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Eine Frühlingsfahrt auf die Wartburg

Allgemeine Automobil-Zeitung • 22.4.1900

»Und dreut der Winter noch so sehr mit trotzigen Gebärden, und wirft er Eis und Schnee umher, es muss doch Frühling werden.«

So dachten auch einige, dem Automobilsport huldigende Eisenacher, als nach eisigen Wintertagen ein reizender Frühlingstag gar zu mächtig lockte, die wohlverwahrten Fahrzeuge aus ihrer Remise zu holen und den Sport der diesjährigen Saison zu eröffnen. Die Vorbereitungen wurden getroffen, und am nächsten Morgen sollte die sagen- und liederreiche Wartburg per Automobil erklommen werden. Wenn es auch leider am nächsten Morgen schon wieder in Strömen regnete und der Winter doch noch Recht zu behalten schien, so kräftigte ein Viertelstündchen Sonnenschein den schwankenden Entschluss der kühnen Fahrer wieder und sieben Wagen hoch begann der Aufstieg. Zweihundert Meter ragt der Gipfel über die Talsohle, und unmöglich schien es, denselben erreichen zu können, doch wie unsere Bilder zeigen, gelang das Wagnis trotz Regens und Glätte, trotz Steilheit und Unwegsamkeit vollkommen.

Eine Frühlingsfahrt auf die WartburgDas erste Bild zeigt die Auffahrt in den Hof des mit der Wartburg verbundenen Restaurants; hier fallen von den Automobilisten die in deutschen Sportskreisen wohlbekannten Herren Huesener, Oesterreich und Kirchheim auf; so dürften zahlreichen Wartburgbesuchern die stets willkommenen Gesichter des Labung spendenden Oberkellners sowie des Führers durch die Räume der Wartburg bekannt sein.
Eine Frühlingsfahrt auf die WartburgUnser zweites Bild zeigt die Durchfahrt durch den eigentlichen Hof der Burg selbst, ermöglicht durch die Liebenswürdigkeit des Kommandanten der Wartburg, Herrn Schloßhauptmann Major v. Cranach, eines direkten Nachkommen des berühmten Malers. Auf dem Bilde sieht man unter anderen Automobilisten den Schlosshauptmann mit dem historischen Wartburg-Pudel ›Mohr‹.
Eine Frühlingsfahrt auf die WartburgDas dritte Bild endlich zeigt den ›Abstieg‹ von der Wartburg.

Wohl mag der Geist Luthers, der die Burg umschwebt, bei diesem waghalsigen, übrigens nur durch eminente Fortschritte im Automobilbau ermöglichten Unternehmen Ben Akiba Lügen gestraft haben, und er soll sich vorgenommen haben, der in Eisenach befindlichen Erzeugerin dieser staunenswerten Wagen, der Fahrzeugfabrik Eisenach, seinen besten Schutz angedeihen zu lassen, wie denn auch alle Fahrer sechs Minuten nach Aufnahme der Bilder wohlbehalten am Fuße des Berges wieder anlangten.

• Auf epilog.de am 10. April 2021 veröffentlicht