Handel & Industrie – Fabrikation
Der Eisenhammer
Ein untergehendes Stück Waldpoesie
Die Gartenlaube • April 1877
Dreißig Jahre sind es kaum, da tönten dem Reisenden, der die grünen Täler und die mit prächtigen, schlanken Tannen geschmückten Berge des Thüringer Waldes besuchte, wohl in jedem dieser lieblichen Gründe die wuchtigen Schläge eines oder mehrerer Eisenhämmer entgegen und gaben ihm Nachricht und Zeugenschaft von einem der ältesten und wichtigsten Industriezweige der arbeitsamen Thüringer Waldbewohner. Die heute noch in großer Menge vorhandenen reichen und vorzüglichen Spat- und Brauneisensteine der Saalfelder und Schmalkalder Gegend, die auf dem ganzen Wald vorkommenden vortrefflichen Roteisensteine, der Holzreichtum und die mit starkem Fall dem tieferen Lande zueilenden Wasser des Gebirges bildeten seit nun tausend Jahren die natürlichen Grundlagen anfänglich für wenige, später für mehrere Hundert von rauchenden Eisenschmelzöfen und laut und lustig pochenden Hammerwerken. Die Thüringer Eisen- und Stahlfabrikate erwarben sich schon in frühester Zeit Anerkennung und guten Ruf; bereits im 9. Jahrhunderte waren Thüringer Waffenschmiede und ihre guten Schwerter bekannt und genannt; die Sage vom Ruhlaer Waffenschmied, der seinen verirrten Landesherrn hart und fest hämmerte, datiert aus dem 12. Jahrhundert, und im 14. Jahrhundert waren die Suhler Panzerer und Plattner schon über Deutschlands Gaue und Berge hinaus durch die Vortrefflichkeit ihrer Harnische und Schwerter berühmt. Die mittel- und süddeutsche Ritterschaft klopfte sich ausschließlich mit Suhler Schwertern die fehdelustigen Köpfe blutig, und manchem trotzigen Rittersmann schnitt eine Suhler Klinge den Lebensfaden jählings ab. Nach der Erfindung des Schießpulvers blieb Suhl nicht allein im Besitze seines Rufes, sondern erhob sich sogar zur einzigen und großen Waffen- und Gewehrfabrik, zur Rüstkammer Deutschlands, wie die Zeitgenossen es nannten. Es ist infolgedessen auch als die Mutter aller deutschen und vieler ausländischen Gewehrfabriken anzusehen, denn wie seine Gewehre im Lauf der Jahrhunderte sich massenhaft in ganz Europa und sogar auch über den Ozean verbreiteten, so zogen auch viele geschickte und kundige Gewehrarbeiter nach aller Herren Ländern, um neue Stätten ihrer Kunst und Zunft gründen zu helfen.
Aber nicht bloß die männermordende Waffe erzeugte der Thüringer Wald, nein, auch die Bedürfnisse des Friedens in Eisen und Stahl wurden dort in großer Auswahl und reichlichen Mengen dargestellt; viele Hunderttausend Zentner Eisenerze wurden in hoher Öfen Glut geschmolzen, um für den friedlichen Bauer und Bürger Pflugscharen, Wagenreife, Hufstab- und Nageleisen, Sensen, Messer, Feilen, Äxte, Ahlen, Nägel und viele andere Eisen- und Stahlwaren anfertigen, um mit ihnen hausierend, Märkte und Messen beziehend, umfangreichen Handel treiben zu können. Schmalkalden, Brotterode, Steinbach, Mehlis, Zella und Suhl bildeten den Hauptsitz der Fabrikation solcher Stahlwaren. Suhl war außerdem durch seine unübertroffenen Eisenbleche, namentlich solche für Salzsiedepfannen und Schmalkalden durch seinen Edelstahl berühmt, während der östliche Teil des Thüringer Waldes mehr schwere Eisensorten und Gusswaren fabrizierte.
Der für Thüringen insbesondere unheilvolle dreißigjährige Krieg schlug dem Wohlstand seiner Bewohner und dem Bergbau und Hüttenwesen eigentlich nie vollständig geheilte Wunden. Die Horden Isolanis und Holks durchstöberten große und kleine Erzgruben nach dort verborgenen Schätzen der in die Wälder geflüchteten Einwohner und zerstörten Maschinen und Baue auf und unter dem Erdboden. Gar manche höfliche Zeche, wie der Bergmann sagt, wurde in den langen Jahren dieses gräulichen Krieges verlassen und zerstört und blieb in dem darauffolgenden Elend vergessen und verschüttet; hatte doch Thüringen fast zwei Drittel seiner Bevölkerung damals verloren.
