Eisenbahn-Unfall auf dem Bahnhof Wilmersdorf-Friedenau der Berliner Ringbahn
Am 30. August 1890 ist dort durch Auftreffen eines Personenzuges auf zwei in das 1. Gleis geratene Wagen eines Güterzugs ein Unfall herbeigeführt, der neben Zerstörungen an rollendem Material den Tod eines Menschen zur Folge gehabt hat; die Güterwagen sind durch Ablaufen in das Personengleis hinein geraten.
Von diesem Unfall, der für sich allein kaum dazu geeignet wäre, an dieser Stelle besondere Erwähnung zu finden, wird hier Mitteilung gemacht, weil er ein Ereignis bildet, wie dasselbe unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Ringbahnstrecke Potsdamer Bahnhof – Schmargendorf öfter befürchtet werden kann, an dem das lange Ausbleiben beinahe verwunderlich ist. Der Bahnhof Wilmersdorf-Friedenau hat einen Güterverkehr zu bewältigen, für welchen die Gleisanlage schon seit lange unzureichend ist. Es ist daher eine tägliche Wahrnehmung, dass die Rangierbewegungen sich weit in die Personengleise hinein erstrecken, bei einem Personenzug-Verkehr von zwei Zügen auf die Stunde in jeder Richtung und Unregelmäßigkeiten in den Abfahrtszeiten, welche ganz unvermeidbar sind, weil die beiden Personengleise des Südrings zur Einführung in den Potsdamer Bahnhof in ein einziges Gleis zusammengezogen sind und weil an dem anderen Ende der Zusammenschluss des Südrings mit der Stadtbahn im Endbahnhof Charlottenburg öfter Störungen mit sich bringt. Die Übelstände sind schon seit ein paar Jahren große gewesen, so dass im Anfang des Jahres 1889 die Mittel für Anlage eines zweiten Gleispaares auf der Strecke vom Potsdamer Bahnhof bis zum Bahnhof Wilmersdorf-Friedenau durch den Landtag haben bereitgestellt werden müssen. Es stehen darnach der Eisenbahn-Verwaltung die Mittel zur Abhilfe eines gefahrdrohenden Zustandes schon während eines Zeitraumes von fast 1½ Jahren zu Gebote, in welchem Abhilfe wohl möglich gewesen wäre, wenn man den nötigen Ernst gezeigt hätte. Der augenblickliche Bauzustand ist aber ein derartiger, dass kaum der Hoffnung Raum bleibt, dass die endliche Abhilfe etwa nach Ablauf von 1 – 1½ Jahren eintreten wird.
Wenn man hinzunimmt, dass es sich hier um eine Anlage handelt, für welche ein größerer Verkehr von vorn herein vorhanden war und dass für letzteren eine Steigerung fast von Woche zu Woche mit mathematischer Gewissheit zu erwarten ist, so kann man nicht umhin, diese Angelegenheit denjenigen Fällen hinzuzurechnen, bei denen die bürokratische Art und Weise und die davon untrennbare Schwerfälligkeit unserer Staatseisenbahn-Verwaltung in helle Beleuchtung treten.
Buchtipp:
Am 15. Juni 1880 wurde das neue Empfangsgebäude der Berlin-Anhalter Eisenbahn am Askanischer Platz dem Verkehr übergeben. Doch die Eröffnung des imposanten Bauwerks von Franz Schwechten war nur eine Etappe des 1871 begonnenen Umbaus des Anhalter Bahnhof in Berlin. Auf einer Länge von 5 km wurden neben dem Personenbahnhof ein Güterbahnhof, Werkstätten, Aufstell- und Verschiebegleise und viele weitere Anlagen neu errichtet. In zeitgenössischen Originaltexten werden die Anfänge der Berlin-Anhalter Eisenbahn, der Umbau des Bahnhofs und die Architektur der Gebäude geschildert. Zahlreiche Fotos und Zeichnungen illustrieren dieses Zeitdokument der Berliner Verkehrs- und Architekturgeschichte.