Verkehr – Eisenbahn
Elektrisch angetriebene Zugrichtungszeiger
Zentralblatt der Bauverwaltung • 26.6.1909
Auf Bahnsteigen mit enger Zugfolge, namentlich auf Stadtbahn- und Vorortbahnsteigen, pflegen für die schnelle Zurechtweisung der Reisenden Zugrichtungszeiger aufgestellt zu werden, die mittels beweglicher Arme die Richtung oder das Ziel des Zuges angeben und,
Richtungsanzeiger. falls mehrere Züge nach derselben Richtung in Frage kommen, zugleich anzeigen, welcher Zug zuerst abfährt. Diese Richtungszeiger werden gewöhnlich von den Bahnsteigschaffnern oder den Bahnhofsarbeitern bedient. Auf dem Wannseebahnhof in Berlin waren zwei Richtungszeiger derart aufgestellt (Abb. 1), dass sie den Reisenden, welche die Zugangstreppen heraufkommen, sofort in die Augen fallen und auch von den Bahnsteigschaffnern zur Bedienung leicht zu erreichen waren. Bei der engen Zugfolge auf der Wannseebahn bis zu 3½ Minuten, ist es naturgemäß auf dem Anfangsbahnhof öfter nicht zu vermeiden, dass von der festgesetzten Bahnhofsfahrordnung abgewichen und hierbei auch die Richtungszeiger umgestellt werden müssen. Dies stieß bei den handbedienten Richtungszeigern auf große Schwierigkeiten, da jedes Mal ein Bote vom Stellwerkturm am Ende des Bahnsteigs, von wo aus der Fahrdienst geleitet wird, zu den Bahnsteigschaffnern gesandt werden musste und die nachträgliche Änderung des gezogenen Richtungszeigers für die Reisenden äußerst lästig ist.
Es wurde daher beschlossen, Richtungszeiger aufzustellen, die vom Stellwerk aus, sei es mechanisch durch Drahtzüge oder elektrisch betrieben werden sollten. Versuche ergaben, dass bei der hellen Tages- oder gar bei Sonnenbeleuchtung mittels durchscheinender Gläser keine genügend auffallende Richtungsankündigung erzielt werden konnte. Es musste daher auf bewegte Klappen oder Arme zurückgegriffen werden. Hierbei war sofort klar, dass den Armen der Vorzug zu geben sei, wenn eine brauchbare Ausführung gefunden werden konnte, da diese als frei in den Raum ragend am besten auffallen. Die Firma Siemens & Halske hat nun auf der Berliner Hoch- und Untergrundbahn (Bahnhof Warschauer Brücke) elektrisch angetriebene Hauptsignale aufgestellt, bei denen zugleich mit der Fahrstellung des Signalarms nach Wahl eine große Gleisnummer erscheint. Diese Ausführung ließ sich für den hier gewünschten Zweck verwerten. Elektrischer Strom stand aus der Akkumulatorenbatterie des Kraftstellwerks des Potsdamer Fernbahnhofs zur Verfügung.
Die neuen von Siemens & Halske gebauten Richtungszeiger werden vom Stellwerkturm aus gesteuert und haben dieselben Standorte der alten Handzeiger erhalten.
Abb. 2. Richtungsanzeiger.
Der Richtungszeiger (Abb. 2) trägt für jedes Gleis die erforderlichen Arme, auf denen das Ziel des betreffenden Zuges angegeben ist, und einen Arm mit der Aufschrift: ›Leerzug. Nicht einsteigen!‹ Diese Arme werden durch zwei am Fuß des Gestells aufgestellte gewöhnliche elektrische Hauptsignalantriebe (1) – d. h. für jedes Gleis einen – bewegt. Außerdem trägt der Richtungszeiger noch zwei höher sitzende, von den übrigen vollständig unabhängige Arme mit den Aufschriften: ›Dieser Zug fährt zuerst ab‹, welche durch einen unter der Bahnsteigoberfläche aufgestellten elektrischen Weichenantrieb (2) bewegt werden. In der Ruhelage hängen alle Arme senkrecht herab und legen sich gegen hölzerne Anschläge (3) am Gestell.
Die Zugstangen (4) der elektrischen Antriebe führen nach je einer oberhalb der Richtungsarme im Gestell gelagerten Welle (5), die mit einer dazugehörigen elektrischen Wählereinrichtung (6) am Kopf des Richtungszeigers in Verbindung steht. Diese Wähler dienen dazu, den jeweilig gewünschten Richtungsarm, der den nächsten Zug anzeigt, an den elektrischen Antrieb anzukuppeln.
