Berlin

Eine Stunde auf der Berliner Börse

Die Gartenlaube • 1867

Voraussichtliche Lesezeit rund 14 Minuten.

Der Fremde, der zum ersten Male Berlin durchwandert und etwa zehn Minuten vor zwölf Uhr auf der Kolonnade des herrlichen Neuen Museums tretend über die neue Friedrichsbrücke schaut, erblickt am jenseitigen Ufer einen prächtigen Palast im Renaissancestil, mit doppelter Fronte, korinthischen Säulen, mit symbolischen weiblichen Statuen-Gruppen, mit einem schönen Säulengange. Dort stehen ernst blickende Männer in lebhaftem Gespräch, ihrer Rede durch beweglichste Gebärde Nachdruck verleihend; zu ihnen gesellen sich Neuankommende; Equipagen und Droschken fahren vor, aus denen elegant gekleidete, meistens jüngere Männer steigen und sofort mit den Wartenden in eifriges Gespräch treten, und wohl mag der mit den Örtlichkeiten wenig Vertraute denken, dieser Palast sei ein Tempel der Wissenschaft, eine neue Akademie oder ein Lyceum, wo der Berliner Plato oder Aristoteles lehrt, und die wartenden oder rasch herbeieilenden Männer seien wissbegierige Schüler, die dem Kurs eifrig folgen und ja keine Minute des Unterrichts, kein Wort des Lehrers versäumen wollen.

Weit gefehlt! Nicht um einen Kurs, sondern um die neuesten Kurse zu hören, stehen die Männer da, nicht Wissen, sondern Haben ist ihr Zweck; die kleinen Händler und Pfuschmäkler und die kleinen Getreidespekulanten und -Makler, die noch vor Beginn der Börse die ›Stimmung‹ zu erforschen versuchen, keine Philosophie ist diesen Allen bekannt, als unbewusst die pythagoräische, nach welcher die Welt aus Zahlen besteht (obwohl auch manche unter ihnen entschieden nur durch Nicht-Zahlen bestehen). Sie unterhalten sich über die letzten Ereignisse, ob der Kaiser von Österreich wirklich konstitutionell regieren wird und welches Papier dabei am meisten in die Höhe gehen dürfte; ob durch das polnische Attentat ›Russen flau oder fest‹ sein werden; ob man nicht süddeutsche Aktien ›fixen‹ (d. i. zu einer gewissen Zeit liefern) sollte, da die Einigung mit Norddeutschland doch größere Militärlast und notwendigerweise auch neue Anleihen nach sich ziehen müsste. Wahrlich, sie verstehen es, die Weltgeschichte zu taxieren!

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• Auf epilog.de am 11. September 2016 veröffentlicht

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