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Eine Forderung der Menschlichkeit

Brunnen auf Eisenbahnstationen

Die Gartenlaube • Mai 1873

Unsere deutschen Eisenbahnen lassen in Bezug auf bequeme Einrichtung manches zu wünschen übrig; doch würde es schwerfallen, aus der Beschaffung größeren Komforts geradezu eine gesetzliche Verpflichtung zu machen. Ein Ding aber gibt es, dessen Vorhandensein unbedingt gefordert werden kann, weil es der Befriedigung eines unabweisbaren Bedürfnisses dient, das ist ein Brunnen auf jeder Station, welcher, sofort in die Augen fallend und leicht zugänglich, dem reisenden Publikum Gelegenheit bietet, seinen Durst mit dem natürlichsten Getränk zu stillen und – was jedem an Reinlichkeit gewöhnten Menschen fast ebenso großes Bedürfnis ist – sich von Zeit zu Zeit die Hände zu waschen. Brunnenanlagen haben ja wohl sehr viele Bahnhöfe, aber dieselben liegen in der Regel ganz versteckt und sind daher von dem Fremden nicht aufzufinden; außerdem sind sie gewöhnlich nur für den Gebrauch der Bahnhofsbewohner bestimmt und gegen die allgemeine Benutzung teilweise sogar unter Verschluss gelegt. - R E K L A M E - Arthur Conan Doyle: Im Giftstrom – Das Ende der Welt Wer aber einmal, insbesondere mit Frau und Kindern, einen ganzen Tag bei drückender Sommerhitze auf der Eisenbahn gefahren ist, der weiß, welche Qualen der Durst, nach raschem Verbrauch der vorsorglich mitgenommenen Getränke, namentlich den Kleinen verursacht. Mit Bier denselben zu löschen, dem gewöhnlichen Mittel, wozu die Bahnhofsrestaurationen und ihre ›fliegenden‹ Kellner Gelegenheit bieten, erweist sich sehr bald, namentlich für Kinder, als gänzlich verfehlt; denn nach kurzer, augenblicklicher Befriedigung kehrt der Durst nur in verdoppeltem Grade wieder – darauf scheint ja leider die Zubereitung unsere heutigen Lagerbiere berechnet zu sein. Wasserflaschen aber findet man weder in den meisten Restau­rations­zimmern, noch auf den Servier­tellern der Kellner, und jede Nachfrage nach Wasser kann meist nur auf ein mitleidiges Lächeln von Seiten der Letzteren rechnen, welches besagen soll, dass Restaurationen und Kellner nicht dazu da sind, dem Publikum Wasser zu liefern. Dies kann man auch von ihnen, wenigstens umsonst, nicht verlangen, recht wohl aber von den Bahnverwaltungen, für die es unbedingt zur gesetzlichen Vorschrift gemacht werden sollte, jeden Bahnhof mit einem für den Gebrauch des reisenden Publikums bequem gelegenen und gut eingerichteten Brunnen zu versehen. Schreiber dieser Zeilen hat auf seinen Reisen vorläufig nur einen Bahnhof kennengelernt, welcher sich dieser öffentlichen Wohltat erfreut, das ist der zu Altenburg, und er passiert diese Station im Sommer nie, ohne auszusteigen und wenigstens den Händen ein erquickendes Wasserbad zu gönnen. Namentlich auch im Interesse der unbemittelten Reisenden, welche oft ihren letzten Groschen für die Fahrkarte aufwenden, muss es geradezu eine Forderung der Menschlichkeit genannt werden, dass denselben auf einer Eisenbahnfahrt die Möglichkeit geboten sei, wenigstens mit einem frischen Trunk Wasser ihren Durst zu löschen.

Die Gartenlaube im Juli 1873:

Wenn unsere Freunde auf ihren sonnen­glutigen Dampfwagenfahrten jetzt einen kühlen Trunk Wassers gratis erhalten, so mögen sie der Gartenlaube freundlichst gedenken. Es war Anfang Mai d. J., dass wir im Feuilleton unseres Blattes als ›eine Forderung der Menschlichkeit‹ den Wunsch aussprachen, auf allen Eisenbahnhöfen und Stationen Brunnen herzustellen, damit auch der Unbemittelte seinen Durst mit dem natürlichen Getränk stillen und der an Reinlichkeit Gewöhnte sich dann und wann die Hände waschen könne.

Heute lesen wir in allen Zeitungen:

»Berlin, 10. Juli. Die Einführung der nachahmenswerten Einrichtung von Brunnen auf den Eisenbahnhöfen steht demnächst auf sämtlichen Staatseisenbahnen bevor, indem laut Anordnung des Herrn Handelsministers auf allen Bahnhöfen, entweder unmittelbar auf den Perrons oder in nächster Nähe derselben, Brunnen angelegt werden sollen, damit sich die unbemittelten Passagiere mit gutem Trinkwasser versehen und so ihren Durst stillen können.«

Bravo!

• Auf epilog.de am 18. April 2026 veröffentlicht

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