Die elektrische Wählereinrichtung (Abb. 3) besteht für jeden Arm (1) aus einem Elektromagneten (2), der die Kupplung des Armes mit dem Antriebe einleitet, und einer Kuppelklinke (3), durch welche das zum Arm führende Gestänge (4) mit dem vom elektrischen Antrieb durch die oben angegebene Welle (Abb. 2⁵) bewegten Gestänges (5) (Abb. 2⁷) gekuppelt wird.
Abb. 3. Wählereinrichtung. Dies geschieht unter Zuhilfenahme eines Rahmens, der aus zwei Flacheisen (6) und einem Winkeleisen (7) besteht. Das Winkeleisen (7) dient als Mitnehmer für die Arme, indem es sich bei seiner Abwärtsbewegung in einen Einschnitt der Kuppelklinke legt und diese mit nach unten nimmt, wodurch der betreffende Arm hochgehoben wird. Damit dieses Mitnehmen eintreten kann, muss die Kuppelklinke sich aus ihrer Ruhestellung gegen den Mitnehmer zu bewegen, sobald dieser eine geringe Abwärtsbewegung gemacht hat. Diese Bewegung der Kuppelklinke wird durch eine gegen dieselbe drückende mehrteilige Flachfeder (8) veranlasst; dagegen wird sie durch den Anker (9) des Wählermagneten (2) hieran gehindert, solange dieser sich in seiner abgefallenen Stellung (Abb. 3 c) befindet. Nur wenn der Magnet seinen Anker festhält (Abb. 3 a u. b), ist der Weg für die Abwärtsbewegung der Kuppelklinke frei. Sobald also ein Wählermagnet Strom erhält, tritt die Kupplung zwischen dem Antrieb und seinem Arm ein; solange er stromlos ist, bewegt sich der Antrieb ohne den Arm. Durch Schließung des Stromkreises, in welchem der Wählermagnet des gewünschten Armes liegt, ist also die Wahl jedes beliebigen Armes ermöglicht.
Bei der Abwärtsbewegung des Mitnehmergestänges (7) fallen diejenigen Anker ab, deren Magnete nicht erregt sind, und sperren ihre Kuppelklinken (Abb. 3 c), während die übrigen an den Polen ihrer Magnete hängenbleiben und dadurch die Mitnahme der Kuppelklinken ermöglichen.
Abb. 4. Umschalter. Ist die Kupplung zwischen Kuppelklinke und Mitnehmer einmal vollzogen, so bleibt diese während der Bewegung bestehen, da sich die Kuppelklinke mittels eines kleinen Rädchens gegen einen festen Teil des Gehäuses stützt, wodurch ihre Rückwärtsbewegung unmöglich wird (Abb. 3 b). Erst am Schluss der Zurückbewegung des Antriebs wird die Rückwärtsbewegung der Kuppelklinke gegen ihre Feder (8) wieder frei und die Bewegung selbst durch den Mitnehmer zwangsweise ausgeführt, indem er gegen eine schräge Fläche (10) der Kuppelklinke stößt.
Um mit geringem Strom auszukommen, ist die Anlage derart ausgebildet, dass der Elektromagnet seinen Anker (9) nicht selbst anzuziehen braucht. Das Andrücken desselben besorgt vielmehr der Mitnehmer, indem ein mit ihm verbundenes Blech (11) gegen einen federnden Anschlag (12) drückt und diesen so während der Grundstellung des Antriebes stets in angedrückter Stellung erhält. Der Strom hat den Anker in dieser Stellung nur festzuhalten.
Zum Schließen des Stromes der Wählermagnete und der Antriebe dient ein im Stellwerkturm angebrachter Umschalter (Abb. 4), in welchem für jeden Arm eine Schaltwalze vorhanden ist. Die Walzen werden, wie bei den neueren elektrischen Stellwerken, durch die aus dem Deckel des Kastens herausragenden Knöpfe bewegt. Die Schalter für die Arme eines Gleises sind untereinander angebracht. Für die beiden Arme: ›Dieser Zug fährt zuerst ab!‹ ist ein gemeinsamer Schalter vorgesehen, welcher nach rechts oder links gedreht werden kann.
• Denicke.