Erst Mitte des 18. Jahrhunderts hoben sich der Bergbau und das Eisenhüttenwesen wieder; außer in der Nähe der Hauptplätze Saalfeld, Suhl, Schmalkalden, Steinach fand man auf dem ganzen Thüringer Wald, von der Hörsel bei Eisenach bis zur Saale bei Lobenstein, Hunderte von Schmelz- und Hammerwerken. Überall pochten und lärmten die Stabeisen-, Nageleisen- oder Zainhämmer, die Blech-, Sensen-, Schaar-, Schaufel-, Rohr- und Stahlhämmer. Überall in den dunkeln Forsten stiegen die Rauchsäulen der Kohlenmeiler mit ihrem weithin auffallenden, eigentümlichen Brandgeruch in die reine, klare Nachtluft empor. Überall stieß man auf Bergbau, Berg- und Hüttenleute und Fuhrwerke, die Erze, Holz, Holzkohlen, Eisen und Stahl transportierten; viele Ortschaften nährten sich in der Hauptsache vom Bergbau, der Eisen-, Stahl-, Stahlwarenfabrikation und dem zu diesem Allen notwendig gewordenen Fuhrwesen.
Dieser bis in die 1830er Jahre andauernden Blüte erwuchs aber in dem mit Steinkohlen gesegneten Westfalen ein gefährlicher Nebenbuhler. Der Kampf ums Leben wurde mit zu ungleichen Kräften geführt; er währte kaum ein Jahrzehnt. Die neuen, billig und massenhaft erzeugenden Methoden konnten in Thüringen der fehlenden Steinkohlen wegen nicht eingeführt werden, und so kam es, dass in den 1840er und 50er Jahren die meisten Schmelzöfen und die alten Hammerwerke fast alle in Stillstand gerieten. Die wertvollen Wasserkräfte wurden nach und nach zu Säge-, Mahl-, Farbe-, Porzellanmassemühlen, Maschinenfabriken und anderen industriellen Zwecken benutzt.
»Das Alte stürzt – es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.«
Mit dem Verschwinden der alten, rußigen Eisenwerke ist leider auch ein gut Teil Poesie und thüringische Eigentümlichkeit verloren gegangen. Aufhorchend blieb ehedem der Wanderer im dunklen Wald oder im frischgrünen, wasserreichen Tal stehen, wenn plötzlich der rhythmische Doppelschlag eines oft noch weit entfernten Hammerwerks sein Ohr traf; je mehr er vorwärtsschritt, desto lauter schallten die Hammerschläge, bis er nach einiger Zeit, um eine Talwand biegend, das malerisch einsam gelegene, von kleinen Wohnhäusern, Holzvorräten, Kohlenmeilern und alten hohen Bäumen umgebene, hochdachige und von Wetter und Rauch geschwärzte Gewerk vor sich liegen sah. Gar eigentümlich war der Eindruck des Inneren eines solchen schwarzgeräucherten, grell beleuchteten und tiefbeschatteten Hammerwerks, wie es unsere Abbildung, der Wirklichkeit getreu, uns vor Augen führt. Die bärtigen, rußigen, nur mit einem langen Hemd, Schurzfell, Holzpantoffeln und großem Schlapphut bekleideten Hammerschmiede könnten im ersten Augenblick wohl an die zwei Knechte erinnern, denen nach Schiller der Graf von Savern seinen Todesbefehl zuherrschte, die auf unserem Bild fühlen aber nichts weniger als Henkerslust und haben kein fühlloses Herz in ihrer Brust, wie ihre Vorfahren; sie verrichten in der von Kindheit auf erlernten Weise, zwar wortkarg, aber in größter Gemütlichkeit, ihre schwere, heiße, manchen Schweißtropfen auspressende Arbeit. Der rechts im Vordergrund sorgt für das Erhitzen der großen Eisenstäbe; der andere links regelt mit der Schützenstange den Lauf des rastlosen Wasserrades, und der Dritte schmiedet und streckt mit starker und geübter Hand den weißwarmen Eisenstab unter dem gewaltig zuschlagenden Hammer, bei dessen Schlägen blendende Strahlen um den Amboss herumleuchten.
