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Elektrische Beleuchtung von
Eisenbahn-Waggons

Der Stein der Weisen • 1893

Voraussichtliche Lesezeit rund 4 Minuten.

Die Eisenbahn-Katastrophe von St. Mandé in Frankreich und jene von Clapham-Junction in England haben in unwiderleglicher Form die Gefährlichkeit der Gasbeleuchtung in Eisenbahn-Waggons bewiesen. Jedes Mal haben die Waggons unmittelbar nach dem erfolgten Zusammenstoß Feuer gefangen, so dass die unglücklichen Passagiere früher bei lebendigem Leibe verbrannten, ehe man ihnen zu Hilfe kommen konnte.

Es ist daher an der Zeit, dass die Eisenbahn-Gesellschaften endlich dem Begehren des Publikums Folge geben und die so lebensgefährliche Beleuchtung mit Gas durch eine andere Beleuchtungsform ersetzen.

Natürlich kann da nur von einem Ersatz durch elektrische Beleuchtung gesprochen werden, da diese die einzige Beleuchtungsform ist, bei welcher jede Gefahr eines Brandes von vorneherein ausgeschlossen erscheint.

Man muss übrigens anerkennen, dass schon zahlreiche Versuche in dieser Richtung gemacht wurden, allein entweder waren die Versuche missglückt oder die Kosten der Installation waren so bedeutend, dass die Eisenbahnverwaltungen davor zurückschreckten. Auch in den anderen Ländern, mit Ausnahme der Vereinigten Staaten, ist man in dieser Richtung nicht weiter fortgeschritten. In den Vereinigten Staaten verwendet man dermalen ein eigentümliches Beleuchtungsmaterial, welches aus einer Kohlenstoffverbindung dargestellt wird und sich vortrefflich bewähren soll.

Als vorläufiges Auskunftsmittel bis zur endlichen Lösung der Waggon-Beleuchtungsfrage kann die Erfindung einer elektrischen Lampe von Tourtel gelten. Diese Lampe kann in jedem Waggon beliebig aufgehängt werden, funktioniert automatisch, und zwar in jener Form, wie es die automatischen Wiegeapparate auf unseren Bahnhöfen tun. Man lässt durch eine Öffnung in den Beleuchtungsapparat ein Geldstück im Betrage von 10 Centimes (2 Kreuzer) fallen und erhält hierfür die Beleuchtung für eine halbe Stunde. Der Reisende kann sich die Beleuchtungsdauer durch erneuertes Einstecken der gleichen Geldmünze beliebig verlängern.

Die Versuche, welche auf der Metro­politan-District-Eisen­bahn in London mit einer kleinen Zahl solcher Lampen gemacht wurden, haben so überraschend günstige Resultate geliefert, dass die vorbenannte Eisenbahngesellschaft sich veranlasst sah, einen Vertrag zur Lieferung von 10 000 solcher Waggon-Lampen abzuschließen, welchem Beispiele mutmaßlich auch andere Eisenbahn-Gesellschaften baldigst folgen werden.

Diese Lampe hat keineswegs den Zweck, die Gaslampe in den Waggons zu ersetzen; sie soll einzig und allein dazu dienen, den Reisenden ein helles und schönes Licht zu liefern für den Fall, als dieser während der Fahrt lesen und dabei auch seine Augen schonen will.

Elektrische LampeTourtels elektrische Lampe mit automatischer Vorrichtung.

Der ganze Mechanismus der Lampe ist sehr einfach konstruiert und hat in einer Büchse von 12 cm Länge, 5 cm Breite und 7,5 cm Höhe Platz.

Das Licht wird in der Weise hervorgerufen, dass man an einen vorspringenden Knopf der Büchse drückt, nachdem man früher das Geldstück in die hierzu bestimmte Öffnung eingeführt hat. Die Lichtstärke beträgt drei Normalkerzen und wird durch einen Reflektor verstärkt, dessen Neigungswinkel der Reisende beliebig verstellen kann, um das Lichtbündel in der für den Leser bequemsten Weise zu dirigieren.

Wie aus der Abbildung zu entnehmen ist, sind die Lampen an der Wand des Waggons aufgehängt, und zwar an jenen Stellen, wo das Licht der Gaslampe des Coupes am ungenügendsten wirkt. In jedem Coupe sind vier Lampen angebracht, welche ihre Nahrung in einem unter der Bank eingesetzten Akkumulator finden. Jeder Waggon hat somit seine selbstständige Lichtquelle, daher auch die Zusammenstellung der Züge ganz unabhängig von diesen Beleuchtungs-Apparaten ist. Die Akkumulatoren bestehen aus je sechs Elementen mit einer Stromstärke von 72 Ah. Sie sind in Holzschachteln eingesetzt und können beliebig ausgewechselt werden. Die Leistung einer Lampe beträgt ungefähr 7,5 A mit einer Spannung von 12 V.

Diese schwache Spannung wurde absichtlich gewählt, um jede Gefahr zu vermeiden.

Für den Fall, als die Ladung der Akkumulatoren vollständig ausgenützt, daher eine Leuchtkraft nicht mehr zu erwarten ist, besitzt der Apparat eine eigene Konstruktion, welche eingeworfene Geldstücke durch eine Öffnung, die an der unteren Seite der Büchse angebracht ist, sofort wieder auswirft. Der Reisende erleidet somit keinen Geldverlust und wird gleichzeitig davon avisiert, dass eine Auswechslung der Akkumulatoren notwendig geworden ist.

• Emil Ubl.

• Auf epilog.de am 19. April 2026 veröffentlicht

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