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Elektrische Straßenbahnen von Paris

Das Neue Universum • 1898

Pariser StraßenbahnAbb. 1: Ladung eines Wagens der neuen Pariser Straßenbahn.

Ähnlich wie Berlin ist auch Paris in der Anlage elektrischer Straßenbahnen bisher sehr zurückhaltend gewesen, und ähnlich wie bei uns hat man sich auch dort erst in der neuesten Zeit mit größerer Energie der Herstellung einiger der bedeutenderen elektrischen Verbindungen angenommen. Zu den ersten elektrischen Tramwaylinien zwischen Paris und St. Denis sind neuerdings drei große Linien von 5 – 6 km Länge gekommen, welche die Madeleine mit Courbevoie, Neuilly und Levallois verbinden und von einer Zentralstation aus betrieben werden.

Auch in Paris hat man, wie bis jetzt fast durchweg in Berlin, von der Stromzuführung durch Luftleitungen abgesehen und das teuerste, aber in vielen Beziehungen auch bequemste der elektrischen Systeme, den Akkumulatorenbetrieb, in Anwendung gebracht. Die am Quai national gelegene Zentralstation erzeugt mit drei 200 PS-Dampfdynamomaschinen elektrische Ströme von 600 Volt Spannung, welche derartig verteilt werden, dass ein Teil davon zur nächtlichen Ladung der Wagen in der Zentralstation selbst dient, der Rest dagegen durch drei Speiseleitungen zu ebenso viel Stromverteilungs- oder Ladungsssäulen geführt wird, welche an geeigneten Stellen des Straßenbahnnetzes aufgestellt sind. Innenansicht eines WagensAbb. 2. Innenansicht eines Wagens mit den Akkumulatoren. Wir sehen in der Abb. 1 eine solche durch ein biegsames Kabel mit dem danebenstehenden, in der Ladung begriffenen Wagen verbundene Säule. Durch eine geeignete Schaltvorrichtung ist es bewirkt, dass die Ladung der unter den Sitzbänken stehenden Batterie in 10 – 12 Minuten bewirkt werden kann.

Die zweistöckigen Straßenbahnwagen, deren innere Ansicht mit den unter den Sitzbänken stehenden oder vielmehr federnd aufgehängten Akkumulatoren unsere Abb. 2 zeigt, haben einen für 52 Personen ausreichenden Fassungsraum und das für Straßenbahnzwecke allerdings beträchtliche Gewicht von 14 Tonnen. Davon entfallen 8,6 Tonnen auf die aus 200 Zellen bestehende Batterie von Tudor-Akkumulatoren. Jeder Wagen besitzt, von zwei 25 PS-Motoren betrieben, die Kraft, einen Anhängewagen von derselben Größe, aber nur dem halben Gewicht zu ziehen. Die Schnelligkeit dieser Straßenbahnzüge beträgt im Inneren der Stadt 12 km/h, in den Außenbezirken 16 km/h. Mit diesem neuen Transportmittel ist ein wichtiges Glied in den Verkehrsorganismus der Riesenstadt eingefügt und man kann nur wünschen, dass der Betrieb viele, viele Jahrzehnte hindurch nicht durch stürmische Zeitereignisse gestört werden möge.

• Auf epilog.de am 6. März 2022 veröffentlicht