Handel & Industrie

Fabrikation der Zündblättchen

Das Neue Universum • 1896

Die explosive Masse besteht in der Regel aus rotem Phosphor, Kaliumchlorat und Gummiarabikum oder Dextrin als Binde mittel. Das Verhältnis der beiden Chemikalien ist 15 zu 85. Man wendet aber auch andere Mischungen an, z. B. 80 Teile Kaliumchlorat, 12 Teile roten Phosphor, 8 Teile Kalisalpeter, oder 80 Teile Kaliumchlorat, 12 Teile roten Phosphor, 6 Teile schwefelsaures Antimon und 2 Teile Kalisalpeter. Die Chemikalien werden jedes für sich pulverisiert, dann in Gummiwasser vorsichtig gemischt (Abb. 1), bis sie eine teigartige Masse bilden. Bereitung der ExplosivmischungAbb. 1: Bereitung der Explosivmischung. Auf je ein Liter Wasser nimmt man 80 g arabisches Gummi oder 100 g Dextrin. Die explosive Mischung wird im Verhältnis von 5 g auf 1000 Blättchen verteilt, so dass also auf jedes davon 5 mg kommen. In diesem Verhältnis sind die Zündblättchen ungefährlich; das Quantum darf aber nicht vermehrt werden, weil sonst, besonders bei Anhäufung in größeren Massen leicht ein Unglück vorfallen kann. Die Beispiele sind nicht selten. So wurden am 14. Mai 1878 zu Paris 14 Personen durch eine Explosion getötet, die durch eine größere Masse von Zündblättchen mit 10 mg Explosivstoff verursacht worden war.

Was die Fabrikation der Zündblättchen betrifft, so geht sie in folgender Weise vor sich: Das dazu verwendete Papier ist ungeleimt, von roter Farbe, also Löschpapier. Auftragung der Masse auf die SpitzenplattenAbb. 2: Auftragung der Masse auf die Spitzenplatten. Zur Verteilung der explosiven Masse verwendet man in der Regel hölzerne Platten, die an der unteren Seite mit nicht weniger als 5000 konischen Holzspitzen versehen sind. Die Zündmasse wird in flache Becken gegossen, so dass der Boden eben bedeckt ist, die vorerwähnten Platten werden darin eingetaucht (Abb. 2) und dann auf die Papierbogen gedrückt, wie Abb. 3 veranschaulicht. Ein anderer Arbeiter nimmt diesen Bogen sofort weg, legt ihn auf eine Platte von Zinkblech und schafft ihn nach der in Abb. 4 dargestellten Trockenvorrichtung. Übertragung der Masse auf das PapierblattAbb. 3: Übertragung der Masse auf das Papierblatt. Während dieser Zeit hat der erste Arbeiter einen neuen Bogen gestempelt, und so geht es ununterbrochen fort. Zwei Arbeiter können auf diese Weise täglich 500 Bogen herstellen.

Das Trocknen erfolgt lediglich an der Luft in der gewöhnlichen Temperatur, wenigstens im Sommer. Im Winter wendet man eine mäßige Dampfheizung an. Sind die Bogen trocken, so werden sie mit einem zweiten Bogen, der gummiert ist, beklebt, so dass die beiden Bogen in ihrem Zwischenraum die Zündmasse fest einschließen. Trocknen der mit der Masse versehenen BlätterAbb. 4: Trocknen der mit der Masse versehenen Blätter. Jetzt muss eine zweite Trocknung vorgenommen werden. Dabei wird der Doppelbogen auf eine Platte von Zinkblech gelegt und mit einem Rahmen überdeckt, in welchem ein feines Drahtgewebe eingespannt ist. Dies geschieht, damit keine Seitenbewegungen bzw. Reibungen der Zündmasse, stattfinden können. Die Trocknung erfolgt in einem gut ventilierten Raum und dauert 24 Stunden.

Die getrockneten Blätter werden eins nach dem anderen, sowie sie aus der Trockenkammer kommen, mit der Schere zerschnitten (Abb. 5). Natürlich kann dies nur durch geübte Hände geschehen, da die Schere mit der Zündmasse unter keinen Umständen in Berührung kommen darf. Dieser Teil der Fabrikation ist also der gefährlichste. Zerschneiden der BlätterAbb. 5: Zerschneiden der Blätter. Damit etwa vorkommende Explosionen gefahrlos bleiben, werden die Abschnitte jeden Bogens sofort beseitigt bzw. in Döschen von Blech oder Pappdeckel zu 50, 100, 200 und 500 Stück verpackt.

Bei der Fabrikation der sogenannten Knallbonbons werden Holzstäbchen oder Stäbchen von Pappdeckel zu je zwei aneinandergefügt, von denen eins mit der explosiven Masse, das andre mit einem Schmirgeltropfen versehen ist. Diese beiden Stellen werden nach erfolgter Trocknung aufeinandergelegt und die Vereinigung der beiden Teile durch festes Umwickeln mit gummiertem Papier bewirkt. Beim Einbringen in die bunte Bonbonhülle wird überdies noch ein Bindfaden darüber geknüpft, um eine größere Haltbarkeit des Ganzen zu erzielen. Wie man den Knallbonbon zur Explosion bringt, ist zu bekannt, als dass es beschrieben zu werden brauchte. Die Detonation erfolgt durch die Reibung der rauen Schmirgelfläche auf der Zündmasse.

Entnommen aus:


Zeitreisen mit Aufzügen und nach Berlin

Kultur + Technik von 1833 bis 1913

edition.epilog.de

Zeitreisen mit Aufzügen und nach Berlin
Die ›Zeitreisen‹ knüpfen an die Tradition der Jahrbücher wie ›Das neue Universum‹ oder ›Stein der Weisen‹ an. Eine bunte Auswahl von Originalartikeln begleitet den authentischen und oft überraschend aktuellen Ausflug in die Geschichte. Kultur- und Technikgeschichte aus erster Hand, behutsam redigiert, in aktueller Rechtschreibung und reichhaltig illustriert. Auszug aus dem Inhalt: Die Eröffnung des Themse-Tunnels; Die neue Pontonbrücke über den Stößensee bei Spandau; Die Grundsteinlegung der Göltzschtalbrücke; Die Uraniasäulen in Berlin; Die elektrische Eisenbahn in Budapest; Von Kiel nach Brunsbüttel; Die Dresdner Chaisenträger; Das Elektromobil Lohner-Porsche; Personenaufzüge für den Straßenverkehr; Das transatlantische Kabel im Dienste der Wissenschaft; Eine Stunde auf der Berliner Börse; Die Mineralquelle zu Selters; Fabrikation der Zündblättchen; Die Maulwurfsarbeit der Großstädte; Die Berliner Wasserwerke; Eine elektrische Müllverladestation; Beförderung von Feuerspritzen auf Schienengleisen; Elektrische Beleuchtung in Berlin; Die öffentlichen Bäder in Budapest; Ein Wiener Kaffeehaus; Das Parlament in London  PDF-Leseprobe € 18,90 | 196 Seiten | ISBN: 978-3-7543-9786-2

• Auf epilog.de am 26. Oktober 2017 veröffentlicht