wert von hunderttausend Mark hatte zweihundertzwanzig Jahre auf Zins und Zinseszins gestanden, und man weiß ja, wie sich solche Summen im Laufe der Jahre vermehren. Ein Kapital zu etwa sieben Prozent auf Zins und Zinseszins angelegt, verdoppelt sich in zehn Jahren, dies Kapital hatte demnach Gelegenheit gehabt, sich zweiundzwanzigmal zu verdoppeln. So war jener Marspreis auf die fabelhafte Höhe von nahezu zweihundertzehn Milliarden Franken angewachsen und drohte ins Ungemessene zu steigen, wenn nicht in absehbarer Zeit die Kommunikation zwischen beiden Planeten irgendwie hergestellt werden konnte. Hervorragende Volkswirtschaftler rechneten bereits aus, dass in weiteren hundert Jahren annähernd das gesamte Nationalvermögen der Menschheit im Dienste des Marspreises stehen würde, und schrieben lange Abhandlungen über das Für und Wider einer solchen Entwicklung. So standen die Dinge im Jahre 2108.

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Es war gelungen, Wasser, Luft und Vegetation auf dem Mars nachzuweisen. Als dann ein von der Schwerkraft unabhängiges Raumschiff konstruiert wurde, stand einem Besuch des Nachbarplaneten nichts mehr im Wege.
eBook € 0,49 | eISBN: 978-3-7448-9086-1

• Auf epilog.de am 4. Oktober 2017 veröffentlicht

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