»Und bildsam von den mächt’gen Streichen,
Muss selbst das Eisen sich erweichen.«
Das einfache Mittagsbrot bringend, wartet das frische Weib des Einen mit dem Jüngsten im Thüringer Kindermantel auf eine Pause in der Arbeit, um mit dem erst am letzten Tag der Woche heimkehrenden Mann eine kurze Zeit über die kleine Wirtschaft daheim, die Kinder oder was es sonst Neues gibt, zu reden; an ihren Knien lehnt der Älteste, durch Schurzfell und Hammer bereits kundgebend, dass auch er einst ein Hammerschmied werden will. Auch der große zinnerne Bierkrug fehlt nicht, denn der Hammerschmiedsdurst ist berühmt und unlöschbar. Was die alten Hammerschmiede in dieser Hinsicht leisten konnten, erzählt die Chronik von den sechs Suhler Blechschmieden, die des Sonnabends nach der Auslöhnung in ihrem fast adamitischen Arbeitskostüm, alle Wirtshäuser unterwegs revidierend, nach dem drei Meilen entfernten Arnstadt wanderten, um sich an dem dortigen berühmten Weizenbier einmal gründlich zu laben. Diese Labung dauerte eine ganze Woche und endete erst mit dem letzten Tropfen des ganzen Gebräus, der Brauherr aber schenkte den unverwüstlichen Trinkern ob der seinem Biere angetanen Ehre die Zeche, und stolz und vergnügt kehrten die Suhler über den Rennsteig heim in ihren alten lieben Hammer.
Wie unsere Abbildung, so zeigte sich ehemals auch jedem Touristen und Kurgast das Innere des durch seine überaus freundliche Lage im Tal der noch jugendlichen Ilm ausgezeichneten Grenz- oder Fridolin-Hammers; er ist in der unmittelbaren Nähe des an Naturreizen so reichen Ilmenau an dem von den Geognosten viel untersuchten hochinteressanten Ehrenberg gelegen; nach längerem Stillstand ist er seit einer Reihe von Jahren zu einem kleinen Gussstahlhüttenwerk umgewandelt worden, aus dessen Räumen der Hämmer Taktschlag wieder kräftig hervorschallt.
Seit mehreren Hundert Jahren wurden hier Saalfelder und in unmittelbarer Nähe gewonnene Erze verschmolzen und Stabeisen erzeugt. Karl August, welcher einen Anteil am Besitz erwarb und sich lebhaft und eingehend für den Betrieb des Werkes interessierte, besuchte mit Goethe gar oft den Grenzhammer und schaute stundenlang der Arbeit in der alten Hammerhütte zu. Der Märchendichter Musäus genoss wiederholt seine Sommerfrische hier, und auch Schillers Name ist mit dem Grenzhammer verwoben; wenigstens lässt ihn der Volksmund auf dem zu jener Zeit mit dichtem Wald umgebenen Gewerk gern weilen und die schöne Legende vom frommen Knecht Fridolin dichten.
Die Eisenbahn-Ära, welche Thüringen die fehlenden Steinkohlen herbeischaffte, hat ins Schmalkaldische und Saalfeldische neues Leben für die Eisen- und Stahlindustrie gebracht. Die Güte der Eisenerze zog Kapital und Unternehmungslust herbei; selbst Großindustrielle wie Krupp und Borsig sind auf Thüringen aufmerksam geworden. Beide treiben schon mehrere Jahre in der alten Ruhl Bergbau auf vorzüglichen Roteisenstein. Je mehr sich Zweige von den Haupteisenbahnlinien in das Thüringer Gebirge hinein erstrecken, desto größeren Aufschwung werden Bergbau und Hüttenwesen und der mannigfachste Gewerbefleiß gewinnen, trotzdem werden aber für den erquickenden und stärkenden Genuss der herrlichen Gebirgsnatur stille Täler, schattige, duftende Wälder und ozonreiche einsame Berghöhen genug noch übrig bleiben und nach wie vor dem Leidenden und dem erschöpften Großstädter Heilung und Labung spenden.
• Fritz Röhr.
